Aktuelle Rezensionen

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Tomas Espedal : Wider die Natur

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“Er ist achtundvierzig Jahre alt, er wirkt älter(…)Er mag von Einsamkeit oder zu vielen Genüssen verwüstet sein, was genau in seinem Gesicht wohnt, lässt sich nicht sagen, aber das Verwüstete macht ihn schön; sie fand gleich, er hat ein verwüstetes und schönes Gesicht. Wenn sie ihn ansieht,(…)spürt sie nichts als Angst. Vielleicht will sie ihn einfach als Liebhaber. Vielleicht will sie sich in etwas Gefährliches, Bedrohliches hinauswerfen, das sie von Grund auf verändert.”

Henry James : Washington Square

Washington Square von Henry James

“In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, genauer gesagt, gegen Ende dieser Zeitspanne, praktizierte in der Stadt New York höchst erfolgreich ein Arzt, der sich wohl in besonderem Maße jener Anerkennung erfreute, die in den Vereinigten Staaten schon immer herausragenden Mitgliedern der medizinischen Zunft entgegengebracht wurde. Dieser Berufsstand war in Amerika stets in Ehren gehalten worden und hatte sich erfolgreicher als anderswo den Anspruch auf die Bezeichnung «liberal» erworben.”

Paul Auster : Winterjournal

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“The ring of the old telephones, the clacking of typewriters, milk in bottles, baseball without designated hitters, vinyl records, galoshes, stockings and garter belts, black-and-white movies, heavyweight champions, (…) paperback books for thirty-five cents, the political left, Jewish dairy restaurants, double features, basketball before the three-point shot, palatial movie houses, nondigital cameras, toaster that lasted for thirty years, contempt for authority, Nash Ramblers, and wood-paneled station wagons. But there is nothing you miss more than the world as it was before smoking was banned in public places.”

Gertrud Leutenegger : Panischer Frühling

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“In einem pakistanischen Esslokal, in das ich von der Straße her hineinschaute, sah ich in einem kleinen Fernseher, seit kurzem auf einem Mikrowellenherd direkt unter der niedrigen Decke postiert, den Vulkan weiter mit Wucht Asche ausspeien. Die Sprecherin verhaspelte sich beim Namen des Vulkans, Eyjafjallajökull, eja, eja, das alte Krippenlied fiel mir ein, eja eja, ein Kindelein, das hab‘ ich auserkoren, sein eigen will ich sein, und wie meine Mutter mit Leidenschaft ausrief, nein, das habe sie nie verstanden, diesen grausamen Kindermord von Bethlehem!”

Elias Canetti : Das Buch gegen den Tod

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“Alle versäumten Leben. Alle die nicht geliebt wurden, Alle die nicht lieben konnten. Alle die kein Kind bewachen durften. Alle die nicht in den Ländern waren. Alle die die Vielfalt der Tiere nicht kannten. Alle die nie unter fremden Sprachen horchten. Alle die nicht über Gläubigkeiten staunten. Alle die sich nicht mit dem Tod herumschlugen. (…) Alle die sich nie arm schenkten. Alle die sich nie betrügen ließen, und alle, die es vergaßen, wie sehr sie betrogen wurden. Alle die ihrer Überheblichkeit nicht den Kopf abschlugen, alle die nicht aus Weisheit lächelten. Alle die nicht aus Großmut lachten. Alle versäumten Leben.” (280)

Tomas Espedal : Wider die Natur

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Der Anfang – ein bekanntes Sujet: Älterer Mann trifft junge Frau. Die junge Frau, der ältere Mann. Die Geschichte von Abaelard und Heloise. Der Tod und das Mädchen. Espedal rollt die Geschichte von beiden Enden neu auf. Er ist achtundvierzig Jahre und doppelt so alt wie sie. Er könnte ihr Vater, sie könnte seine Tochter sein, und sie hat beschlossen, sich ihm hinzugeben. In dieser Begegnung zwischen dem Ich-Erzähler und Janne in einer Silvesternacht ist das Kalendarische suspendiert. Es gibt keinen Altersunterschied. Der Altersunterschied kommt erst später, als sie sich zurückziehen, in das Zimmer mit den Büchern und Spiegeln. » Weiterlesen

