Archiv für Alexander Wittwer

Aris Fioretos : Die halbe Sonne. Ein Buch über einen Vater

Dieses „Buch über einen Vater“ – so der Untertitel – beginnt mit dem Tod des Vaters und endet mit seiner Geburt. Weil der Sohn nicht weiß, wie er trauern und Abschied nehmen soll, fasst er den Entschluss, den Vater, der in seinen letzten Lebensjahren durch Parkinson und Demenz immer mehr dem Verfall preisgegeben war, wieder zusammenzusetzen und – dessen Leben rückwärts erzählend – einen „Paparat“ zu bauen. „Träume und Übertreibungen gehören dazu“. Er weiß, „dass deshalb sowohl Fakten als auch Phantasie erforderlich sein werden, um den Vater noch einmal zu machen.“ Dieser Vater muss als junger Mann aus politischen Gründen Hals über Kopf die griechische Heimat verlassen, » Weiterlesen

Andrzej Stasiuk : Kurzes Buch über das Sterben

„Unsere Zivilisation ist seltsam. Sie rettet, bewahrt, verlängert uns das Leben. Und zugleich macht sie uns dem Tod gegenüber hilflos.“ Vier Geschichten über das Sterben: Der Tod der Großmutter bedeutet, dass auch die Welt der Geister, an die sie glaubte, jene „lebendige, übernatürliche Wirklichkeit“, für immer verschwinden wird. Augustyn, der Schriftsteller erleidet einen Schlaganfall und verliert sein Gedächtnis. Alles, was ihn mit seinen Freunden noch verbindet, sind „Bruchstücke“, „vage Spuren der Vergangenheit“, die für die eigene Identität bürgen. Unberührt davon ist seine mit einem „diabolischen Grinsen“ einhergehende Weigerung, sich angesichts des Todes mit der Kirche auszusöhnen. » Weiterlesen

David Vann : Dreck

Ein Buch wie ein Faustschlag ins Gesicht. Galen, 22 Jahre, lebt mit seiner Mutter auf einer Walnussplantage in Carmichael, einem Vorort von Sacramento, im Central Valley, Kalifornien, „einer langgestreckten, heißen Senke Stumpfsinn“. Galen möchte gerne aufs College. Angeblich ist dafür aber kein Geld vorhanden. Das Verhältnis zu seiner Mutter: verhängnisvoll-symbiotisch. „Sie hatte ihn zu einer Art Ehemann gemacht, ihren eigenen Sohn. Sie hatte ihre Mutter, ihre Schwester und ihre Nichte rausgeworfen und diese Zweisamkeit geschaffen, und jeden Tag hatte er das Gefühl, es nicht einen einzigen weiteren Tag auszuhalten, und jeden Tag blieb er.“ » Weiterlesen

Pierre Bost : Ein Sonntag auf dem Lande

Es gilt, ein literarisches Kleinod anzuzeigen. Dem Dörlemann Verlag sei gedankt, diesen 1945 erstmals erschienen Roman des heute weitgehend vergessenen französischen Autors Pierre Bost (1901-1975) dem deutschsprachigen Publikum wieder zugänglich gemacht zu haben. Wie der Titel des Romans es vermuten lässt, spielt der Roman an einem einzigen Tag. Wir begleiten Monsieur Ladmiral – ein 76-jähriger, ehemals erfolgreicher aber unbedeutender Maler, der sich aufs Land umweit von Paris zurückgezogen hat – auf seinem Weg zum Bahnhof, um seinen Sohn samt Familie abzuholen, die wie jeden Sonntag aus Paris zu Besuch kommt. Später an diesem Sonntag wird unangemeldet noch seine Tochter Irène in die kleine Gesellschaft platzen und alles gehörig durcheinanderwirbeln, bevor sie Hals über Kopf wieder verschwindet. » Weiterlesen

Felix Hartlaub : Italienische Reise

Im Sommer 1931 unternimmt der damals achtzehnjährige Schüler der Odenwaldschule Felix Hartlaub gemeinsam mit 10 Mitschülerinnen und Mitschülern und dem betreuenden Lehrer Werner Meyer eine einmonatige Studienreise nach Italien. Nikola Herweg und Harald Tausch haben das Reisetagebuch inklusive der Federzeichnungen des Achtzehnjährigen jetzt im Suhrkamp Verlag herausgegeben, kommentiert und mit einem klugen und instruktiven Nachwort versehen. Die Aufzeichnungen beginnen im Tessin, weitere Stationen der Reise sind u.a. Genua, die Cinque Terre, Viareggio, Lucca, Pisa, ein längerer Aufenthalt schließlich in Florenz. Die letzte Aufzeichnung erfolgt auf der Rückreise in Freiburg. Dieser schmale, sehr schön gestaltete Band bietet nichts Geringeres als eine hoch verdichtete und in ihrem Ton ganz eigene Schule des Sehens. Nicht nur für Italienkundige.

Felix Hartlaub: Italienische Reise. Bibliothek Suhrkamp 1473, Gebunden, 104 Seiten, 17,95 €

Jonathan Franzen : Weiter weg

„Im Spätherbst des vergangenen Jahres war es mir ein ziemlich starkes Bedürfnis, weiter weg zu sein. Vier Monate lang war ich nonstop mit einem Roman auf Tour gewesen und willenlos meinem Terminkalender gefolgt, bis ich mich mehr und mehr wie die kleine Raute auf dem Ladebalken meines Mediaplayers fühlte.“ Also entschließt Jonathan Franzen sich, im wahrsten Sinne des Wortes abzuhauen: Nach Más Afuera („Weiter weg“) nämlich, eine von Menschen unbewohnte Vulkaninsel, achthundert Kilometer vor der Küste von Chile, dafür Heimat aber für Millionen von Seevögeln. Wir erfahren in dem Essay, der dem vorliegenden Band zugleich seinen Titel leiht, dass Franzen ein begeisterter Vogelbeobachter ist. » Weiterlesen

Szilárd Rubin: Die Wolfsgrube

Nach „Kurze Geschichte von der ewigen Liebe“ und „Eine beinahe alltägliche Geschichte“ liegt mit „Die Wolfsgrube“ – dem Rowohlt Berlin Verlag sei gedankt – nun ein weiterer Roman des erst kurz vor seinem Tod 2010 (wieder)entdeckten ungarischen Autors Szilárd Rubin vor. Vom Verlag als „Kriminalroman“ bezeichnet lässt sich der erstmals 1973 in Ungarn erschienene Roman vordergründig durchaus als solcher lesen. Sechs Freunde treffen sich nach 15 Jahren in der Nähe der südungarischen Stadt Pécs wieder. Ergänzt wird die Runde von zwei Ehefrauen, einer Balletttänzerin und der Sprechstundenhilfe des Gastgebers. » Weiterlesen

Metin Eloğlu : Fast eine Geschichte

Zunächst sei diesem noch jungen Verlag gedankt, der einen, zumindest den meisten von uns deutschsprachigen Lesern, unbekannten literarischen Kosmos erschließt und zugänglich macht. Die Schauplätze der in diesem Band versammelten 19 meist kurzen Erzählungen, deren Mehrzahl aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts stammt: Strandcafés, Kaffeehäuser, Kneipen. Ihre männlichen Helden und Erzähler: Verlierer, Träumer, Trinker, Zerrissene, Verliebte, die uns von ihrem Scheitern, ihrem Elend, ihren Geldsorgen, ihrem Überdruss und ihrer Einsamkeit berichten, aber auch von ihren Träumen, Hoffnungen und Sehnsüchten, die sich nicht erfüllen werden. » Weiterlesen

Janet Frame : Ein Engel an meiner Tafel

Zunächst sei dem Verlag gedankt, dem das Verdienst gebührt, mit der Neuauflage von Ein Engel an meiner Tafel den zweiten Band der dreiteiligen Autobiografie der großartigen neuseeländischen Autorin Janet Frame (1924 – 2004) wieder zugänglich gemacht zu haben. Kann man ein solches Leben erfinden? Diese Frage kann sich nur derjenige stellen, der nicht weiß, dass es sich hier um einen autobiografischen Text handelt und wir von dem Glücksfall sprechen dürfen, in dem Literatur an das Leben heranzureichen vermag, das sich nicht einordnen lässt in die Kategorien des „Normalen“ oder „Anomalen“. Wo verläuft die Grenze zwischen beiden? Janet Frame hat auf schmerzhafte Weise erfahren müssen, dass die Bestimmung der Grenze ihr selbst über lange Jahre unverfügbar blieb und pure Willkür ist. » Weiterlesen

