Archiv für Sasan Seyfi

Karl Ove Knausgård : Im Herbst

Pünktlich zur Jahreszeit fallen uns Karl Ove Knausgårds goldene Herbstblätter in die Hand. Im Herbst heißt der erste von vier Jahreszeitenbänden, der nach seinem sechsbändigen autobiographischen Romanprojekt in der deutschen Übersetzung von Paul Berf nun vorliegt. Jeder Monat hebt mit einem Brief an seine ungeborene Tochter an und umfasst je zwanzig Prosastücke. Es sind Fritz-Kochersche Aufsätze über ebenso alltägliche wie disparate Gegenstände: Über Äpfel, Plastiktüten, Benzin geht es weiter zu Pisse, Kaugummis und Blut. Sie handeln von Schamlippen, Van Gogh, von Einsamkeit und Erde oder von Konservendosen, von Schmerz und von der Stille. » Weiterlesen

Lesarten zieht ein paar Häuser weiter

Unsere neue Anschrift lautet:

Körtingstr. 5
D-30161 Hannover

Kader Abdolah : Die Krähe

Wer diesen kleinen Roman aufschlägt, hält das fünfzehnte Buch eines exiliranischen Schriftstellers in der Hand, der erzählen lässt, wie es wäre, wenn seine Geschichte anders verlaufen wäre, wenn er keinen Erfolg als Autor gehabt hätte. Wem die Rückkehr in seine Heimat verwehrt ist, wer nur unter falschem Namen und in einer anderen Sprache als seiner Muttersprache überleben kann, findet in der Welt der Vorstellungen Zuflucht. Dieser Roman handelt vom Traum des Schreibens und von der Kraft der Imagination. Das Pseudonym erfindet Geschichten, die zu seiner eigenen Überraschung glaubwürdiger klingen als die Wahrheit. Dem Autor ist dieser Traum in Erfüllung gegangen. » Weiterlesen

Julian Barnes : Lebensstufen

Entwarnung: Es geht nicht um rückblickende Altersweisheit à la Hesse, um nachträgliche Sinnstiftung oder Appretur eines geglückten Lebens. Das Buch von Julian Barnes mit dem unglücklichen, wahrscheinlich jedoch unausweichlichen Titel „Lebensstufen“ (im Original „Levels of Life“) handelt von Luft und Liebe. Von der Höhenluft, die die Liebe beansprucht. Wir lesen von den ersten Aeronauten, den Ballonfahrern, ihren Abenteuern und Visionen. Wir lesen von der Wahrheit und Magie der ersten Photographien. Was es bedeutete, sich den Auf- und Abtrieben der Winde auszuliefern und den theologischen Luftraum zu erobern. Ballonfahren stand für Freiheit. Wer mit dem Ballon aufstieg, wusste nicht, wohin es ihn trägt. » Weiterlesen

Mercè Rodoreda : Der Garten über dem Meer

Wir befinden uns in den zwanziger Jahren, in einem Garten an der katalanischen Küste in der Nähe von Barcelona, nur wenige Jahre bevor das Franco-Regime wüten wird. Sechs Kapitel, sechs Sommer lang lässt die katalanische Autorin Mercè Rodoreda das bunte, gesellige Décadence-Treiben in der Villa über dem Meer, das Kommen und Gehen seiner wohlhabenden Bewohner, dem frisch verheirateten Ehepaar Francesc und Rosamaria aus Sicht eines alten angestellten Gärtners erzählen. Sie bewirten ihre Bohemienfreunde aus Barcelona, fahren Wasserski, feiern rauschende Feste und zertrampeln die Beete. » Weiterlesen

Vladimir Nabokov : Vorlesungen über westeuropäische Literatur

Wir kennen ihn als Meistererzähler, als den Autor von Lolita, von Ada, Pnin oder Erinnerung, sprich. Was einige nicht wissen ist, dass der russische Romancier und leidenschaftliche Schmetterlingsjäger nach seiner Flucht aus Europa einen Großteil seines produktiven Schaffens, immerhin fast zwanzig Jahre, an amerikanischen Universitäten verbrachte. Von 1941 bis 1948 gab er Sprachkurse und hielt Seminare zu russischer Literatur an der Stanford-Unviersität. 1948 wurde er als außerordentlicher Professor für slawische Literatur an die Cornell-Universität berufen. Die Kurse litten zunächst darunter, dass es in Cornell kaum jemanden gab, der Russisch konnte. » Weiterlesen

