Amity Gaige : Schroders Schweigen

Amity_Gaige_Schroders_SchweigenDer erfahrene Leser glaubt, ihn könne nichts mehr erschüttern. Er wiegt sich im Glauben, alles sei schon einmal irgendwann, irgendwo durch irgendwen erzählt worden, alle menschlichen Irrtümer, Lügen und Tragödien, jedes Scheitern, jedes Versagen und jeder Schmerz seien schon zur Genüge beschrieben worden. Dass dem nicht so ist, beweist dieser Roman, der – wenn man nicht aufpasst – einem das Herz brechen kann. Schroder, der Erzähler, richtet aus dem Gefängnis das Wort an seine Frau Laura, die sich von ihm getrennt und mit der er eine kleine Tochter, Meadow, hat. Er erzählt, wie er als Kind mit seinem Vater die DDR verließ und in die USA gelangte. Wie er sich einen neuen Namen (ausgerechnet Kennedy), eine neue Vergangenheit und Biografie andichtete und zum konsequenten Lügner und Hochstapler wurde. Wie er seine Frau Laura kennenlernte und heiratete und wie, ohne dass er es merkte, seine Ehe scheiterte und er zum zweiten Mal vor den Trümmern seines (falschen) Lebens stand. Er erzählt von seiner grenzenlosen Liebe zu seiner Tochter, die jedem Leser, dessen Herz noch ein wenig schlägt, unvergesslich bleiben wird. Von seiner Angst, seine Tochter zu verlieren und von ihr für immer getrennt zu werden. Von der Angst, ihre Liebe zu verlieren. Davon, wie er an einem der wenigen ihm gerichtlich zugestandenen Besuchstage mit Meadow einfach losfährt und aus einem dieser traurigen Nachmittage, die Scheidungsväter mit ihren verstörten Kindern verbringen, eine Flucht wird, die die Fortsetzung all seiner bisherigen Fluchten ist und ihm als Entführung ausgelegt werden wird. Davon, dass diese Tage mit Meadow die schönsten seines Lebens gewesen sein werden. Als Leser stellen wir – der großartigen Amity Gaige sei gedankt – fest, dass dieser Lügner und Hochstapler in uns etwas (wieder)erweckt, was wir, durch Postmoderne und Dekonstruktion vermeintlich gestählt und abgebrüht, nicht mehr in uns vermuteten, uns nicht mehr zutrauten oder zugestanden: Mitgefühl und Identifikation – im besten Sinne – mit dem Helden, der sein eigenes Leben so konsequent und vorsätzlich an die Wand fährt. Aus Schroders Schweigen, das er sich selbst als Buße auferlegt, entsteht also dieser Bericht, von dem er nicht hoffen kann, dass Laura ihn liest oder Meadow ihn eines Tages zu Gesicht bekommen wird. Wir, die wir Meadow in unser Herz geschlossen haben, stellen fest, dass wir stellvertretend für sie gelesen haben und schöpfen zumindest daraus ein wenig Trost, den uns dieser Roman gleichzeitig zu rauben droht. Seine Lektüre sei allen ans Herz gelegt, die eines besitzen. Wir wünschen uns und diesem Buch, dass es viele sein mögen.

Amity Gaige: Schroders Schweigen, übersetzt von Monika Schmalz, 320 Seiten, geb, Hanser Berlin, 19,90 €