Aktuelle Rezensionen

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Patrick Modiano erhält den Literaturnobelpreis

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“Im Mittelpunkt steht nicht mein persönliches Ich. Dieses ist eher wie eine Leerstelle, ein Probemuster, das in unterschiedliche Situationen und Atmosphären getaucht wird, um zu beobachten, wie sie sich dabei verfärben. Auf diese komplexen Verfärbungsprozesse, wo die halb fiktiven, halb realen Personen abwechselnd aufleuchten und verblassen, kommt es an. Dabei habe ich festgestellt, dass das Rätselhafte sich natürlich nicht auflöst, sondern neben dem Schreiben herläuft und mich von Buch zu Buch weiter verfolgt.”

Botho Strauß : Herkunft

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„Du blickst in deine Frühe wie in die blaue Kugel des Magiers, betrachtest ein abgetrenntes, umschlossenes Weltlein. Es ist nicht alles organisch, nicht alles Folge und Auffächerung, Fortschritt und Wachstum, was sich Leben nennt. Es bilden sich auch Kristalle: die sammeln und bündeln Strahlen und sind beständiger als Zeitspuren. Möchtest du wirklich in die Kugel hinein, möchtest Du noch einmal im Einst-Weltlein leben? Ja, würde ich rufen, sofort! Aber nur so, daß ich es nie wieder verlassen müßte und mir sämtliche erworbene Erfahrung und Entwicklung gelöscht würde. Also nur, wenn verstummt das Gurgeln des nachfragenden, des wiederkäuenden, des erinnernd eiternden Lebens – wo doch des Menschen ganze Natur danach strebt, wie vordem zu sein, also: frei von Erinnerung!“

Karl Ove Knausgård : Leben

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“Dann schlenderte ich zum Bus, rauchte eine letzte Zigarette, stellte die Koffer in den Gepäckraum, bezahlte den Fahrer und bat ihn, mir Bescheid zu geben, wenn wir nach Håfjord kamen. Ich ging nach hinten und setzte mich auf die linke Seite direkt vor die hinterste Bank, dies war mein bevorzugter Platz, solange ich denken konnte.
Schräg vor mir auf der anderen Seite des Mittelgangs saß ein hübsches blondes Mädchen, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger als ich, auf dem Sitz neben ihr stand ein Rucksack; ich vermutete, dass sie in Finnsnes aufs Gymnasium ging und nun auf dem Heimweg war. Sie hatte mich angesehen, als ich einstieg, und als der Fahrer den Gang einlegte und der Bus rumpelnd vom Halteplatz fuhr, drehte sie sich um und sah mich noch einmal an. Nicht lange, nur ganz kurz, ihr Blick streifte mich kaum, aber lange genug, dass ich einen Ständer bekam.”

Karen Köhler : Wir haben Raketen geangelt

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„Die Seebestattung war fürn Po. Gemeinsam hätten wir uns schief gelacht über Deine kotzende Mutter und den leiernden Pastor an Bord. Aber ich stand alleine da und dachte, wie banal alles ist. Mir war elend, weil ich meinte, irgendetwas Feierliches müsste geschehen. Plumps machte die Urne und mein Mund wurde schief.“

Robert Seethaler : Ein ganzes Leben

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„Wie alle Menschen hatte auch er während seines Lebens Vorstellungen und Träume in sich getragen. Manches davon hatte er sich selbst erfüllt, manches war ihm geschenkt worden. Vieles war unerreichbar geblieben oder war ihm, kaum erreicht, wieder aus den Händen gerissen worden. Aber er war immer noch da. Und wenn er in den Tagen nach der ersten Schneeschmelze morgens über die taunasse Wiese vor seiner Hütte ging und sich auf einen der verstreuten Flachfelsen legte, in seinem Rücken den kühlen Stein und im Gesicht die ersten warmen Sonnenstrahlen, dann hatte er das Gefühl, dass vieles doch gar nicht so schlecht gelaufen war.“

