Andrzej Stasiuk : Tagebuch danach geschrieben.

„Der Sinn würde sich am Ende offenbaren, weil ein Sinn existiert. Deshalb ging ich jedesmal auf Reisen, immer weiter und weiter. Bis ans Ende des Kontinents, damit mir nichts anderes übrigbleibt, als umzukehren.“
Andrzej Stasiuk ist ein Herumtreiber, ein transsilvanischer Vagabund, ein beutegieriger Nomade in Absurdistan. Wo andere lieber nicht hinreisen, weil es zu gefährlich oder zu demprimierend ist, findet Stasiuk literarische Beute. Der Balkan ist sein Revier. Sein Vaterland ist Polen, wo der Kommunismus grau war. „Denn das Land war grau, denn die Gesichter waren grau, denn das Leben war grau und einen Scheiß wert, weil es keine zwanzig Sorten Chips und keinen erschwinglichen Tunesien-Urlaub gab.“ Und weil dieses Land mit einem Satz aus der Epoche des Feudalismus in den Whirlpool des Postkonsums gesprungen ist, zieht es ihn immer wieder an den Beckenrand, in den von Bürgerkrieg und Korruption gebeutelten Balkan, nach Albanien, Kroatien, Serbien, Montenegro, Bosnien, Rumänien, zwischen Minenfelder und Minarette, Gräber, Pluderhosen, aus denen MG-Salven als Handy-Klingelton ertönen: „Von dortaus sieht man besser, wie das Vaterland dasteht, unschlüssig und breitbeinig.“ Erst sprengen sie mit Dynamit alles in die Luft, legen ihre Vergangenheit und Gegenwart in Schutt und Asche und locken die Fernsehsender mit dem Geruch von Blut an. Später hört dann alles auf, und nur Beamte bleiben, die vor Langeweile sterben. Schamanen und Halbstarke, die die verschollenen Ulanengeister beschwören. „Wenn es keine Kriege gibt, sterben sie auf dem Motorrad.“ Von diesen Randzonen her erscheint die europäische Einheit wie ein schlechter Witz. „Der ganze Balkan war häretisch (…). Die Einheit Europas ist nur leeres Geschwätz. Im Osten Schisma, im Süden Ketzerei. Nur im Westen europäische Orthodoxie. So sieht es aus.“ Harter Tobak und feinste literarische Kost!
Andrzej Stasiuk: Tagebuch danach geschrieben. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Edition Suhrkamp, 175 S., 15,-EUR