Aktuelle Rezensionen

<< >>

Josef Winkler : Mutter und der Bleistift

Der Erzähler im indischen Ellora. Ein Wort fliegt auf wie ein aufgescheuchtes Wild. Ein Wort von Ilse Aichinger, von den näher kommenden Spiegeln im Alter, „bis wir uns ganz nahe sind. Der nächste Schritt heißt dann: den Spiegel mit der Faust zertrümmern, bluten, sich zerschneiden.“ Ein Wort, das den Autor zurückwirft auf den Ort seiner [...]

Patricio Pron: Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf

Ein junger Mann kehrt 2008, nachdem er acht Jahre in Deutschland gelebt hat, in seine argentinische Heimat zurück, da sein Vater schwer erkrankt ist. Durch exzessiven Konsum von Drogen hat er fast vollständig sein Gedächtnis verloren. Während sein Vater im Krankenhaus um sein Leben kämpft, findet der Erzähler auf dessen Schreibtisch eine Aktenmappe, in der [...]

Aris Fioretos : Die halbe Sonne. Ein Buch über einen Vater

Dieses „Buch über einen Vater“ – so der Untertitel – beginnt mit dem Tod des Vaters und endet mit seiner Geburt. Weil der Sohn nicht weiß, wie er trauern und Abschied nehmen soll, fasst er den Entschluss, den Vater, der in seinen letzten Lebensjahren durch Parkinson und Demenz immer mehr dem Verfall preisgegeben war, wieder [...]

Andrzej Stasiuk : Kurzes Buch über das Sterben

„Unsere Zivilisation ist seltsam. Sie rettet, bewahrt, verlängert uns das Leben. Und zugleich macht sie uns dem Tod gegenüber hilflos.“ Vier Geschichten über das Sterben: Der Tod der Großmutter bedeutet, dass auch die Welt der Geister, an die sie glaubte, jene „lebendige, übernatürliche Wirklichkeit“, für immer verschwinden wird. Augustyn, der Schriftsteller erleidet einen Schlaganfall und [...]

Benoîte Peeters : Jacques Derrida. Eine Biographie

Wie eine Biographie über einen Philosophen bewerkstelligen, der das Eingeschriebene im Korpus des Denkenden, das Setzende und Verletzende der Schrift, die Bedingungen und Aporien der Lesbarkeit in allen Variationen dekliniert hat? Eine Biographie über Derrida á la Derrida? Schon wären Genre und Sujet, ja das gesamte Vorhaben in Frage gestellt. Nein – frei vom epigonalen [...]

Josef Winkler : Mutter und der Bleistift

Winkler_Mutter und BleistiftDer Erzähler im indischen Ellora. Ein Wort fliegt auf wie ein aufgescheuchtes Wild. Ein Wort von Ilse Aichinger, von den näher kommenden Spiegeln im Alter, „bis wir uns ganz nahe sind. Der nächste Schritt heißt dann: den Spiegel mit der Faust zertrümmern, bluten, sich zerschneiden.“ Ein Wort, das den Autor zurückwirft auf den Ort seiner Kindheit und Jugend auf einem Bauernhof in Kärnten. Im Spiegel des elterlichen Schlafzimmers die Madonna sulla seggiola von Raffael, holzgerahmte Harmonie. Die Mutter mit Jesuskind auf dem Schoß, daneben ein betender Engel, „der mit seinem besorgten, traurigen Blick schon das Einschlagen der Kreuzigungsnägel hört.“ MEHR »

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Patricio Pron: Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf

pron-der-geist-meiner-vaeter-steigt-im-regen-aufEin junger Mann kehrt 2008, nachdem er acht Jahre in Deutschland gelebt hat, in seine argentinische Heimat zurück, da sein Vater schwer erkrankt ist. Durch exzessiven Konsum von Drogen hat er fast vollständig sein Gedächtnis verloren. Während sein Vater im Krankenhaus um sein Leben kämpft, findet der Erzähler auf dessen Schreibtisch eine Aktenmappe, in der sein Vater Zeitungsartikel über den Tod eines gewissen Alberto José Burdisso gesammelt hat. Wer war dieser Burdisso? Und welche Verbindung besteht zum Vater des Erzählers? Der Sohn beginnt zu lesen und erfährt, dass der Vater in der Zeit der Militärdiktatur (1976 – 1983) Alicia Burdisso, MEHR »

