Aktuelle Rezensionen

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Kader Abdolah : Die Krähe

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Und dann passiert Folgendes: Die Königin fährt vor. Sie trägt einen auffälligen Hut. Mit einem Strauß bunter Tulpen nähert sie sich meinem Haus. Ich stehe mit meiner Frau und Tochter vor der Tür und neige den Kopf zum Gruß. Ihre Majestät drückt mir den Blumenstrauß in die Hand und sagt: „Ich habe Ihr Buch gelesen.“

Irit Amiel : Gezeichnete – Geschichten vom Überleben

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»Und sie lauschen dem Sprachgewirr, aber Jiddisch spricht hier keiner mehr. Und im schimmernden Abenddunst ziehen sich die Gefährten meiner Kindheit zurück, entschwinden …«

Grace Paley : Am selben Tag, später

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Zweiundzwanzig Amerikaner reisten durch China. Ich war einer von ihnen. Wir machten viele Fotos. Wir hatten gelernt, wie man hallo sagt, auf Wiedersehen, dürfte ich ein Foto von Ihnen machen? Häufig wollten die Leute nicht fotografiert werden.Tja, warum ist das bloß so? Wir machen Bilder von ihnen, damit wir uns an die Chinesen besser erinnern, um unseren Freunden nach dem Abendessen von ihnen zu erzählen und später mal in Kirchen und Schulen Diavorträge halten zu können. In Wahrheit aber machen wir es, weil wir die Politik nicht aus dem Kopf kriegen, wenn nicht sogar, weil wir davon vollkommen beherrscht werden.

Peter Bichsel : Über das Wetter reden

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„Sprache braucht man zum Sprechen. Er braucht sein Italienisch zum Sprechen und ich mein Deutsch – wir verstehen die Sprache des Anderen nicht, aber wir reden miteinander, wir verstehen uns. Wir können über das Wetter reden, darüber daß es heiß ist, in allen Sprachen dieser Welt, wir könnten dabei mit dem Handrücken über die nasse Stirn fahren und jeder in seiner Sprache reden. ‚Es gibt nur eine Sprache’ hat der große jüdische Philosoph Franz Rosenzweig gesagt. Ja, nur eine Sprache, die Sprache der Menschen.“

Julian Barnes : Lebensstufen

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„Man bringt zwei Menschen zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden. Manchmal ist das wie jener erste Versuch, einen Wasserstoffballon an einen Heißluftballon zu koppeln: Man hat die Wahl zwischen abstürzen und verbrennen oder verbrennen und abstürzen. Aber manchmal funktioniert es, und etwas Neues entsteht, und die Welt hat sich verändert. Dann wird irgendwann, früher oder später, aus dem einen oder anderen Grund, einer von beiden weggenommen. Und was weggenommen wurde, ist größer als die Summe dessen, was vorher da gewesen war. Mathematisch mag das nicht möglich sein, aber emotional ist es möglich.“

Kader Abdolah : Die Krähe

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Wer diesen kleinen Roman aufschlägt, hält das fünfzehnte Buch eines exiliranischen Schriftstellers in der Hand, der erzählen lässt, wie es wäre, wenn seine Geschichte anders verlaufen wäre, wenn er keinen Erfolg als Autor gehabt hätte. Wem die Rückkehr in seine Heimat verwehrt ist, wer nur unter falschem Namen und in einer anderen Sprache als seiner Muttersprache überleben kann, findet in der Welt der Vorstellungen Zuflucht. Dieser Roman handelt vom Traum des Schreibens und von der Kraft der Imagination. Das Pseudonym erfindet Geschichten, die zu seiner eigenen Überraschung glaubwürdiger klingen als die Wahrheit. Dem Autor ist dieser Traum in Erfüllung gegangen. » Weiterlesen

