Aris Fioretos : Die halbe Sonne. Ein Buch über einen Vater

Dieses „Buch über einen Vater“ – so der Untertitel – beginnt mit dem Tod des Vaters und endet mit seiner Geburt. Weil der Sohn nicht weiß, wie er trauern und Abschied nehmen soll, fasst er den Entschluss, den Vater, der in seinen letzten Lebensjahren durch Parkinson und Demenz immer mehr dem Verfall preisgegeben war, wieder zusammenzusetzen und – dessen Leben rückwärts erzählend – einen „Paparat“ zu bauen. „Träume und Übertreibungen gehören dazu“. Er weiß, „dass deshalb sowohl Fakten als auch Phantasie erforderlich sein werden, um den Vater noch einmal zu machen.“ Dieser Vater muss als junger Mann aus politischen Gründen Hals über Kopf die griechische Heimat verlassen, geht nach Wien, studiert dort Medizin, heiratet eine österreichische Kunststudentin – die Mutter des Erzählers –, tritt einen Stelle als Arzt in Schweden an, um mit seiner Familie dort zu bleiben bis das Ende der Militärdiktatur 1974 eine Rückkehr in die Heimat endlich wieder möglich macht. Das Buch ist darum auch ein Buch darüber, was es heißt, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts innerhalb Europas im Exil zu leben. Und für den Sohn und Erzähler ist der Vater deshalb stets der „ausländische Vater“, über den er Thesen aufstellt wie diese: „Der Handteller eines ausländischen Vaters ist größer als der Himmel über Euch“. Aber auch: „Einem ausländischen Vater fällt es schwer zu verstehen, dass die Auffassungen seiner Kinder das Heimatland betreffend von seinen eigenen abweichen können. (…) Ein ausländischer Vater fordert deshalb Beweise ihrer Loyalität. Ein ausländischer Vater erkennt nicht immer, dass solche Forderungen die entgegengesetzte Wirkung haben können.“ Und: „Auch ein ausländischer Vater muss geschützt werden. Zum Beispiel durch Nachsicht.“ Dies vielleicht um so mehr, da der Erzähler als „Definition für einen Vater“ vorschlägt: „Er-der-schützt“.

In Schweden bleibt der Vater „selten mehr als ein paar Jahre an einem Wohnsitz. Neue Anstellungen, neue Abenteuer. Und lebt konsequent über seine Verhältnisse – nicht aus Leichtsinn oder Dummdreistigkeit, sondern weil er keinen Grund sieht, sich von Hindernissen hemmen zu lassen, die er als läppisch oder beleidigend empfindet.“ Vielleicht, weil der Vater, der in Schweden als Mediziner Karriere macht, erkennt, dass seine Familie beginnt sesshaft zu werden während bei ihm das Gefühl wächst in der Verbannung zu leben.

In kurzen Szenen, Erinnerungsstücken und -bildern, oft nicht länger als eine Seite, nähert sich der Erzähler dem Leben seines Vaters an und setzt ihn für sich und uns Leser wie angekündigt wieder zusammen. Und das Schöne und Bemerkenswerte an diesem Text ist: nicht um sich selber, sondern um den Vater besser zu verstehen. Ein weiterer literarischer Vatermord hätte die Tradition auf seiner Seite. Umso dankbarer sind wir über dieses Buch, in dem ein Sohn wohlwollend, staunend und um Gerechtigkeit bemüht sich das Leben und die Person des eigenen Vaters erzählerisch aneignet – ohne dabei Gefahr zu laufen ins Apologetische oder Verklärende zu geraten. Der Erzähler erinnert sich, dass sein Vater nur sehr ungern über die Umstände sprach, die dazu führten, dass er als beinahe noch Jugendlicher Griechenland verlassen musste. Sein Schreiben nimmt ernst, was sein Vater ihm dazu sagte: „Die Vergangenheit besteht aus vielen Türen. Nicht jede lässt sich öffnen.“

Aris Fioretos: „Die halbe Sonne“. Ein Buch über einen Vater. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Carl Hanser Verlag, München 2013. 192 S., geb., 18,90 Euro.