Wolfgang Büscher : Ein Frühling in Jerusalem

Der Ort, wohin uns Wolfgang Büscher nimmt, ist kein geografischer Ort. Jerusalem ist Sehnsuchts- und Erlösungsziel par excellence, ein Ur-Topos antiker, griechischer, babylonischer, jüdischer, christlicher, osmanischer, armenischer, palästinensischer wie islamischer Hegemonie. Abend- und Morgenland wohnen Wand an Wand. Jerusalem bedeutet „Stadt des Friedens“. Aber es ist kein Frieden dort. Es herrscht Waffenstillstand, jederzeit aufkündbar, hochexplosiv. Ein Schmelztiegel aus Argwohn und Ressentiments, aus Demütigungen und Urfehden. Und doch, am Rande der Altstadt, unweit des Jaffators, gibt es die Mamilla Mall. » Weiterlesen

Patrick Modiano erhält den Literaturnobelpreis

Nun wissen es alle und kaum einer kennt ihn hierzulande. Patrick Modiano hat heute die höchste literarische Auszeichnung, den Literaturnobelpreis, erhalten, und auf die Frage, wie er das findet, den Journalisten geantwortet: „C‘est bizarr!“ Modiano ist ein Autor der leisen Töne. Er ist keiner, der das Rampenlicht sucht. Er lebt zurückgezogen in Paris. Seine Romane sind still, seine Figuren zurückhaltend. Sie suchen und lieben die Stille des Interieurs und der Schattenwelt. Modianos Kunst besteht darin, den diffusen, komplizierten Prozess des Erinnerns auszuleuchten. Viele seiner Romane spielen in Paris unter der deutschen Besatzung. Das Geschehen bleibt in der Schwebe und die Figuren bleiben trotz ihrer fein konturierten Zeichnung schwer fassbar, » Weiterlesen

Karl Ove Knausgård : Leben

Über weite Strecken hinweg ist dieses Buch eine Zumutung. Warum tue ich mir das an? Ich weiß, wie man einen Kessel mit Wasser aufsetzt. Mir ist bekannt, dass Wasser nach einer gewissen Zeit kocht. Ich kenne die einzelnen Schritte, die notwendig sind, um einen Becher Kaffee aufzubrühen. Warum kann ich mich (wie hunderttausend andere Leser) dem Weiterlesen von immerhin 700 Seiten nicht entziehen? Und was wird hier eigentlich erzählt? Nach seinem Abitur und einem Kurzaufenthalt in einer Nervenklinik weiß der Ich-Erzähler nichts Besseres mit sich anzufangen als im Norden Norwegens eine Stelle als Aushilfslehrer anzutreten. Er ist volljährig und hat noch nie mit einem Mädchen geschlafen. » Weiterlesen

Tomas Espedal : Wider die Natur

Der Anfang – ein bekanntes Sujet: Älterer Mann trifft junge Frau. Die junge Frau, der ältere Mann. Die Geschichte von Abaelard und Heloise. Der Tod und das Mädchen. Espedal rollt die Geschichte von beiden Enden neu auf. Er ist achtundvierzig Jahre und doppelt so alt wie sie. Er könnte ihr Vater, sie könnte seine Tochter sein, und sie hat beschlossen, sich ihm hinzugeben. In dieser Begegnung zwischen dem Ich-Erzähler und Janne in einer Silvesternacht ist das Kalendarische suspendiert. Es gibt keinen Altersunterschied. Der Altersunterschied kommt erst später, als sie sich zurückziehen, in das Zimmer mit den Büchern und Spiegeln. » Weiterlesen