Irit Amiel : Gezeichnete – Geschichten vom Überleben

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Wenn Sie in diesem Jahr nur ein Buch zu lesen beabsichtigen, dann lesen Sie dieses. Irit Amiel wurde 1931 in Polen als Irena Librowicz geboren. 1947 gelangte sie nach Palästina und lebt seitdem als Autorin und Übersetzerin in Israel. Als Überlebende hat sie Geschichten vom Überleben gesammelt und aufgeschrieben, die Zeugnis ablegen davon, welch unaussprechliche Last und welch lebenslangen Schmerz das Überleben für diejenigen bedeutet haben musste, denen es – um den Preis für immer von den Eltern, Geschwistern, Großeltern und Verwandten getrennt zu werden, oft ohne sich auch nur verabschieden zu können » Weiterlesen

Grace Paley : Am selben Tag, später

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Wir danken dem Verlag für einen weiteren Band mit Erzählungen von Grace Paley und möchten unsere Empfehlung für diese Autorin, die wir schon für Ungeheure Veränderungen in letzter Minute aussprachen, wiederholen. In den vorliegenden 17 Erzählungen treffen wir Faith (immer noch „Rechthaberin in Person“) und ihre Freundinnen wieder, mittlerweile älter gewordene, aber immer noch „starrsinnige linke Ladys“ und unbeugsame Vertreterinnen „später Gegenkultur – so ihre Selbstbeschreibung in der Erzählung Freundinnen. Was diese Erzählungen auszeichnet ist weniger das, wovon sie berichten als vielmehr die unverwechselbare Art und Weise, in der sie erzählt werden. » Weiterlesen

Peter Bichsel : Über das Wetter reden

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Seit über 30 Jahren schrieb Peter Bichsel regelmäßig für verschiedene Schweizer Zeitungen Kolumnen, die in ebensolcher Regelmäßigkeit vom Suhrkamp Verlag uns Lesern auch in Buchform präsentiert wurden. Nun also der leider wohl letzte Band, der im doppelten Sinne das Werk eines ganzen Lebens „abrundet“ und uns dazu einlädt, dieses Werk entweder allererst zu entdecken oder sich wieder durch die Jahrzehnte zu blättern, sich festzulesen und sich darin zu verklettern. Unsere Empfehlung bezieht sich deshalb nicht nur auf das uns vorliegende Buch, das die Kolumnen der Jahre 2012 bis 2015 versammelt, sondern auf das gesamte Werk von Peter Bichsel. Auch die vorliegenden Texte entziehen sich einer exakten Textsortendefinition. » Weiterlesen

Julian Barnes : Lebensstufen

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Entwarnung: Es geht nicht um rückblickende Altersweisheit à la Hesse, um nachträgliche Sinnstiftung oder Appretur eines geglückten Lebens. Das Buch von Julian Barnes mit dem unglücklichen, wahrscheinlich jedoch unausweichlichen Titel „Lebensstufen“ (im Original „Levels of Life“) handelt von Luft und Liebe. Von der Höhenluft, die die Liebe beansprucht. Wir lesen von den ersten Aeronauten, den Ballonfahrern, ihren Abenteuern und Visionen. Wir lesen von der Wahrheit und Magie der ersten Photographien. Was es bedeutete, sich den Auf- und Abtrieben der Winde auszuliefern und den theologischen Luftraum zu erobern. Ballonfahren stand für Freiheit. Wer mit dem Ballon aufstieg, wusste nicht, wohin es ihn trägt. » Weiterlesen

Mercè Rodoreda : Der Garten über dem Meer

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Wir befinden uns in den zwanziger Jahren, in einem Garten an der katalanischen Küste in der Nähe von Barcelona, nur wenige Jahre bevor das Franco-Regime wüten wird. Sechs Kapitel, sechs Sommer lang lässt die katalanische Autorin Mercè Rodoreda das bunte, gesellige Décadence-Treiben in der Villa über dem Meer, das Kommen und Gehen seiner wohlhabenden Bewohner, dem frisch verheirateten Ehepaar Francesc und Rosamaria aus Sicht eines alten angestellten Gärtners erzählen. Sie bewirten ihre Bohemienfreunde aus Barcelona, fahren Wasserski, feiern rauschende Feste und zertrampeln die Beete. » Weiterlesen

