Archiv für Sasan Seyfi

Hans Stilett : Eulenrod

Stilet_EulenrodFürwahr – es gibt einen kleinen, leuchtenden Stern zu entdecken: „Im grünen Dunkel der Wälder ein heller Fleck, mit Straßen, mit Häusern, mit Stuben und mit Bodenkammern, und in einer träumend ich.“ Der Stern heißt Eulenrod und sein träumendes Ich, der Schriftsteller und Montaigne-Übersetzer, trägt den Namen Hans Stilett. Es sind die Erinnerungen an seine Kindheit im thüringischen Zeulenroda. Der Junge ist vaterlos. Mit seiner Mutter wächst er in ärmlichen, engen Verhältnissen der Weimarer Jahre bei seinen Großeltern auf. Schemenhaft und bedrohlich tauchen die sozialen Verwerfungen, Inflation, Streik, skandierende Rotfrontkämpfer und marschierende Braunhemden in der Wahrnehmungswelt des Jungen auf. » Weiterlesen

Walter Kappacher : Die Amseln von Parsch

kappacher_die_amseln_von_parschMit der vorliegenden Sammlung von Fragmenten und verstreuten Prosaarbeiten hat uns der müry salzmann Verlag ein funkelndes Kleinod des österreichichen Autors geschenkt. Keine Statements, keine folgerichtigen Einsichten oder Schon-immer-Gewusstheiten. Nein. Kappacher bleibt ein stiller, wunderbarer Außenseiter, ein Dichter auf Abwegen und Traumpfaden, der sich von der Summe des bereits Geschriebenen nicht abschrecken lässt. „Das Gehen“, erfahren wir in der Titelgeschichte, war ihm – neben dem Lesen und Schreiben – das Wichtigste im Leben. Was ihm vom Weg abbringt, vom Schreiben abhält, wird unweigerlich zum Gegenstand des Erzählens. Ein Papagei aus der Nachbarschaft stört ihn mit seinem Gekrächze. » Weiterlesen

Josef Winkler : Mutter und der Bleistift

Winkler_Mutter und BleistiftDer Erzähler im indischen Ellora. Ein Wort fliegt auf wie ein aufgescheuchtes Wild. Ein Wort von Ilse Aichinger, von den näher kommenden Spiegeln im Alter, „bis wir uns ganz nahe sind. Der nächste Schritt heißt dann: den Spiegel mit der Faust zertrümmern, bluten, sich zerschneiden.“ Ein Wort, das den Autor zurückwirft auf den Ort seiner Kindheit und Jugend auf einem Bauernhof in Kärnten. Im Spiegel des elterlichen Schlafzimmers die Madonna sulla seggiola von Raffael, holzgerahmte Harmonie. Die Mutter mit Jesuskind auf dem Schoß, daneben ein betender Engel, „der mit seinem besorgten, traurigen Blick schon das Einschlagen der Kreuzigungsnägel hört.“ » Weiterlesen

Benoîte Peeters : Jacques Derrida. Eine Biographie

Wie eine Biographie über einen Philosophen bewerkstelligen, der das Eingeschriebene im Korpus des Denkenden, das Setzende und Verletzende der Schrift, die Bedingungen und Aporien der Lesbarkeit in allen Variationen dekliniert hat? Eine Biographie über Derrida á la Derrida? Schon wären Genre und Sujet, ja das gesamte Vorhaben in Frage gestellt. Nein – frei vom epigonalen Gestus der Dekonstruktion und ohne Anspruch auf Vollständigkeit hat Benoîte Peeters den klassischen, linearen Weg gewählt und sich in dreijähriger Arbeit unter gigantischem Rechercheaufwand dem Ethos der Genauigkeit verschrieben. Dafür hat er die über 80 veröffentlichten Werke Derridas einer Neulektüre unterzogen. Er hat das umfangreiche Archiv der Universität in Irvine » Weiterlesen

Kerstin Decker : Richard Wagner. Mit den Augen seiner Hunde betrachtet

Man muss kein Wagnerianer sein, nicht mal ein Hundenarr, um das Buch von Kerstin Decker auf Anhieb zu lieben. Sogar als Hundehasser wird man bei der Lektüre nachdenklich und erwägt, ob man sein Verhältnis zu den Vierbeinern – insbesondere zu Neufundländern – nicht von Grund auf überdenken sollte. Ohne seine Hunde, so erfahren wir, wäre aus Richard Wagner nicht der Jahrhundertkomponist geworden, der er war. Er hatte eine Neufundländerseele. Wie ein Rudel von Hundegeistern wechseln Robber, Peps, Fips und Pohl ihre Besitzer und folgen ihrem Meister von Riga, Paris, Dresden, Tribschen bis Bayreuth, auf Schritt und Tritt. Oder folgt Wagner ihnen? » Weiterlesen

Henri Thomas: Der Meineid

Die Geschichte ist so: Der angehende Literaturwissenschaftler Stéphan Charlier leidet unter einem Übervater, der als angesehener Literaturprofessor nicht müde wird, seinem Sohn zu attestieren, er habe „seinen Weg noch nicht gefunden“. Hals über Kopf wandert dieser nach Amerika aus, um dort über Romantik und Hölderlin zu arbeiten. Er schlägt sich als Erntehelfer und mit Gelegenheitsjobs durch, heiratet eine Frau, wird Vater, bekommt einen befristeten Lehrauftrag an der Uni. Er stiehlt sich halberblindet in eine Augenklink, als aufliegt, dass er bereits verheiratet war und eine Frau mit zwei Kindern in Belgien sitzen gelassen hat. Ab hier übernimmt ein Ich-Erzähler das Ruder. Es ist ein Zimmerkollege Charliers an der Westford-Universität. » Weiterlesen

Wilhelm Genazino : Tarzan am Main

Man könnte den neuen Genazino auch als das Ich-Buch seiner Frankfurter Jahre bezeichnen. Mit gewohnt ironischem Blick lässt der Büchner-Preisträger Erinnerungen an seine Zeit in der Satirezeitschrift Pardon, das jahrelange Pendeln zwischen Freiburg und Frankfurt Revue passieren. Er skizziert bekannte und unbekannte Menschen, lässt Frankfurt und seine Randbezirke und immer wieder die kleinen Verschrobenheiten des Älterwerdens hindurch spazieren, die, einmal wahrgenommen, den Leser nicht mehr loslassen. Der Irrsinn der Stadtplaner korreliert mit den Lebensläufen derjenigen, die vom Weg abgekommen sind. Und doch gibt es einen neuerlichen, schärferen Ton: Randständige, Obdachlose, Alkoholiker und Radfahrer(!) kommen nicht mehr so gut weg. » Weiterlesen

Peter Handke – Siegfried Unseld : Der Briefwechsel

Es steht zu befürchten, dass verlagsgeschichtliche Editionen dieser Art, einmal den Gesetzen des Marktes unterworfen, bald der Vergangenheit angehören. Der Briefwechsel zwischen Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld und einem seiner nahestehendsten Autoren, Peter Handke, erscheint womöglich deshalb zur rechten Zeit. Am Leitfaden der in Duktus und Ton immer selbstbewusster und forscher auftretenden Handke-Briefe kann man die Geduld des Verlegers nur bewundern. So wie er die Frechheiten Thomas Bernhards oder Dauerausreden Wolfgang Koeppens wegsteckt, reagiert er klug und besonnen auf die Überempfindlichkeiten und Unterstellungen wie etwa „die Zeit der Lügen muss ein Ende haben“. » Weiterlesen

Ursula Krechel : Landgericht

Was mit einem formalen Zweizeiler beginnt, die Zwangsversetzung des jüdischen Rechtsassessors Kornitzer in den Vorruhestand, ist Auftakt einer Zerstörung, die zeigt, wie ein deutscher Jude systematisch am Wiederaufbau seiner eigenen Geschichte und Existenz gehindert wird. Das Leben der Familie Kornitzer wird von Nationalsozialisten und den Nürnberger Rassegesetzen auseinander gesprengt. Die Eheleute Richard und Claire bangen um die Sicherheit ihrer kleinen Kinder Selma und George und schicken sie nach England. » Weiterlesen

Gaito Gasdanow : Das Phantom des Alexander Wolf

Wenn Kafka zufolge ein Buch die Axt für das gefrorene Meer in uns zu sein hat, dann schlägt einem Gasdanows Romananfang mit voller Wucht zwischen die Augen:
„Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe.“ Der namenlose Ich-Erzähler hat in den Wirren des russischen Bürgerkrieges als 16-jähriger in Notwehr einen Reiter erschossen. Diese Tat – mitnichten ein Mord – verfolgt den Erzähler und holt ihn immer wieder ein. Sie wird zur Grundierung seiner zivilen Existenz als freier exilierter Journalist in Paris. Was er nicht weiß: Der Reiter hat überlebt. » Weiterlesen

M. Agejew : Roman mit Kokain

Wir befinden uns an der Schwelle zum ersten Weltkrieg im vorbolschewistischen Moskau. Es ist Winter. Wadim Maslennikow schämt sich seiner niederen Herkunft, hasst und verachtet seine Mutter, knöpft ihr die letzten Rubel ab, um auf nächtlichen Droschkenfahrten arme Mädchen zu verführen und mit Geschlechtskrankheiten zu infizieren. Er gehört zur Troika einer Gymnasialklasse, deren Machtkampf um das interne Ansehen sich an jedem äußeren Ereignis zwar entzündet, doch die historischen Umwälzungen außen vor lässt. Der Stellungskrieg zwischen den Schülern erscheint in den Introspektionen des Ich-Erzählers weittragender als der zwischen Russland und Deutschland. » Weiterlesen

Cees Nooteboom : Briefe an Poseidon

Briefe an den Meeresgott? Woher? Cees Nooteboom sitzt bei einem Glas Champagner in einem Fischrestaurant auf dem Viktualienmarkt, liest in den Tagebüchern von Sándor Márai und entdeckt auf einer blauen Serviette den Namen des Lokals: „Poseidon“. Ein grimmiger Gott mit Dreizack in der Badewanne. Der Spezialist für Meeresfische und Meeresfrüchte. Was für eine Idee. Was für eine berechtigte, in ihrer Schlichtheit bestechende Frage an einen Gott: „Was denkt ihr eigentlich über uns?“ Früher verkleideten sie sich noch als Menschen und wandelten umher. Eine Begegnung mit ihnen war nicht so unwahrscheinlich wie heute. Das Göttliche waltet nicht mehr an jeder Straßenecke. » Weiterlesen

Emmanuel Bove : Begegnung und andere Erzählungen

Unwiderstehlich galant und unwiderstehlich traurig. Das ist Emmanuel Bove. Seine Erzählungen, Novellen und Märchen arrangieren kunstvoll das Begegnen, Begehren und Verfehlen von Mann und Frau wie das von Text und Lesererwartung. In dieser Trias bewegen sich die (Erzähl-)Figuren wie Katz und Maus umeinander. Bereits die Titel kündigen an, worum es in Boves Erzählungen geht: um Kränkungen, verletzten Stolz, um Zurückweisungen, Hoffnungen und Illusionen, die sich wie seidige Stricke um den Heldenkragen legen. In fein ziselierten Psychogrammen zeichnet und koloriert Bove den monströsen Deutungswahn, die Illusionen und fragilen Möglichkeitsräume, in die sich seine männlichen Flanneure wie Artisten verklettern; wie ihnen eine Angebetete im Vorbeigehen zunächst vage Hoffnungen auf ein Abenteuer macht, um sich anschließend mit einem Achselzucken abzuwenden. » Weiterlesen

Andrzej Stasiuk : Tagebuch danach geschrieben.

„Der Sinn würde sich am Ende offenbaren, weil ein Sinn existiert. Deshalb ging ich jedesmal auf Reisen, immer weiter und weiter. Bis ans Ende des Kontinents, damit mir nichts anderes übrigbleibt, als umzukehren.“
Andrzej Stasiuk ist ein Herumtreiber, ein transsilvanischer Vagabund, ein beutegieriger Nomade in Absurdistan. Wo andere lieber nicht hinreisen, weil es zu gefährlich oder zu demprimierend ist, findet Stasiuk literarische Beute. Der Balkan ist sein Revier. Sein Vaterland ist Polen, wo der Kommunismus grau war. „Denn das Land war grau, denn die Gesichter waren grau, denn das Leben war grau und einen Scheiß wert, weil es keine zwanzig Sorten Chips und keinen erschwinglichen Tunesien-Urlaub gab.“ » Weiterlesen

Orhan Pamuk : Die Unschuld der Dinge

Geschichten sind der Stoff, aus dem Geschichte gemacht wird. Orhan Pamuk erzählt die Geschichte zu seinem im April 2012 eröffneten Museum, das seine eigene Geschichte erzählt, die wiederum aus einer unabschließbaren Verweiskette von Geschichten besteht. Die wunderbare Idee zu einem Roman, den man betreten kann, und einem Museum, das man kapitelweise lesen und in dem man sich verlieren kann, entsteht anlässlich eines Familientreffens, bei dem Pamuk Ali Vâsib Efendi kennenlernt. » Weiterlesen

Ivo Anderlik : Ludwig in the Sky with Diamonds. Ein Tagebuchfragment.