Henry James : Washington Square

Washington Square von Henry James

Washington Square in der vorliegenden Neuübersetzung von Bettina Blumenberg erzählt die Geschichte einer Verfehlung. Der mittellose Bonvivant Morris Townsend erobert das Herz der schüchternen Arzttochter Catherine und schielt auf ihr Vermögen, nachdem er das seinige in Europa verjubelt hat. Ihrem Vater, Dr. Austin Sloper, der vorgibt, seine einzige Tochter vor der größten Enttäuschung bewahren zu wollen, ist jedes Mittel recht, diese Ehe zu verhindern. Er entführt sie auf eine fast einjährige Kulturreise durch Europa, die auf keinen, am allerwenigsten bei Catherine Eindruck hinterlässt, und droht mit Enterbung und Liebesentzug. » Weiterlesen

Paul Auster : Winterjournal

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Der Tonsatz, mit dem Paul Auster am Vorabend seines 64. Geburtstag uns das Du anbietet und sein Winter-Tagebuch eröffnet, reißt den Leser auf die Tanzfläche eines Schriftstellerlebens, das sich im Rhythmus der Wortmusik bewegt, dreht, wendet, vor- und wieder zurückschreibt. Man sollte den Originaltext aufschlagen, um die Choreographie der Worte, um den Takt, den Refrain, die Hebungen und Senkungen, die Synkopen der Typen im Einzelnen wie im Ganzen zu vernehmen, die auf das Papier gestanzt werden:
„You think it will never happen to you, that it cannot happen to you, that you are the only person in the world to whom none of these things will ever happen, and then, one by one, they all begin to happen to you, in the same way they happen to everyone else.“ » Weiterlesen

Gertrud Leutenegger : Panischer Frühling

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April 2010. Der isländische Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull bricht aus und legt mit seiner Aschewolke den europäischen Luftverkehr lahm. Für einen Moment steht die Zeit still. Oder: Ein Zeitfenster öffnet sich. Die namenlose Ich-Erzählerin befindet sich in London. Der Zweck Ihres Aufenthalts: „Allem fern sein, um allem nah zu sein.“ Sie trifft dort auf Jonathan, der Tag für Tag auf der London Bridge eine Obdachlosenzeitung verkauft. Die beiden beginnen zu erzählen. Dieses Erzählen ermöglicht ein Erinnern, das für die kurze Zeit ihrer Begegnung die verloren geglaubten Momente eines verlorenen Glücks (und Unglücks) wiederauferstehen lässt. » Weiterlesen

Elias Canetti : Das Buch gegen den Tod

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„Die größte Anstrengung des Lebens ist, sich nicht an den Tod zu gewöhnen.“ In dieser Aufzeichnung aus dem Jahr 1967 verdichtet sich die ungeheure Anstrengung und Antriebskraft eines Schreibens, das stets ein Anschreiben gegen den Skandal des Todes war. Canetti hat Zeit seines Lebens den Plan zu diesem Buch nicht verwirklicht. Umso mehr gilt unser Dank den Herausgebern (und dem Verlag), die uns chronologisch geordnet eine sorgfältige getroffene Auswahl derjenigen Aufzeichnungen (oft einzelne Sätze nur, etwa zwei Drittel davon bislang ungedruckt) aus dem gewaltigen Textmassiv von Canettis Aufzeichnungen zugänglich machen, » Weiterlesen

Marie-Luise Scherer : Unter jeder Lampe gab es Tanz

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Über der Entscheidung, eine Strickjacke blau oder bläulich zu nennen, kann sie eine ganze Nacht zubringen. Jeder Satz muss wie ein Handschuh sitzen. Und zwei gute Sätze an einem Tag sind ein Glück. In ihren erstmals als Buch vorliegenden Preis- und Dankesreden schaut sich die Spiegeljournalistin und Autorin Marie-Luise Scherer beim Schreiben über die Schulter. Wir erfahren von den Skrupeln ihrer Silbenarbeit, von den (biographischen) Hindernissen, von Vorstößen und Nuancen, die die Geburt flüssiger Sätze einleiten und von ihrer Schreibfurcht, die sich mitunter in Notizwahn flüchtet. » Weiterlesen

Michail Ryklin : Buch über Anna

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Was wissen wir wirklich über die Menschen, die uns nahestehen und die wir lieben? Der russische Philosoph Michail Ryklin (dessen BuchMit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der gelenkten Demokratie an dieser Stelle ebenfalls sehr empfohlen sei) stellt sich und uns diese Frage in seinem Buch über Anna. Seine Frau, die Lyrikern Anna Altschuk, verlässt am Karfreitag 2008 die gemeinsame Berliner Wohnung und kehrt nicht zurück. Drei Wochen später wird sie tot aus der Spree geborgen. » Weiterlesen

Toni Morrison : Heimkehr

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Man mag versucht sein, Toni Morrisons Roman „Heimkehr“ angesichts des hohen Alters der Autorin mit der Erwartung zu lesen, es handle sich um ein sogenanntes Alterswerk. Weit gefehlt. Es sei denn, damit sei gemeint, ohne jeden Ballast, schnörkellos und leicht von der unendlichen Schwere des Lebens zu erzählen – was diesem Roman auf wunderbare Weise gelingt. Frank Money kehrt traumatisiert aus dem Koreakrieg zurück. Er hat seine beiden besten Freunde dort sterben gesehen und hat selbst getötet. Eingewiesen in eine psychiatrische Anstalt erreicht ihn die Nachricht, dass seine Schwester Cee in tödlicher Gefahr schwebt. » Weiterlesen

Grace Paley: Ungeheure Veränderungen in letzter Minute

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Nach Die kleinen Widrigkeiten des Lebens liegt mit Ungeheure Veränderungen in letzter Minute nun ein weiterer Band mit Erzählungen von Grace Paley vor, den wir an dieser Stelle sehr empfehlen wollen. Zumeist raubt einem schon der erste Satz den Atem und bildet in höchster Verdichtung und zugleich mit unvergleichlicher Leichtigkeit oder Lässigkeit (ja Schnoddrigkeit) eine Geschichte für sich. Gewissermaßen im Zeitraffer präsentiert uns schon der erste Satz der ersten Erzählung Wünsche ein ganzes Leben inklusive das Scheitern einer Ehe: „Erst war an dem Freitag mein Vater krank, dann hatte ich dienstagsabends immer die Versammlungen, dann fing der Krieg an.“ Und danach war es einfach zu spät, diese Ehe noch zu retten. » Weiterlesen

Katja Petrowskaja : Vielleicht Esther

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Es gibt Bücher, denen man mit einer Kurzbesprechung nicht zu nahe treten, aus denen man vorlesen, aber nichts zerreden möchte. Wer jedoch würde diese hehre Absicht bemerken? Wer würde registrieren, dass es unter der Lawine zu oft besprochener Bücher zarte Einschlüsse gibt, denen man anerkennend schweigend einen Dienst erweisen wollte? Katja Petrowskajas Roman ist ein solches Buch. Es ist eine Annäherung an ihre jüdische Herkunft und die Geschichte ihrer Familie. Es ist die ebenso exemplarische wie einzigartige Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden und ihrer Diaspora. Einer Geschichte, die sich ihrerseits aus hunderten und abertausenden von Partikeln » Weiterlesen

Rafael Chirbes : Am Ufer

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Kann man über „die Finanzkrise“ schreiben? So, dass daraus Literatur entsteht und nicht eine in literarisch notdürftig veranschaulichte Dokumentation oder Reportage? Ohne dass der Text an der Komplexität und Trivialität der den Globus umspannenden Kapitalströme zerschellt? Ohne nur die Sinndefizite erfolgreicher Spekulanten zu entlarven oder die Hohlheit ihrer austauschbaren Lebensentwürfe zu desavouieren? Ohne Investmentbanker sich aus dem 27. Stock ihres Büroturms stürzen zu lassen oder eine Vorstandssitzung auf die Bühne eines notdürftig restaurierten Dokumentartheaters zu bringen? Darf Literatur, die notwendig auf Sprache und deren eigenes Bewegungsgesetz verwiesen ist, sich noch zuständig fühlen für das, was in Echtzeit in den Glasfaserkabeln transagiert wird? » Weiterlesen