Michel Houellebecq : Unterwerfung

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Wir haben lange gezögert uns mit den – zweifellos sehr bescheidenen – uns zur Verfügung stehenden Mitteln an der Debatte über den neuen Roman Michel Houellebecqs zu beteiligen. Wir tun dies nun dennoch, da wir glauben, dass der bisherige Verlauf der Debatte den vorliegenden Text konsequent verfehlt. Es handelt sich weder um einen islamkritischen Text (hierzu hat sich auch der Autor hinreichend und sichtlich genervt geäußert) noch um eine Satire. Vielmehr um den paradoxen Versuch ein Vakuum oder Nichts sichtbar zu machen, ohne es konsequenterweise als solches zu benennen (und damit seinen Nicht-Gehalt notwendigerweise zu verfehlen), in das der neue islamische Präsident Frankreichs mit seiner Partei stößt. » Weiterlesen

Vladimir Nabokov : Vorlesungen über westeuropäische Literatur

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Wir kennen ihn als Meistererzähler, als den Autor von Lolita, von Ada, Pnin oder Erinnerung, sprich. Was einige nicht wissen ist, dass der russische Romancier und leidenschaftliche Schmetterlingsjäger nach seiner Flucht aus Europa einen Großteil seines produktiven Schaffens, immerhin fast zwanzig Jahre, an amerikanischen Universitäten verbrachte. Von 1941 bis 1948 gab er Sprachkurse und hielt Seminare zu russischer Literatur an der Stanford-Unviersität. 1948 wurde er als außerordentlicher Professor für slawische Literatur an die Cornell-Universität berufen. Die Kurse litten zunächst darunter, dass es in Cornell kaum jemanden gab, der Russisch konnte. » Weiterlesen

Wolfgang Büscher : Ein Frühling in Jerusalem

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Der Ort, wohin uns Wolfgang Büscher nimmt, ist kein geografischer Ort. Jerusalem ist Sehnsuchts- und Erlösungsziel par excellence, ein Ur-Topos antiker, griechischer, babylonischer, jüdischer, christlicher, osmanischer, armenischer, palästinensischer wie islamischer Hegemonie. Abend- und Morgenland wohnen Wand an Wand. Jerusalem bedeutet „Stadt des Friedens“. Aber es ist kein Frieden dort. Es herrscht Waffenstillstand, jederzeit aufkündbar, hochexplosiv. Ein Schmelztiegel aus Argwohn und Ressentiments, aus Demütigungen und Urfehden. Und doch, am Rande der Altstadt, unweit des Jaffators, gibt es die Mamilla Mall. » Weiterlesen

Patrick Modiano erhält den Literaturnobelpreis

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Nun wissen es alle und kaum einer kennt ihn hierzulande. Patrick Modiano hat heute die höchste literarische Auszeichnung, den Literaturnobelpreis, erhalten, und auf die Frage, wie er das findet, den Journalisten geantwortet: „C‘est bizarr!“ Modiano ist ein Autor der leisen Töne. Er ist keiner, der das Rampenlicht sucht. Er lebt zurückgezogen in Paris. Seine Romane sind still, seine Figuren zurückhaltend. Sie suchen und lieben die Stille des Interieurs und der Schattenwelt. Modianos Kunst besteht darin, den diffusen, komplizierten Prozess des Erinnerns auszuleuchten. Viele seiner Romane spielen in Paris unter der deutschen Besatzung. Das Geschehen bleibt in der Schwebe und die Figuren bleiben trotz ihrer fein konturierten Zeichnung schwer fassbar, » Weiterlesen

Botho Strauß : Herkunft

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Ein Buch der Erinnerung und ein Buch über das Erinnern: Das berührendste und bestürzendste Buch, das wir seit langem in Händen gehalten haben. Unserer Ansicht nach das mit Abstand wichtigste in diesem Herbst. In ihm setzt Botho Strauß sich dem „rohen, unberechenbaren Affekt, dem Anfall oder Ansprung von „‚verlorener Zeit'“ schonungs- und schutzlos aus. Er führt uns nach Ems, den Ort seiner Kindheit, erinnert sich an seinen Vater, der ihm, so lange er lebte, so fremd war, mit dem ihm rückblickend und selber älter werdend aber eine „Moral des Scheiterns“ verbindet, die ein ganz neues Licht wirft auf das, was man an Abgekehrtheit und Weltflüchtigkeit Strauß immer wieder unterstellt und vorgeworfen hat. » Weiterlesen

Karl Ove Knausgård : Leben

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Über weite Strecken hinweg ist dieses Buch eine Zumutung. Warum tue ich mir das an? Ich weiß, wie man einen Kessel mit Wasser aufsetzt. Mir ist bekannt, dass Wasser nach einer gewissen Zeit kocht. Ich kenne die einzelnen Schritte, die notwendig sind, um einen Becher Kaffee aufzubrühen. Warum kann ich mich (wie hunderttausend andere Leser) dem Weiterlesen von immerhin 700 Seiten nicht entziehen? Und was wird hier eigentlich erzählt? Nach seinem Abitur und einem Kurzaufenthalt in einer Nervenklinik weiß der Ich-Erzähler nichts Besseres mit sich anzufangen als im Norden Norwegens eine Stelle als Aushilfslehrer anzutreten. Er ist volljährig und hat noch nie mit einem Mädchen geschlafen. » Weiterlesen

Karen Köhler : Wir haben Raketen geangelt

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Diese Erzählungen sind atemberaubend und im wahrsten Sinne herausragend. Wir versichern: So etwas haben Sie noch nicht gelesen. Wovon die Erzählungen handeln? Von den Krisen und Katastrophen, die das Leben für uns bereithält. Von Fluchten, Wendepunkten, Verlust und Tod. Und davon, dass es wider Erwarten jederzeit doch möglich ist, gerettet zu werden. In der Titelerzählung spricht eine weibliche Stimme zu ihrem Geliebten, von dem wir erst nach und nach erfahren, dass er tot ist. Kurze, blitzlichtartige Fragmente des gemeinsamen Lebens tauchen auf. Auf wenigen Seiten alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe – hochverdichtet in einer Sprache, die schnoddriger, zärtlicher, lakonischer und präziser nicht sein könnte. » Weiterlesen

Robert Seethaler : Ein ganzes Leben

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Ein ganzes Leben erzählen – geht das heute noch? In Form eines Romans, den man (vorschnell) versucht sein könnte als Heimatroman zu bezeichnen? Auf nicht mehr als 155 Seiten? Es geht, wie uns der neue Roman von Robert Seethaler auf eindrucksvolle Weise vorführt. Der Roman erzählt das Leben des Andreas Egger, der im Sommer 1902 als vierjähriger Bub in ein namenloses Alpendorf zum Großbauern Kranzstocker kommt, der ihn als uneheliches Kind einer seiner Schwägerinnen zwar widerwillig in Empfang nimmt, in dem Kind zugleich aber die Möglichkeit sieht, seine sadistischen Neigungen auszuleben. Die Kindheit und Jugend auf dem Kranzstocker-Hof werden für den kleinen Egger zu einem wahren Martyrium. » Weiterlesen

Urs Faes : Sommer in Brandenburg

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Der Schweizer Autor Urs Faes eröffnet uns in seinem jüngsten Roman Sommer in Brandenburg ein bislang nahezu unbekanntes und wenig erforschtes Stück jüdischer Geschichte in Deutschland. Schauplatz des Romans ist das Landgut Ahrensdorf in der Nähe von Trebbin, das bis in den Spätsommer/Herbst 1939 eines von mehreren sogenannten Landwerken der Hachschara-Bewegung ist, die von der damals noch bestehenden Reichsvertretung der Juden gepachtet wurden, um Jugendliche auf das harte und entbehrungsreiche Leben als Pioniere in einem der neu gegründeten Kibuzzim in Palästina vorzubereiten – in der Hoffnung » Weiterlesen

Tomas Espedal : Wider die Natur

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Der Anfang – ein bekanntes Sujet: Älterer Mann trifft junge Frau. Die junge Frau, der ältere Mann. Die Geschichte von Abaelard und Heloise. Der Tod und das Mädchen. Espedal rollt die Geschichte von beiden Enden neu auf. Er ist achtundvierzig Jahre und doppelt so alt wie sie. Er könnte ihr Vater, sie könnte seine Tochter sein, und sie hat beschlossen, sich ihm hinzugeben. In dieser Begegnung zwischen dem Ich-Erzähler und Janne in einer Silvesternacht ist das Kalendarische suspendiert. Es gibt keinen Altersunterschied. Der Altersunterschied kommt erst später, als sie sich zurückziehen, in das Zimmer mit den Büchern und Spiegeln. » Weiterlesen

Henry James : Washington Square

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Washington Square in der vorliegenden Neuübersetzung von Bettina Blumenberg erzählt die Geschichte einer Verfehlung. Der mittellose Bonvivant Morris Townsend erobert das Herz der schüchternen Arzttochter Catherine und schielt auf ihr Vermögen, nachdem er das seinige in Europa verjubelt hat. Ihrem Vater, Dr. Austin Sloper, der vorgibt, seine einzige Tochter vor der größten Enttäuschung bewahren zu wollen, ist jedes Mittel recht, diese Ehe zu verhindern. Er entführt sie auf eine fast einjährige Kulturreise durch Europa, die auf keinen, am allerwenigsten bei Catherine Eindruck hinterlässt, und droht mit Enterbung und Liebesentzug. » Weiterlesen

Paul Auster : Winterjournal

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Der Tonsatz, mit dem Paul Auster am Vorabend seines 64. Geburtstag uns das Du anbietet und sein Winter-Tagebuch eröffnet, reißt den Leser auf die Tanzfläche eines Schriftstellerlebens, das sich im Rhythmus der Wortmusik bewegt, dreht, wendet, vor- und wieder zurückschreibt. Man sollte den Originaltext aufschlagen, um die Choreographie der Worte, um den Takt, den Refrain, die Hebungen und Senkungen, die Synkopen der Typen im Einzelnen wie im Ganzen zu vernehmen, die auf das Papier gestanzt werden:
„You think it will never happen to you, that it cannot happen to you, that you are the only person in the world to whom none of these things will ever happen, and then, one by one, they all begin to happen to you, in the same way they happen to everyone else.“ » Weiterlesen

Gertrud Leutenegger : Panischer Frühling

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April 2010. Der isländische Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull bricht aus und legt mit seiner Aschewolke den europäischen Luftverkehr lahm. Für einen Moment steht die Zeit still. Oder: Ein Zeitfenster öffnet sich. Die namenlose Ich-Erzählerin befindet sich in London. Der Zweck Ihres Aufenthalts: „Allem fern sein, um allem nah zu sein.“ Sie trifft dort auf Jonathan, der Tag für Tag auf der London Bridge eine Obdachlosenzeitung verkauft. Die beiden beginnen zu erzählen. Dieses Erzählen ermöglicht ein Erinnern, das für die kurze Zeit ihrer Begegnung die verloren geglaubten Momente eines verlorenen Glücks (und Unglücks) wiederauferstehen lässt. » Weiterlesen

Elias Canetti : Das Buch gegen den Tod

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„Die größte Anstrengung des Lebens ist, sich nicht an den Tod zu gewöhnen.“ In dieser Aufzeichnung aus dem Jahr 1967 verdichtet sich die ungeheure Anstrengung und Antriebskraft eines Schreibens, das stets ein Anschreiben gegen den Skandal des Todes war. Canetti hat Zeit seines Lebens den Plan zu diesem Buch nicht verwirklicht. Umso mehr gilt unser Dank den Herausgebern (und dem Verlag), die uns chronologisch geordnet eine sorgfältige getroffene Auswahl derjenigen Aufzeichnungen (oft einzelne Sätze nur, etwa zwei Drittel davon bislang ungedruckt) aus dem gewaltigen Textmassiv von Canettis Aufzeichnungen zugänglich machen, » Weiterlesen