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Aris Fioretos : Die halbe Sonne. Ein Buch über einen Vater

Dieses „Buch über einen Vater“ – so der Untertitel – beginnt mit dem Tod des Vaters und endet mit seiner Geburt. Weil der Sohn nicht weiß, wie er trauern und Abschied nehmen soll, fasst er den Entschluss, den Vater, der in seinen letzten Lebensjahren durch Parkinson und Demenz immer mehr dem Verfall preisgegeben war, wieder zusammenzusetzen und – dessen Leben rückwärts erzählend – einen „Paparat“ zu bauen. „Träume und Übertreibungen gehören dazu“. Er weiß, „dass deshalb sowohl Fakten als auch Phantasie erforderlich sein werden, um den Vater noch einmal zu machen.“ Dieser Vater muss als junger Mann aus politischen Gründen Hals über Kopf die griechische Heimat verlassen, MEHR »

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Andrzej Stasiuk : Kurzes Buch über das Sterben

„Unsere Zivilisation ist seltsam. Sie rettet, bewahrt, verlängert uns das Leben. Und zugleich macht sie uns dem Tod gegenüber hilflos.“ Vier Geschichten über das Sterben: Der Tod der Großmutter bedeutet, dass auch die Welt der Geister, an die sie glaubte, jene „lebendige, übernatürliche Wirklichkeit“, für immer verschwinden wird. Augustyn, der Schriftsteller erleidet einen Schlaganfall und verliert sein Gedächtnis. Alles, was ihn mit seinen Freunden noch verbindet, sind „Bruchstücke“, „vage Spuren der Vergangenheit“, die für die eigene Identität bürgen. Unberührt davon ist seine mit einem „diabolischen Grinsen“ einhergehende Weigerung, sich angesichts des Todes mit der Kirche auszusöhnen. MEHR »

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Benoîte Peeters : Jacques Derrida. Eine Biographie

Wie eine Biographie über einen Philosophen bewerkstelligen, der das Eingeschriebene im Korpus des Denkenden, das Setzende und Verletzende der Schrift, die Bedingungen und Aporien der Lesbarkeit in allen Variationen dekliniert hat? Eine Biographie über Derrida á la Derrida? Schon wären Genre und Sujet, ja das gesamte Vorhaben in Frage gestellt. Nein – frei vom epigonalen Gestus der Dekonstruktion und ohne Anspruch auf Vollständigkeit hat Benoîte Peeters den klassischen, linearen Weg gewählt und sich in dreijähriger Arbeit unter gigantischem Rechercheaufwand dem Ethos der Genauigkeit verschrieben. Dafür hat er die über 80 veröffentlichten Werke Derridas einer Neulektüre unterzogen. Er hat das umfangreiche Archiv der Universität in Irvine MEHR »

Diesen Artikel weiterempfehlen:

David Vann : Dreck

Ein Buch wie ein Faustschlag ins Gesicht. Galen, 22 Jahre, lebt mit seiner Mutter auf einer Walnussplantage in Carmichael, einem Vorort von Sacramento, im Central Valley, Kalifornien, „einer langgestreckten, heißen Senke Stumpfsinn“. Galen möchte gerne aufs College. Angeblich ist dafür aber kein Geld vorhanden. Das Verhältnis zu seiner Mutter: verhängnisvoll-symbiotisch. „Sie hatte ihn zu einer Art Ehemann gemacht, ihren eigenen Sohn. Sie hatte ihre Mutter, ihre Schwester und ihre Nichte rausgeworfen und diese Zweisamkeit geschaffen, und jeden Tag hatte er das Gefühl, es nicht einen einzigen weiteren Tag auszuhalten, und jeden Tag blieb er.“ MEHR »

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Kerstin Decker : Richard Wagner. Mit den Augen seiner Hunde betrachtet