Tomás Gonzáles : Das spröde Licht

Die Geschichte einer Nacht.
Die beiden Brüder Jacobo und Pablo sind auf dem Weg von New York nach Portland. Sie wollen dort einen Arzt treffen, der bereit ist, Jacobo Sterbehilfe zu leisten. Jacobo ist nach einem Unfall vom Hals abwärts gelähmt und leidet seitdem unter unerträglichen neuropathischen Schmerzen, für die es keine Aussicht auf Linderung gibt.

In der New Yorker Wohnung der Familie warten die Eltern David und Sara mit dem dritten Sohn Arturo. Freunde der Familie und Freundinnen der Söhne kommen und gehen. Telefonate werden geführt. Jacobo und Pablo erstatten regelmäßig Bericht über den Fortschritt ihrer Reise und das Warten auf den Arzt. » Weiterlesen

György Konrád : Über Juden

„1944 war ich ein ungarischer Jude, seit 1945 bin ich ein jüdischer Ungar.“ Die in diesem Band versammelten Aufsätze des ungarischen Schriftstellers und Essayisten György Konrád aus den Jahren 1986 bis 2010 gehen der Frage nach, was es vor und nach 1945 bedeutet hat und bedeutet, ungarischer Jude oder jüdischer Ungar bzw. Europäer zu sein. In den meist kurzen Texten macht Konrád eindringlich deutlich, dass Jude sein im Europa unserer Tage zunächst und immer noch heißt: Bedroht zu sein. Denn: „Auschwitz war für das Judentum der größte Denkzettel‚ Gleich, was Du von Dir denkst, du bist und bleibst Jude’, sagte Auschwitz.“ » Weiterlesen

Peter Handke : Versuch über den stillen Ort

Ja. Mit dem „Stillen Ort“ ist tatsächlich jenes sprichwörtlich „stille Örtchen“ gemeint, das uns nicht nur erlaubt, unsere Notdurft zu verrichten, sondern das uns darüber hinaus auch in anderer Not Zuflucht und Asyl bietet, wenn die Zumutungen dessen, was wir Welt, Gesellschaft oder das Soziale nennen, überhand nehmen und wir einen Ort im Abseits benötigen, um (manchmal im eigentlichen Sinne des Wortes) hinauszutreten und wieder oder allererst zu uns selbst zu kommen. Auf dem Klosett des geistlichen Internats macht der junge Peter Handke die Erfahrung, dass es an diesem Ort erstmals um ihn (und niemand anderen) geht. » Weiterlesen

Alex Capus : Skidoo

Bodie, die Goldgräber-Geisterstadt im Nordosten Kaliforniens hinter den verschneiten Bergspitzen der Sierra Nevada war einst Schauplatz prunkvoller Beerdigungen dort lebender Chinesen, Betreiber in Zeiten des Goldrauschs unverzichtbarer Dienstleistungsangebote wie Wäschereien, Restaurants und Opiumhöhlen, die ihren Verstorbenen allerlei Speisen ins Grab legten: Frühlingsrollen, Kanton-Reis und süßsaure Entenbrust. Was wiederum die Paiute-Indianer dazu motivierte, sich rasch profunde ethnographische Kenntnisse der chinesischen Bestattungsrituale anzueignen, um an diese Köstlichkeiten zu gelangen. » Weiterlesen

Richard Ford : Kanada

Great Falls, Montana 1960: Der 15-jährige Dell lebt zusammen mit seiner Zwillingsschwester Berner und seinen Eltern in der gesichtslosen Kleinstadt im Nordwesten der USA. Er freut sich auf die Schule, will endlich Mitglied des örtlichen Schachclubs werden und interessiert sich für Bienenzucht. Aus all dem wird nichts, denn seine Eltern werden auf dilettantische Weise im benachbarten North Dakota eine Bank überfallen, um eine Schuld von 2.000,– Dollar begleichen zu können, die aus illegalen Geschäften des Vaters stammt. Der Erzähler lässt keinen Zweifel daran, dass dieser Banküberfall jeder inneren oder äußeren Notwendigkeit entbehrt. » Weiterlesen