Patrick Modiano erhält den Literaturnobelpreis

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Nun wissen es alle und kaum einer kennt ihn hierzulande. Patrick Modiano hat heute die höchste literarische Auszeichnung, den Literaturnobelpreis, erhalten, und auf die Frage, wie er das findet, den Journalisten geantwortet: „C‘est bizarr!“ Modiano ist ein Autor der leisen Töne. Er ist keiner, der das Rampenlicht sucht. Er lebt zurückgezogen in Paris. Seine Romane sind still, seine Figuren zurückhaltend. Sie suchen und lieben die Stille des Interieurs und der Schattenwelt. Modianos Kunst besteht darin, den diffusen, komplizierten Prozess des Erinnerns auszuleuchten. Viele seiner Romane spielen in Paris unter der deutschen Besatzung. Das Geschehen bleibt in der Schwebe und die Figuren bleiben trotz ihrer fein konturierten Zeichnung schwer fassbar, » Weiterlesen

Botho Strauß : Herkunft

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Ein Buch der Erinnerung und ein Buch über das Erinnern: Das berührendste und bestürzendste Buch, das wir seit langem in Händen gehalten haben. Unserer Ansicht nach das mit Abstand wichtigste in diesem Herbst. In ihm setzt Botho Strauß sich dem „rohen, unberechenbaren Affekt, dem Anfall oder Ansprung von “‘verlorener Zeit'” schonungs- und schutzlos aus. Er führt uns nach Ems, den Ort seiner Kindheit, erinnert sich an seinen Vater, der ihm, so lange er lebte, so fremd war, mit dem ihm rückblickend und selber älter werdend aber eine „Moral des Scheiterns“ verbindet, die ein ganz neues Licht wirft auf das, was man an Abgekehrtheit und Weltflüchtigkeit Strauß immer wieder unterstellt und vorgeworfen hat. » Weiterlesen

Karl Ove Knausgård : Leben

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Über weite Strecken hinweg ist dieses Buch eine Zumutung. Warum tue ich mir das an? Ich weiß, wie man einen Kessel mit Wasser aufsetzt. Mir ist bekannt, dass Wasser nach einer gewissen Zeit kocht. Ich kenne die einzelnen Schritte, die notwendig sind, um einen Becher Kaffee aufzubrühen. Warum kann ich mich (wie hunderttausend andere Leser) dem Weiterlesen von immerhin 700 Seiten nicht entziehen? Und was wird hier eigentlich erzählt? Nach seinem Abitur und einem Kurzaufenthalt in einer Nervenklinik weiß der Ich-Erzähler nichts Besseres mit sich anzufangen als im Norden Norwegens eine Stelle als Aushilfslehrer anzutreten. Er ist volljährig und hat noch nie mit einem Mädchen geschlafen. » Weiterlesen

Karen Köhler : Wir haben Raketen geangelt

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Diese Erzählungen sind atemberaubend und im wahrsten Sinne herausragend. Wir versichern: So etwas haben Sie noch nicht gelesen. Wovon die Erzählungen handeln? Von den Krisen und Katastrophen, die das Leben für uns bereithält. Von Fluchten, Wendepunkten, Verlust und Tod. Und davon, dass es wider Erwarten jederzeit doch möglich ist, gerettet zu werden. In der Titelerzählung spricht eine weibliche Stimme zu ihrem Geliebten, von dem wir erst nach und nach erfahren, dass er tot ist. Kurze, blitzlichtartige Fragmente des gemeinsamen Lebens tauchen auf. Auf wenigen Seiten alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe – hochverdichtet in einer Sprache, die schnoddriger, zärtlicher, lakonischer und präziser nicht sein könnte. » Weiterlesen

Robert Seethaler : Ein ganzes Leben

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Ein ganzes Leben erzählen – geht das heute noch? In Form eines Romans, den man (vorschnell) versucht sein könnte als Heimatroman zu bezeichnen? Auf nicht mehr als 155 Seiten? Es geht, wie uns der neue Roman von Robert Seethaler auf eindrucksvolle Weise vorführt. Der Roman erzählt das Leben des Andreas Egger, der im Sommer 1902 als vierjähriger Bub in ein namenloses Alpendorf zum Großbauern Kranzstocker kommt, der ihn als uneheliches Kind einer seiner Schwägerinnen zwar widerwillig in Empfang nimmt, in dem Kind zugleich aber die Möglichkeit sieht, seine sadistischen Neigungen auszuleben. Die Kindheit und Jugend auf dem Kranzstocker-Hof werden für den kleinen Egger zu einem wahren Martyrium. » Weiterlesen

Urs Faes : Sommer in Brandenburg

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Der Schweizer Autor Urs Faes eröffnet uns in seinem jüngsten Roman Sommer in Brandenburg ein bislang nahezu unbekanntes und wenig erforschtes Stück jüdischer Geschichte in Deutschland. Schauplatz des Romans ist das Landgut Ahrensdorf in der Nähe von Trebbin, das bis in den Spätsommer/Herbst 1939 eines von mehreren sogenannten Landwerken der Hachschara-Bewegung ist, die von der damals noch bestehenden Reichsvertretung der Juden gepachtet wurden, um Jugendliche auf das harte und entbehrungsreiche Leben als Pioniere in einem der neu gegründeten Kibuzzim in Palästina vorzubereiten – in der Hoffnung » Weiterlesen

Tomas Espedal : Wider die Natur

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Der Anfang – ein bekanntes Sujet: Älterer Mann trifft junge Frau. Die junge Frau, der ältere Mann. Die Geschichte von Abaelard und Heloise. Der Tod und das Mädchen. Espedal rollt die Geschichte von beiden Enden neu auf. Er ist achtundvierzig Jahre und doppelt so alt wie sie. Er könnte ihr Vater, sie könnte seine Tochter sein, und sie hat beschlossen, sich ihm hinzugeben. In dieser Begegnung zwischen dem Ich-Erzähler und Janne in einer Silvesternacht ist das Kalendarische suspendiert. Es gibt keinen Altersunterschied. Der Altersunterschied kommt erst später, als sie sich zurückziehen, in das Zimmer mit den Büchern und Spiegeln. » Weiterlesen

Henry James : Washington Square

Washington Square von Henry James

Washington Square in der vorliegenden Neuübersetzung von Bettina Blumenberg erzählt die Geschichte einer Verfehlung. Der mittellose Bonvivant Morris Townsend erobert das Herz der schüchternen Arzttochter Catherine und schielt auf ihr Vermögen, nachdem er das seinige in Europa verjubelt hat. Ihrem Vater, Dr. Austin Sloper, der vorgibt, seine einzige Tochter vor der größten Enttäuschung bewahren zu wollen, ist jedes Mittel recht, diese Ehe zu verhindern. Er entführt sie auf eine fast einjährige Kulturreise durch Europa, die auf keinen, am allerwenigsten bei Catherine Eindruck hinterlässt, und droht mit Enterbung und Liebesentzug. » Weiterlesen

Paul Auster : Winterjournal

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Der Tonsatz, mit dem Paul Auster am Vorabend seines 64. Geburtstag uns das Du anbietet und sein Winter-Tagebuch eröffnet, reißt den Leser auf die Tanzfläche eines Schriftstellerlebens, das sich im Rhythmus der Wortmusik bewegt, dreht, wendet, vor- und wieder zurückschreibt. Man sollte den Originaltext aufschlagen, um die Choreographie der Worte, um den Takt, den Refrain, die Hebungen und Senkungen, die Synkopen der Typen im Einzelnen wie im Ganzen zu vernehmen, die auf das Papier gestanzt werden:
„You think it will never happen to you, that it cannot happen to you, that you are the only person in the world to whom none of these things will ever happen, and then, one by one, they all begin to happen to you, in the same way they happen to everyone else.“ » Weiterlesen

Gertrud Leutenegger : Panischer Frühling

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April 2010. Der isländische Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull bricht aus und legt mit seiner Aschewolke den europäischen Luftverkehr lahm. Für einen Moment steht die Zeit still. Oder: Ein Zeitfenster öffnet sich. Die namenlose Ich-Erzählerin befindet sich in London. Der Zweck Ihres Aufenthalts: „Allem fern sein, um allem nah zu sein.“ Sie trifft dort auf Jonathan, der Tag für Tag auf der London Bridge eine Obdachlosenzeitung verkauft. Die beiden beginnen zu erzählen. Dieses Erzählen ermöglicht ein Erinnern, das für die kurze Zeit ihrer Begegnung die verloren geglaubten Momente eines verlorenen Glücks (und Unglücks) wiederauferstehen lässt. » Weiterlesen