Man muss kein Wagnerianer sein, nicht mal ein Hundenarr, um das Buch von Kerstin Decker auf Anhieb zu lieben. Sogar als Hundehasser wird man bei der Lektüre nachdenklich und erwägt, ob man sein Verhältnis zu den Vierbeinern – insbesondere zu Neufundländern – nicht von Grund auf überdenken sollte. Ohne seine Hunde, so erfahren wir, wäre aus Richard Wagner nicht der Jahrhundertkomponist geworden, der er war. Er hatte eine Neufundländerseele. Wie ein Rudel von Hundegeistern wechseln Robber, Peps, Fips und Pohl ihre Besitzer und folgen ihrem Meister von Riga, Paris, Dresden, Tribschen bis Bayreuth, auf Schritt und Tritt. Oder folgt Wagner ihnen? MEHR »

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Pierre Bost : Ein Sonntag auf dem Lande

Es gilt, ein literarisches Kleinod anzuzeigen. Dem Dörlemann Verlag sei gedankt, diesen 1945 erstmals erschienen Roman des heute weitgehend vergessenen französischen Autors Pierre Bost (1901-1975) dem deutschsprachigen Publikum wieder zugänglich gemacht zu haben. Wie der Titel des Romans es vermuten lässt, spielt der Roman an einem einzigen Tag. Wir begleiten Monsieur Ladmiral – ein 76-jähriger, ehemals erfolgreicher aber unbedeutender Maler, der sich aufs Land umweit von Paris zurückgezogen hat – auf seinem Weg zum Bahnhof, um seinen Sohn samt Familie abzuholen, die wie jeden Sonntag aus Paris zu Besuch kommt. Später an diesem Sonntag wird unangemeldet noch seine Tochter Irène in die kleine Gesellschaft platzen und alles gehörig durcheinanderwirbeln, bevor sie Hals über Kopf wieder verschwindet. MEHR »

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Felix Hartlaub : Italienische Reise

Im Sommer 1931 unternimmt der damals achtzehnjährige Schüler der Odenwaldschule Felix Hartlaub gemeinsam mit 10 Mitschülerinnen und Mitschülern und dem betreuenden Lehrer Werner Meyer eine einmonatige Studienreise nach Italien. Nikola Herweg und Harald Tausch haben das Reisetagebuch inklusive der Federzeichnungen des Achtzehnjährigen jetzt im Suhrkamp Verlag herausgegeben, kommentiert und mit einem klugen und instruktiven Nachwort versehen. Die Aufzeichnungen beginnen im Tessin, weitere Stationen der Reise sind u.a. Genua, die Cinque Terre, Viareggio, Lucca, Pisa, ein längerer Aufenthalt schließlich in Florenz. Die letzte Aufzeichnung erfolgt auf der Rückreise in Freiburg. Dieser schmale, sehr schön gestaltete Band bietet nichts Geringeres als eine hoch verdichtete und in ihrem Ton ganz eigene Schule des Sehens. Nicht nur für Italienkundige.

Felix Hartlaub: Italienische Reise. Bibliothek Suhrkamp 1473, Gebunden, 104 Seiten, 17,95 €

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Henri Thomas: Der Meineid

Die Geschichte ist so: Der angehende Literaturwissenschaftler Stéphan Charlier leidet unter einem Übervater, der als angesehener Literaturprofessor nicht müde wird, seinem Sohn zu attestieren, er habe „seinen Weg noch nicht gefunden“. Hals über Kopf wandert dieser nach Amerika aus, um dort über Romantik und Hölderlin zu arbeiten. Er schlägt sich als Erntehelfer und mit Gelegenheitsjobs durch, heiratet eine Frau, wird Vater, bekommt einen befristeten Lehrauftrag an der Uni. Er stiehlt sich halberblindet in eine Augenklink, als aufliegt, dass er bereits verheiratet war und eine Frau mit zwei Kindern in Belgien sitzen gelassen hat. Ab hier übernimmt ein Ich-Erzähler das Ruder. Es ist ein Zimmerkollege Charliers an der Westford-Universität. MEHR »

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Jonathan Franzen : Weiter weg