Martin Walser : Das dreizehnte Kapitel

„Schloss Bellevue, sagte ich.“ Der erste Satz des Romans zeigt schon an, dass der Autor, der seinen Erzähler diesen Satz sprechen lässt, nicht gewillt ist Zeit zu verlieren oder große Umstände zu machen. Wenn sich zwei schon begegnen sollen, warum dann nicht gleich bei einem Empfang beim Bundespräsidenten oder genauer am Tisch der souverän die Konversation moderierenden Präsidentengattin. Der erfolgreiche Schriftsteller und bekennende „Zudringlichkeitsverfasser“ Basil Schlupp trifft dort auf die zunächst protestantisch-kühle Theologieprofessorin Maja Schneilin, der er wenige Tage später einen ersten Brief schreibt, aus dem in bester romantischer Tradition schnell ein „Briefabenteuer“ erwächst, in dem es bald ums Ganze geht: um Ehe und Freundschaft, Treue und Verrat, die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Liebe, Krankheit und Tod, Schreiben und Wahrheit und um die Fragilität oder Unmöglichkeit dessen, wodurch wir uns in diesem Leben legitimiert oder gerechtfertigt fühlen dürfen. » Weiterlesen

Silke Scheuermann : Die Häuser der anderen

Die Häuser der anderen – das ist die Illusion (oder Angst), woanders könnte das andere, bessere Leben stattfinden. Das sind die imaginären Lebens- und Projektionsräume, in denen anderen das gelingt, woran wir scheitern. Da ist Gaby, die sich und ihre halbwüchsige Tochter als Putzfrau durchschlägt, die sich im Haushalt einer erfolgreichen (und schwangeren) Fernsehmoderatorin und eines angesagten Tierarztes festsetzt und unverzichtbar macht mit dem Hintergedanken, ihre Tochter mit dem Adoptivsohn des Paares zu liieren, um auf diese Weise endlich auch ein wenig teilzuhaben an Wohlhabenheit und Eleganz. » Weiterlesen

James Joyce : Ein Porträt des Künstlers als junger Mann

Wer bis jetzt sich an Joyce noch nicht herangetraut, den Ulysses so manches Mal voller unglaubwürdig-guter Vorsätze in den Urlaub mitgeschleppt und dann ungelesen wieder nach Hause gebracht hat oder wer sich allenfalls nur noch vage daran erinnern kann, wie die ein oder andere Geschichte aus den Dubliner im Englischunterricht der Oberstufe mit dem Erläuterungsband oder einer Kopie des Artikels aus Kindlers Literaturlexikon unter der Bank studienrätlich zerhackt wurde, dem sei jetzt dringend ans Herz gelegt zu Friedhelm Rathjens wunderbarer Neuübersetzung von A Porträt of the Artist as a Young Man zu greifen und Stephen Dedalus zu begleiten auf seinem Weg der Befreiung aus elterlicher, pädagogischer, moralischer, nationalpolitischer Bevormundung » Weiterlesen

Bernd Cailloux : Gutgeschriebene Verluste

Wir betreten Schöneberg, den alten Berliner Westen, der im Windschatten der großen weltpolitischen Umwälzungen zum Biotop all jener Übriggebliebenen mutiert ist, die dem Treck nach Osten nicht zu folgen gewillt waren oder sind. Genauer betreten wir das Café Fler, das „Café der Übriggebliebenen“, „in einem einst bewegten, heute gastronomisch verkümmerten Viertel, ein unverändert belassenes Szenecafé im nüchternen hellen New-Wave-Stil der frühen achtziger Jahre“, Refugium für „Männer mit Drang in die Einsamkeit, die sich für ganze Abende sonstigen sozialen Zusammenhängen entzogen (…), um Schlimmeren anderswo zu entkommen“ (Kreative, Kunstschaffende, Freiberufler, Angestellte der Kulturindustrie). » Weiterlesen