Marie-Luise Scherer : Unter jeder Lampe gab es Tanz

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Über der Entscheidung, eine Strickjacke blau oder bläulich zu nennen, kann sie eine ganze Nacht zubringen. Jeder Satz muss wie ein Handschuh sitzen. Und zwei gute Sätze an einem Tag sind ein Glück. In ihren erstmals als Buch vorliegenden Preis- und Dankesreden schaut sich die Spiegeljournalistin und Autorin Marie-Luise Scherer beim Schreiben über die Schulter. Wir erfahren von den Skrupeln ihrer Silbenarbeit, von den (biographischen) Hindernissen, von Vorstößen und Nuancen, die die Geburt flüssiger Sätze einleiten und von ihrer Schreibfurcht, die sich mitunter in Notizwahn flüchtet. » Weiterlesen

Michail Ryklin : Buch über Anna

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Was wissen wir wirklich über die Menschen, die uns nahestehen und die wir lieben? Der russische Philosoph Michail Ryklin (dessen BuchMit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der gelenkten Demokratie an dieser Stelle ebenfalls sehr empfohlen sei) stellt sich und uns diese Frage in seinem Buch über Anna. Seine Frau, die Lyrikern Anna Altschuk, verlässt am Karfreitag 2008 die gemeinsame Berliner Wohnung und kehrt nicht zurück. Drei Wochen später wird sie tot aus der Spree geborgen. » Weiterlesen

Toni Morrison : Heimkehr

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Man mag versucht sein, Toni Morrisons Roman „Heimkehr“ angesichts des hohen Alters der Autorin mit der Erwartung zu lesen, es handle sich um ein sogenanntes Alterswerk. Weit gefehlt. Es sei denn, damit sei gemeint, ohne jeden Ballast, schnörkellos und leicht von der unendlichen Schwere des Lebens zu erzählen – was diesem Roman auf wunderbare Weise gelingt. Frank Money kehrt traumatisiert aus dem Koreakrieg zurück. Er hat seine beiden besten Freunde dort sterben gesehen und hat selbst getötet. Eingewiesen in eine psychiatrische Anstalt erreicht ihn die Nachricht, dass seine Schwester Cee in tödlicher Gefahr schwebt. » Weiterlesen

Grace Paley: Ungeheure Veränderungen in letzter Minute

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Nach Die kleinen Widrigkeiten des Lebens liegt mit Ungeheure Veränderungen in letzter Minute nun ein weiterer Band mit Erzählungen von Grace Paley vor, den wir an dieser Stelle sehr empfehlen wollen. Zumeist raubt einem schon der erste Satz den Atem und bildet in höchster Verdichtung und zugleich mit unvergleichlicher Leichtigkeit oder Lässigkeit (ja Schnoddrigkeit) eine Geschichte für sich. Gewissermaßen im Zeitraffer präsentiert uns schon der erste Satz der ersten Erzählung Wünsche ein ganzes Leben inklusive das Scheitern einer Ehe: „Erst war an dem Freitag mein Vater krank, dann hatte ich dienstagsabends immer die Versammlungen, dann fing der Krieg an.“ Und danach war es einfach zu spät, diese Ehe noch zu retten. » Weiterlesen

Katja Petrowskaja : Vielleicht Esther

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Es gibt Bücher, denen man mit einer Kurzbesprechung nicht zu nahe treten, aus denen man vorlesen, aber nichts zerreden möchte. Wer jedoch würde diese hehre Absicht bemerken? Wer würde registrieren, dass es unter der Lawine zu oft besprochener Bücher zarte Einschlüsse gibt, denen man anerkennend schweigend einen Dienst erweisen wollte? Katja Petrowskajas Roman ist ein solches Buch. Es ist eine Annäherung an ihre jüdische Herkunft und die Geschichte ihrer Familie. Es ist die ebenso exemplarische wie einzigartige Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden und ihrer Diaspora. Einer Geschichte, die sich ihrerseits aus hunderten und abertausenden von Partikeln » Weiterlesen