Elias Canetti : Das Buch gegen den Tod

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„Die größte Anstrengung des Lebens ist, sich nicht an den Tod zu gewöhnen.“ In dieser Aufzeichnung aus dem Jahr 1967 verdichtet sich die ungeheure Anstrengung und Antriebskraft eines Schreibens, das stets ein Anschreiben gegen den Skandal des Todes war. Canetti hat Zeit seines Lebens den Plan zu diesem Buch nicht verwirklicht. Umso mehr gilt unser Dank den Herausgebern (und dem Verlag), die uns chronologisch geordnet eine sorgfältige getroffene Auswahl derjenigen Aufzeichnungen (oft einzelne Sätze nur, etwa zwei Drittel davon bislang ungedruckt) aus dem gewaltigen Textmassiv von Canettis Aufzeichnungen zugänglich machen, » Weiterlesen

Marie-Luise Scherer : Unter jeder Lampe gab es Tanz

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Über der Entscheidung, eine Strickjacke blau oder bläulich zu nennen, kann sie eine ganze Nacht zubringen. Jeder Satz muss wie ein Handschuh sitzen. Und zwei gute Sätze an einem Tag sind ein Glück. In ihren erstmals als Buch vorliegenden Preis- und Dankesreden schaut sich die Spiegeljournalistin und Autorin Marie-Luise Scherer beim Schreiben über die Schulter. Wir erfahren von den Skrupeln ihrer Silbenarbeit, von den (biographischen) Hindernissen, von Vorstößen und Nuancen, die die Geburt flüssiger Sätze einleiten und von ihrer Schreibfurcht, die sich mitunter in Notizwahn flüchtet. » Weiterlesen

Michail Ryklin : Buch über Anna

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Was wissen wir wirklich über die Menschen, die uns nahestehen und die wir lieben? Der russische Philosoph Michail Ryklin (dessen BuchMit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der gelenkten Demokratie an dieser Stelle ebenfalls sehr empfohlen sei) stellt sich und uns diese Frage in seinem Buch über Anna. Seine Frau, die Lyrikern Anna Altschuk, verlässt am Karfreitag 2008 die gemeinsame Berliner Wohnung und kehrt nicht zurück. Drei Wochen später wird sie tot aus der Spree geborgen. » Weiterlesen

Toni Morrison : Heimkehr

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Man mag versucht sein, Toni Morrisons Roman „Heimkehr“ angesichts des hohen Alters der Autorin mit der Erwartung zu lesen, es handle sich um ein sogenanntes Alterswerk. Weit gefehlt. Es sei denn, damit sei gemeint, ohne jeden Ballast, schnörkellos und leicht von der unendlichen Schwere des Lebens zu erzählen – was diesem Roman auf wunderbare Weise gelingt. Frank Money kehrt traumatisiert aus dem Koreakrieg zurück. Er hat seine beiden besten Freunde dort sterben gesehen und hat selbst getötet. Eingewiesen in eine psychiatrische Anstalt erreicht ihn die Nachricht, dass seine Schwester Cee in tödlicher Gefahr schwebt. » Weiterlesen

Grace Paley: Ungeheure Veränderungen in letzter Minute

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Nach Die kleinen Widrigkeiten des Lebens liegt mit Ungeheure Veränderungen in letzter Minute nun ein weiterer Band mit Erzählungen von Grace Paley vor, den wir an dieser Stelle sehr empfehlen wollen. Zumeist raubt einem schon der erste Satz den Atem und bildet in höchster Verdichtung und zugleich mit unvergleichlicher Leichtigkeit oder Lässigkeit (ja Schnoddrigkeit) eine Geschichte für sich. Gewissermaßen im Zeitraffer präsentiert uns schon der erste Satz der ersten Erzählung Wünsche ein ganzes Leben inklusive das Scheitern einer Ehe: „Erst war an dem Freitag mein Vater krank, dann hatte ich dienstagsabends immer die Versammlungen, dann fing der Krieg an.“ Und danach war es einfach zu spät, diese Ehe noch zu retten. » Weiterlesen