Amos Oz / Fania Oz-Salzberger: Juden und Worte

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Der Schriftsteller Amos Oz und seine Tochter, die Historikern Fania Oz-Salzberger (deren auch im Jüdischen Verlag erschienenes Buch Israelis in Berlin an dieser Stelle ebenfalls sehr empfohlen sei) stellen die Frage nach dem, was jüdische Identität und Kontinuität über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg ausmacht. Sie tun dies ausdrücklich als „nicht-religiöse Juden“, deren jüdische Identität sich nicht aus dem Glauben speist. Sie tun dies als „Atheisten der Bibel“ – in dem Bewusstsein, dass „wir Juden (…) dafür bekannt (sind), daß wir unmöglich etwas zustimmen können, was mit ‚wir Juden’ anfängt“. Der Titel dieses Buches ist also schon die Antwort. Die Autoren zeigen auf, dass „jüdische Geschichte und jüdische Nation eine beispiellos-einzigartige Kontinuität bilden, die weder ethnischer noch politischer Natur ist. (…) Vielmehr gründete die nationale und kulturelle Genealogie der Juden stets auf der über Generationen hinweg weitergereichten mündlichen Überlieferung. Es geht natürlich um Religion, noch mehr aber um Texte.“ Die beiden Autoren halten dafür, dass jüdischen Kontinuität und Identität stets an verbal geäußerte und geschriebene Worte geknüpft war, „an ein ausuferndes Geflecht von Interpretationen, Debatten und Meinungsverschiedenheiten“. Sie sagen deshalb von sich: „Wir Atheisten bleiben Juden, ebenfalls durch Lesen“. Denn: „Was uns verbindet, sind nicht Blutsverwandtschaften, sondern Texte“. Genauer: Das Lesen von Texten und die Lust am Streit um die angemessene Interpretation derselben. Was Juden (im Exil, in der Diaspora, angesichts von Ausgrenzung, Verfolgung und systematischer Ermordung) „am Leben hielt waren Texte“. „Wenn man also vor Massakern und Pogromen um sein Leben rannte, aus dem brennenden Haus oder der Synagoge – man nahm Kinder und Bücher mit. Die Bücher und die Kinder.“ Jüdische Genealogie ist für die beiden Autoren zu allererst eine Genealogie von Lesen und Schreiben; gebildeter Nachwuchs der Schlüssel fürs „kollektive Überleben“. Damit wurde die Beziehung zwischen Eltern und Kind, zwischen Lehrer und Schüler wichtiger als die zwischen Mann und Frau. Das vorliegende Buch selbst ist Ausdruck jener Disputier- und Streitlust, jenes Humors und jener Respektlosigkeit, die auch vor dem Allmächtigen nicht Halt macht. So auch die Autoren, wenn sie schreiben: „Unsere Geschichte handelt nicht von der Rolle Gottes, sondern von der Rolle der Worte. Gott ist eines dieser Worte.“ Oz und Oz-Salzberger betonen denn auch die Unterscheidung zwischen „Juden“ und „Judentum“. „Was wir hier erzählen, handelt nicht vom ‚Judentum’, sondern von Israeliten und Juden, von der Abfolge zahlloser Individuen, die durch Texte eng miteinander verbunden sind, mit Gott und untereinander hadern, kaleidoskopartig. Juden und ihre Worte sind soviel mehr als Judentum. Letzteres ist für sie eine „konventionelle Abstraktion, bei der allerdings die Gefahr besteht, daß sie die abgrundtiefen Unterschiede zwischen Juden vertuscht. Die Einsicht, daß jede Seele eine ganz Welt für sich darstellt.“ Zu biblischen Zeiten trugen das Volk und sein Glauben den Namen eines Mannes: Israel. Der Übergang vom Israeliten zum Juden ist der „vom Angehörigen eines Stammes aus Mose Zeiten im Lande der Väter zu einem lesewütigen, umherziehenden Weltbürger“. Das vorliegende Buch ist darum nicht zum Wenigsten eine Lektion in Sachen Pluralismus (und eine leidenschaftlich-streitbare Apologie des Lesens). Denn das, was die Autoren als das „Jüdische“ bezeichnen, steht, wenn es nach ihnen geht – allen zur Verfügung – „jedem, der verrückt genug ist, es für sich zu beanspruchen“. Und: „Man kann das Wort Jude in diesem Buch durch Leser ersetzen.“ Wir können dies deshalb auch nicht anders denn als Einladung verstehen, so dass wir an dieser Stelle unsererseits dazu einladen wollen, dieses Buch zu lesen.

Amos Oz/Fania Oz-Salzberger: Juden und Worte. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2013; 285 S., 21,95 €