„Im Spätherbst des vergangenen Jahres war es mir ein ziemlich starkes Bedürfnis, weiter weg zu sein. Vier Monate lang war ich nonstop mit einem Roman auf Tour gewesen und willenlos meinem Terminkalender gefolgt, bis ich mich mehr und mehr wie die kleine Raute auf dem Ladebalken meines Mediaplayers fühlte.“ Also entschließt Jonathan Franzen sich, im wahrsten Sinne des Wortes abzuhauen: Nach Más Afuera („Weiter weg“) nämlich, eine von Menschen unbewohnte Vulkaninsel, achthundert Kilometer vor der Küste von Chile, dafür Heimat aber für Millionen von Seevögeln. Wir erfahren in dem Essay, der dem vorliegenden Band zugleich seinen Titel leiht, dass Franzen ein begeisterter Vogelbeobachter ist. MEHR »

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Szilárd Rubin: Die Wolfsgrube

Nach „Kurze Geschichte von der ewigen Liebe“ und „Eine beinahe alltägliche Geschichte“ liegt mit „Die Wolfsgrube“ – dem Rowohlt Berlin Verlag sei gedankt – nun ein weiterer Roman des erst kurz vor seinem Tod 2010 (wieder)entdeckten ungarischen Autors Szilárd Rubin vor. Vom Verlag als „Kriminalroman“ bezeichnet lässt sich der erstmals 1973 in Ungarn erschienene Roman vordergründig durchaus als solcher lesen. Sechs Freunde treffen sich nach 15 Jahren in der Nähe der südungarischen Stadt Pécs wieder. Ergänzt wird die Runde von zwei Ehefrauen, einer Balletttänzerin und der Sprechstundenhilfe des Gastgebers. MEHR »

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Wilhelm Genazino : Tarzan am Main

Man könnte den neuen Genazino auch als das Ich-Buch seiner Frankfurter Jahre bezeichnen. Mit gewohnt ironischem Blick lässt der Büchner-Preisträger Erinnerungen an seine Zeit in der Satirezeitschrift Pardon, das jahrelange Pendeln zwischen Freiburg und Frankfurt Revue passieren. Er skizziert bekannte und unbekannte Menschen, lässt Frankfurt und seine Randbezirke und immer wieder die kleinen Verschrobenheiten des Älterwerdens hindurch spazieren, die, einmal wahrgenommen, den Leser nicht mehr loslassen. Der Irrsinn der Stadtplaner korreliert mit den Lebensläufen derjenigen, die vom Weg abgekommen sind. Und doch gibt es einen neuerlichen, schärferen Ton: Randständige, Obdachlose, Alkoholiker und Radfahrer(!) kommen nicht mehr so gut weg. MEHR »

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Metin Eloğlu : Fast eine Geschichte

Zunächst sei diesem noch jungen Verlag gedankt, der einen, zumindest den meisten von uns deutschsprachigen Lesern, unbekannten literarischen Kosmos erschließt und zugänglich macht. Die Schauplätze der in diesem Band versammelten 19 meist kurzen Erzählungen, deren Mehrzahl aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts stammt: Strandcafés, Kaffeehäuser, Kneipen. Ihre männlichen Helden und Erzähler: Verlierer, Träumer, Trinker, Zerrissene, Verliebte, die uns von ihrem Scheitern, ihrem Elend, ihren Geldsorgen, ihrem Überdruss und ihrer Einsamkeit berichten, aber auch von ihren Träumen, Hoffnungen und Sehnsüchten, die sich nicht erfüllen werden. MEHR »

Diesen Artikel weiterempfehlen:

Peter Handke – Siegfried Unseld : Der Briefwechsel

Es steht zu befürchten, dass verlagsgeschichtliche Editionen dieser Art, einmal den Gesetzen des Marktes unterworfen, bald der Vergangenheit angehören. Der Briefwechsel zwischen Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld und einem seiner nahestehendsten Autoren, Peter Handke, erscheint womöglich deshalb zur rechten Zeit. Am Leitfaden der in Duktus und Ton immer selbstbewusster und forscher auftretenden Handke-Briefe kann man die Geduld des Verlegers nur bewundern. So wie er die Frechheiten Thomas Bernhards oder Dauerausreden Wolfgang Koeppens wegsteckt, reagiert er klug und besonnen auf die Überempfindlichkeiten und Unterstellungen wie etwa „die Zeit der Lügen muss ein Ende haben“. MEHR »

Diesen Artikel weiterempfehlen: