Andrzej Stasiuk : Kurzes Buch über das Sterben

„Unsere Zivilisation ist seltsam. Sie rettet, bewahrt, verlängert uns das Leben. Und zugleich macht sie uns dem Tod gegenüber hilflos.“ Vier Geschichten über das Sterben: Der Tod der Großmutter bedeutet, dass auch die Welt der Geister, an die sie glaubte, jene „lebendige, übernatürliche Wirklichkeit“, für immer verschwinden wird. Augustyn, der Schriftsteller erleidet einen Schlaganfall und verliert sein Gedächtnis. Alles, was ihn mit seinen Freunden noch verbindet, sind „Bruchstücke“, „vage Spuren der Vergangenheit“, die für die eigene Identität bürgen. Unberührt davon ist seine mit einem „diabolischen Grinsen“ einhergehende Weigerung, sich angesichts des Todes mit der Kirche auszusöhnen. Für den Erzähler gleichwohl ein kleiner Trost: „Das war ein Zeichen dafür, dass Krankheit und Behinderung ihn zwar von der Welt und von uns getrennt hatten, sein tiefstes Wesen aber davon unberührt geblieben war.“ Augustyn stirbt allein. Auch für uns (Über)Lebende gilt: „Wir sind immer mehr, und immer mehr von uns werden sterben. In immer größerer Einsamkeit.“ Das Sterben der Hündin, die zum memento mori, zur „Vision der menschlichen Sterblichkeit wird“. Der Tod des Freundes Olek, mit dem der Erzähler auf unzähligen Reisen der Enge der polnischen Kleinstadt entfloh, aus der sie beide stammten, bis auf einer dieser Reisen der Freund ihm eröffnet, dass er sterben werde. Der Erzähler fragt sich: „Was geschieht mit der Zeit, die vergangen ist? Wohin verschwinden die Ereignisse, an denen wir teilhatten? Wo zum Beispiel ist heute der Sommertag, an dem wir uns in Zagórz in den Zug setzten, nachdem wir von der Küste aus zwanzig Stunden lang per Autostopp durchs ganze Land gefahren waren.“ Mit jedem Tod verschwindet eine ganze Welt. Und zugleich ist das Ende des Lebens gar kein Ende, sondern ein Abbruch von etwas kaum Begonnenem. „Sterben wir, kaum verändert? Kaum angebrochen?“ Keine Antwort, die uns beruhigen könnte.