Navid Kermani : Große Liebe

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Alle Vorwände gelten der Liebe, behauptet ein persisches Sprichwort. Navid Kermani, der sich rückblickend an seine erste große Liebe und an den Fünfzehnjährigen erinnert, der er war, liefert den schönsten aller Vorwände für die Erzählung seiner Geschichte: dass die erste große, und niemals größere Liebe in dem Wunsch gegründet sei, sich loszuwerden und nicht ich zu sein. Erst später, wenn man sich gefunden zu haben glaubt, wenn Ichsucht an die Stelle von Ichverlust getreten ist, mögen einem die Tagebücher des Pubertierenden von einst womöglich banal erscheinen, treiben einem das großspurige Pathos, die Tollheiten Schamesröte ins Gesicht. » Weiterlesen

Wolfgang Herrndorf : Arbeit und Struktur

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Als Wolfgang Herrndorf Im März 2010 erfährt, dass ein bösartiger Tumor in seinem Kopf wächst und ihm noch fünf Lebensmonate bleiben, beginnt er einen Wettlauf gegen die Zeit. Er stürzt sich in Arbeit, schreibt „dreimal so schnell“ und täglich bis zu sechzehn Stunden. Es werden knapp drei Jahre, die er nachfolgend als die „besten seines Lebens“ bezeichnen wird. Während er unter Hochdruck den Roman Tschick fertigstellt und einen neuen Roman Sand in Angriff nimmt, stellen ihm seine Freunde – zunächst ein privates, später dann öffentlich zugängliches Tagebuch-Blog ins Netz, in dem Herrndorf minutiös Gliobastom-Recherchen, das Fortschreiten der Krankheit, seine Ängste, seine Phantasien, seine Rückschläge, seine Träume und Hoffnungen notiert. Er will „Herr im eigenen Haus“ bleiben und beschafft sich mit einem Revolver eine „Exitstratgie“. » Weiterlesen

John Cheever : Ach, dieses Paradies

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Unser Dank gilt zunächst dem Verlag, der uns in den letzten Jahren das erzählerische Werk John Cheevers in neuer Übersetzung wieder zugänglich gemacht hat. Der vorliegende Roman ist Cheevers letzter – 1982 im Jahr seines Todes erschienen – und zugleich sein merkwürdigster. Vordergründig geht es um den Kampf eines älteren Mannes aus New York – Lemuel Sears – für den Erhalt eines Teichs, des Beasley’s Pond in Janice, Upstate New York, auf dem er gerne Schlittschuh läuft. Diesen Teich (oder besser: diesen kleinen See) will eine mafiöse Allianz aus Lokalpolitik und anonym bleibenden Hintermännern zu einer Giftmülldeponie umfunktionieren. Sagenhaft, was Cheever auf den exakt 120 Seiten dieses Romans alles geschehen lässt: » Weiterlesen

Michael Maar: Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf

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Warum werden Tagebücher geschrieben? Warum lesen wir sie? Und warum sollte man auch noch ein Sekundärbuch über Tagebücher lesen? Nun, die Leser seien an dieser Stelle gleich dreifach gewarnt: Das Buch von Michael Maar liefert keine abschließenden Antworten, man kann es nicht mehr aus der Hand legen, und die Folgekosten sind unabsehbar. Denn mit jedem Kapitel wächst der Wunsch, sich alle zitierten Primärtexte von Woolf bis Hebbel, von Thomas Mann über Schnitzler zu Cheever schellstmöglich zu beschaffen. Mit stilistischer Eleganz und feiner Ironie blättert der Literaturwissenschaftler Michael Maar die abwechselnd groß und banal erscheinenden Einträge auf. Er zeigt, wie das Tagebuch der Neuzeit mit dem Wegfall der Beichte nicht nur als Kompensation der protestantischen Kultur, sondern auch als das Medium der Einsamkeit, als Zwiegespräch mit sich selbst als dem letzten möglichen Gesprächspartner gelesen werden kann. » Weiterlesen