Henry James : Washington Square

Washington Square in der vorliegenden Neuübersetzung von Bettina Blumenberg erzählt die Geschichte einer Verfehlung. Der mittellose Bonvivant Morris Townsend erobert das Herz der schüchternen Arzttochter Catherine und schielt auf ihr Vermögen, nachdem er das seinige in Europa verjubelt hat. Ihrem Vater, Dr. Austin Sloper, der vorgibt, seine einzige Tochter vor der größten Enttäuschung bewahren zu wollen, ist jedes Mittel recht, diese Ehe zu verhindern. Er entführt sie auf eine fast einjährige Kulturreise durch Europa, die auf keinen, am allerwenigsten bei Catherine Eindruck hinterlässt, und droht mit Enterbung und Liebesentzug. » Weiterlesen

Paul Auster : Winterjournal

Der Tonsatz, mit dem Paul Auster am Vorabend seines 64. Geburtstag uns das Du anbietet und sein Winter-Tagebuch eröffnet, reißt den Leser auf die Tanzfläche eines Schriftstellerlebens, das sich im Rhythmus der Wortmusik bewegt, dreht, wendet, vor- und wieder zurückschreibt. Man sollte den Originaltext aufschlagen, um die Choreographie der Worte, um den Takt, den Refrain, die Hebungen und Senkungen, die Synkopen der Typen im Einzelnen wie im Ganzen zu vernehmen, die auf das Papier gestanzt werden:
„You think it will never happen to you, that it cannot happen to you, that you are the only person in the world to whom none of these things will ever happen, and then, one by one, they all begin to happen to you, in the same way they happen to everyone else.“ » Weiterlesen

Marie-Luise Scherer : Unter jeder Lampe gab es Tanz

Über der Entscheidung, eine Strickjacke blau oder bläulich zu nennen, kann sie eine ganze Nacht zubringen. Jeder Satz muss wie ein Handschuh sitzen. Und zwei gute Sätze an einem Tag sind ein Glück. In ihren erstmals als Buch vorliegenden Preis- und Dankesreden schaut sich die Spiegeljournalistin und Autorin Marie-Luise Scherer beim Schreiben über die Schulter. Wir erfahren von den Skrupeln ihrer Silbenarbeit, von den (biographischen) Hindernissen, von Vorstößen und Nuancen, die die Geburt flüssiger Sätze einleiten und von ihrer Schreibfurcht, die sich mitunter in Notizwahn flüchtet. » Weiterlesen

Katja Petrowskaja : Vielleicht Esther

Es gibt Bücher, denen man mit einer Kurzbesprechung nicht zu nahe treten, aus denen man vorlesen, aber nichts zerreden möchte. Wer jedoch würde diese hehre Absicht bemerken? Wer würde registrieren, dass es unter der Lawine zu oft besprochener Bücher zarte Einschlüsse gibt, denen man anerkennend schweigend einen Dienst erweisen wollte? Katja Petrowskajas Roman ist ein solches Buch. Es ist eine Annäherung an ihre jüdische Herkunft und die Geschichte ihrer Familie. Es ist die ebenso exemplarische wie einzigartige Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden und ihrer Diaspora. Einer Geschichte, die sich ihrerseits aus hunderten und abertausenden von Partikeln » Weiterlesen

Navid Kermani : Große Liebe

Alle Vorwände gelten der Liebe, behauptet ein persisches Sprichwort. Navid Kermani, der sich rückblickend an seine erste große Liebe und an den Fünfzehnjährigen erinnert, der er war, liefert den schönsten aller Vorwände für die Erzählung seiner Geschichte: dass die erste große, und niemals größere Liebe in dem Wunsch gegründet sei, sich loszuwerden und nicht ich zu sein. Erst später, wenn man sich gefunden zu haben glaubt, wenn Ichsucht an die Stelle von Ichverlust getreten ist, mögen einem die Tagebücher des Pubertierenden von einst womöglich banal erscheinen, treiben einem das großspurige Pathos, die Tollheiten Schamesröte ins Gesicht. » Weiterlesen

Wolfgang Herrndorf : Arbeit und Struktur

Als Wolfgang Herrndorf Im März 2010 erfährt, dass ein bösartiger Tumor in seinem Kopf wächst und ihm noch fünf Lebensmonate bleiben, beginnt er einen Wettlauf gegen die Zeit. Er stürzt sich in Arbeit, schreibt „dreimal so schnell“ und täglich bis zu sechzehn Stunden. Es werden knapp drei Jahre, die er nachfolgend als die „besten seines Lebens“ bezeichnen wird. Während er unter Hochdruck den Roman Tschick fertigstellt und einen neuen Roman Sand in Angriff nimmt, stellen ihm seine Freunde – zunächst ein privates, später dann öffentlich zugängliches Tagebuch-Blog ins Netz, in dem Herrndorf minutiös Gliobastom-Recherchen, das Fortschreiten der Krankheit, seine Ängste, seine Phantasien, seine Rückschläge, seine Träume und Hoffnungen notiert. Er will „Herr im eigenen Haus“ bleiben und beschafft sich mit einem Revolver eine „Exitstratgie“. » Weiterlesen

Weltweit überflüssig

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Michael Maar: Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf

Warum werden Tagebücher geschrieben? Warum lesen wir sie? Und warum sollte man auch noch ein Sekundärbuch über Tagebücher lesen? Nun, die Leser seien an dieser Stelle gleich dreifach gewarnt: Das Buch von Michael Maar liefert keine abschließenden Antworten, man kann es nicht mehr aus der Hand legen, und die Folgekosten sind unabsehbar. Denn mit jedem Kapitel wächst der Wunsch, sich alle zitierten Primärtexte von Woolf bis Hebbel, von Thomas Mann über Schnitzler zu Cheever schellstmöglich zu beschaffen. Mit stilistischer Eleganz und feiner Ironie blättert der Literaturwissenschaftler Michael Maar die abwechselnd groß und banal erscheinenden Einträge auf. Er zeigt, wie das Tagebuch der Neuzeit mit dem Wegfall der Beichte nicht nur als Kompensation der protestantischen Kultur, sondern auch als das Medium der Einsamkeit, als Zwiegespräch mit sich selbst als dem letzten möglichen Gesprächspartner gelesen werden kann. » Weiterlesen

Peter Kurzeck ist tot.

Peter Kurzeck,einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren, ist so plötzlich und unerwartet gestorben, dass es uns die Sprache verschlägt. Das Hinschmecken der Worte, seine Klangfarben, das vermeintliche Mäandern aus- und abschweifender, vom Hundersten ins Tausendste kommenden Sätze, beinah rastlos, das Abenteuer der Stille, sein Sich-in-allerkleinsten-Nebenarmen-verlieren-Können oder So-tun-als-ob, um dann jede feine Ader wiederaufnehmend ein rauschhaftes Ganzes, etwas sehr Warmes und Kostbares herzustellen, als sei jede Erzählung eine Umarmung von Zeit und Raum, all das ­– Peter Kurzecks Stimme wird uns schmerzlich fehlen.

 

Paul Nizon : Die Belagerung der Welt

Paul Nizons Tagebücher – in der vorliegende Ausgabe von Martin Simon aus fünf bereits publizierten Journalen ausgewählt und zusammengestellt – sind alles andere als Nebenprodukte eines Schriftstelleralltags. Es geht um den Funken, der das Funkeln erzeugt. Die losen Aufzeichnungen, Selbstreflexionen, Schriftstellerportraits, Reiseskizzen, Traumwelten, erotischen Streifzüge und Großstadtszenen, können, wie sein Hauptverleger und Förderer Siegfried Unseld vortrefflich formulierte, als Archetypen eines Literaturbesessenen gelesen werden, der die unabdingbare Selbstsucht seiner poetischen Existenz belagert, protokolliert; der Momente aufspürt, Gespräche wiedergibt und nach und nach seine Figuren und Stoffe in Stellung – und damit zur Welt bringt. » Weiterlesen

Bogumil Balkansky : Auf Neuseeland sind die Briten die Tschuschen

Ein Glücksfall: Man öffnet den Umschlag, runzelt über Autorname und Titel die Stirn und legt es erstmal auf den Schuhschrank. Von dort aus wandert das Buch über verschiedene Vordringlichkeitsstapel auf den Schuldturm noch ungelesener, in Folie eingeschweißter Bücher. Nur durch den Umstand, dass an einem der folgenden Tage gerade nichts anderes greifbar und obenauf liegt, blättert man in den ersten Seiten, und – es haut einen um. Zum Teufel: Wer steckt hinter dem Pseudonym Balkansky? Und warum kenne ich diesen Autor nicht? Hier sind neben einem Kaleidoskop artistischer Bruchlandungen hinreißende Migrantenpossen und -Glossen versammelt, » Weiterlesen

Barbara Wiedemann : „Ein Faible für Tübingen“. Paul Celan in Württemberg. Deutschland und Paul Celan.

Weit gefehlt, wer hinter diesem Buchtitel einen gemütlich-literarischen Spaziergang durch die schwäbische Provinz vermutet. Was die Literaturwissenschaftlerin und Celan-Forscherin Barbara Wiedemann aufschlägt, ist ein ebenso wichtiges wie beschämendes Kapitel der sogenannten literarischen und akademischen Öffentlichkeit im Umgang mit dem Lyriker Paul Celan. Celan, dessen gesamte Familie von den Nazis ermordet wurde, flüchtete 1948 nach Paris und unternahm zwischen den Jahren 1952 und 1970 viele Reisen vor allem in den Südwesten Deutschlands. Hier traf er sich mit Bekannten und Freunden wie Hermann und Hanna Lenz, mit Verlegern und Buchhändlern und Kritikern. » Weiterlesen

Peter Handke : Versuch über den Pilznarren

Nach vier ebenso disparaten wie geglückten Versuchen, die uns Peter Handke in den letzten Jahren geschenkt hat, mag dieser jüngste, fünfte Versuch über den Pilznarren auch bei den waldkundigsten Leser streckenweise die Frage aufwerfen: Worauf will er eigentlich hinaus? Wird dieser Versuch misslingen? Handke erzählt von sich und von einem aus den Augen verlorenen Jugendfreund, der, einst die Kärntner Wälder durchstreifend, sein Taschengeld mit Pilzesammeln aufbesserte, um sich davon Bücher zu kaufen. Er heiratet und macht als Jurist für Völkerrecht am internationalen Gerichtshof Karriere. Erst im Alter von 50 Jahren stößt der inzwischen verheiratete und werdende Vater durch Zufall auf einen Prachtexemplar von Steinpilz, » Weiterlesen

Marcel Reich-Ranicki ist tot

Marcel_Reich-RanickiHeute starb in Frankfurt am Main im Alter von 93 Jahren Marcel Reich-Ranicki. Mit ihm verliert die literarische Welt einen ihrer bedeutendsten und streitbarsten Kritiker und Vermittler von Literatur. Wie kein anderer hat Ranicki mit Witz, mit Schärfe, mit Sinn für klare Urteile der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zu breiter Beachtung verholfen. Dass er sich entschied, nach der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Deutschland zu leben und zu wirken, ist ein außergewöhnliches Geschenk. Er wird uns fehlen.

Jochen Schmidt : Schneckenmühle

Jochen Schmidt_SchneckenmühleIm Herz der Finsternis, an der schwach beleuchteten Strecke zwischen Pirna und Liebstadt, mitten im Wald und unweit der tschechischen Grenze gibt es einen Ort, an dem die Zeit noch stiller steht: die Schneckenmühle. Fraglich, ob es hier je eine Mühle gegeben hat. Irgendwo vielleicht ein träges, morsches Wasserrad, das im Bachlauf dümpelt? Schnecken zuhauf. Das gleichnamige Hüttenlager der ehemaligen DDR ist alljährliches Ferienziel von Großstadtjugendlichen, die Morgenappell und ideologischen Regelklimbim in Kauf nehmend deswegen gerne wiederkommen, weil es hier etwas lockerer zugeht und sie (noch) ungestört im Dunkeln tappen. » Weiterlesen