Henry David Thoreau : Die Wildnis von Maine. Eine Sommerreise

Im Juli 1857 bricht Henry David Thoreau gemeinsam mit einem Freund zu seiner dritten Reise in die Wälder von Maine auf. Geführt werden sie von Joseph Polis, einem Indianer, der die eigentliche Hauptfigur des Textes ist: Ein Grenzgänger zwischen der alten und der neuen Welt, in der sogenannten Zivilisation ebenso zu Hause wie in den Wäldern; zudem unternehmerisch überaus ambitioniert und erfolgreich (mit Sicherheit erfolgreicher als Thoreau). Thoreaus zweijähriges Experiment, in einer selbstgebauten Blockhütte am Waldensee im Einklang mit der Natur zu leben und auf diese Weise » Weiterlesen

Sherwood Anderson : Winesburg, Ohio

Ein Klassiker der amerikanischen Literatur ist in der fulminanten Neuübersetzung von Eike Schönfeld neu zu entdecken. 21 lose miteinander verbundene Geschichten, in denen jeweils eine Figur aus der fiktiven Kleinstadt des Mittleren Westens im Mittelpunkt steht. Allen Figuren gemeinsam ist, dass ihre Versuche auszubrechen und ihrem Leben eine neue Richtung zu geben, zum Scheitern verurteilt sind. Ihre Wut, Verzweiflung und Resignation, ihre geheimen Leidenschaften, Abgründe und Obsessionen treten gleichsam auf der Stelle. Als wären sie alle in einem schrecklichen Traum gefangen, aus dem es kein Entrinnen gibt. » Weiterlesen

Hanna Lemke : Geschwisterkinder

Milla und Ritschie sind Geschwister. Sie leben in Berlin, Ritschie hat einen subalternen Job im hauptstädtischen Medienbetrieb, Milla arbeitet aushilfsweise in einem Laden, der mit Kinderklamotten und Spielzeug mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Milla schläft ab und zu mit ihrem Mitbewohner, Ritschie geht eine Affäre mit Franziska ein, die er nicht liebt. Beide warten auf ein Glück, von dem sie nicht mehr hoffen, dass es einmal eintreten könnte. Sie sehen sich gelegentlich und merken, dass sie die einstige geschwisterliche Vertrautheit und Nähe zu verlieren und sich fremd zu werden drohen. » Weiterlesen

Joan Didion: Blaue Stunden

„In manchen Breitengraden gibt es vor der Sommersonnenwende und danach eine Zeitspanne, nur wenige Wochen, in der die Dämmerungen lang und blau werden.“ So beginnt Joan Didions Buch über ihre Tochter Quintana, die 2005 nach beinahe zwei Jahren Koma stirbt, und über sich, die ihr Kind überlebt hat. Blaue Stunden: Das Versprechen, dass der Tag nicht enden wird. Dass das Leben nicht enden wird. Dass alles Glanz, Aufbruch und Glück ist. Joan Didion schreibt darüber, wie es ist, wenn das Versprechen der blauen Stunden in Erinnerung umschlägt. » Weiterlesen

Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend

Nicht leicht zu sagen, wovon dieser Roman erzählt. Von Louki, der rätselhaften jungen Frau, die plötzlich ihren Mann verlässt und sich einer Gruppe Pariser Bohemiens anschließt, ohne dieser wirklich anzugehören? Oder nur von einigen Straßen, Metrostationen und Cafes in Paris, in denen die Personen des Romans erscheinen, um irgendwann wieder zu verschwinden, ohne dass irgendwer sagen könnte, wer da erschienen und verschwunden ist? Davon, dass bestimmte Orte uns das Versprechen zu geben scheinen, das Leben sei möglich? Dass dieselben Orte aber immer schon den Verlust dessen kartographieren, was das Leben hätte sein können? Vielleicht davon, dass jeder Verlust immer auch der Verlust dessen ist, was ihn hätte erklären können. Und davon, dass Menschen sich und anderen auf unerklärliche Weise verloren gehen können.