Wenn es wahr ist, dass jeder von jedem nur sechs Klicks entfernt ist, also jeder jeden über sechs Ecken irgendwie kennt. Wenn diese Wahrscheinlichkeit auch auf ihn statistisch zutrifft: „Wieso kann ich aus dem Abspann von vier, fünf, sechs Kurzfilmen keinen einzigen der aufgeführten Namen meinem Bekanntenkreis zuordnen? Kein Produktionsfahrer (der letzte Film zählte allein 35 Fahrer), keine Cutter-Assistentin, kein Skript-Editor, nicht einmal ein Kabelaufwicklerhelferlein, dessen Name mir auch nur im Entferntesten bekannt vorkommt. Und das waren alles deutsche Kurzfilme mit gigantischen Crews und die Abspänne waren sehr sehr lang.“ » Weiterlesen

Henry James : Wie alles kam

Anfangs duften Henry James Geschichten nach Replik einer alten Welt. Nach englischem Teegebäck, serviert auf fein gewirkten Damastdecken mit gravierten Silberbestecken in Spiegelsalons jener fernen auf Zerstreuung bedachten angloamerikanischen Upperclass, deren Sorgen sich in der Wahl des nächsten europäischen Reiseziels oder des standesgemäßen Schwiegersohns zu erschöpfen scheinen. Auf den Folgeseiten jedoch reißen menschliche Abgründe auf, die jeden konventionellen Boulevardskandal hinwegfegen. Georgina Gressie, trotziges Früchtchen der New Yorker Society hält den naiven Marineoffizier Benyon auf Abstand und lässt nichts aus, um die Existenz eines gemeinsamen Sohns zu vertuschen. » Weiterlesen

Édouard Levé : Selbstmord

Die Tat selbst erscheint unbegreiflich und banal. Einer kehrt auf dem Weg zum Tennisspiel noch einmal ins Haus zurück, um seinen Tennisschläger zu holen. Er steigt in den Keller und erschießt sich. Draußen wartet die Frau. Ein Comicband liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. „In ihrer Erschütterung stützt sich deine Frau auf den Tisch, das Buch fällt herunter und klappt zu, bevor sie begreifen kann, dass sich darin deine letzte Mitteilung befand.“
Die Nachricht, dass sich der Autor und Fotograf Édouard Levé nur wenige Tage vor der Veröffentlichung seines Romans 2007 in seiner Pariser Wohnung erhängt hat, mag verlegerisch nachhaltig sein. Literarisch brisant und beunruhigend ist dieser Text aus einem anderen Grund: » Weiterlesen

Paul Celan – Gisela Dischner : Wie aus weiter Ferne zu Dir. Briefwechsel.

Gewiss. Die spärliche Korrespondenz Paul Celans mit der 20 Jahre jüngeren Germanistin Gisela Dischner besitzt nicht annährend die Intensität und Dichte seiner an andere Freunde wie Ilana Shmueli, Franz Wurm oder Ingeborg Bachmann gerichteten Briefe – wir sprechen von 30 diskreten Briefen an Dischner gegenüber 90 Briefen an den Dichter zwischen den Jahren 1964 und 1970. Aufschlussreich jedoch ist, was Celan seiner „lieben kleinen Ulla“ alles nicht schreibt. Kein Wort über die Goll-Affäre, keine Zeile über die vielfältigen Zerrüttungen, keine, die die psychiatrischen Klinikaufenthalte oder die Trennung von seiner Ehefrau Gisèle Lestrange auch nur im Geringsten andeutet. » Weiterlesen

Stephan Thome : Fliehkräfte

Thomes brilliant erzählter Entwicklungsroman bewegt sich vordergründig im verdrießlichen Milieu von verbeamteten grauen Universitätseminenzen, Ausschüssen und Berufungskomissionen, die mehrheitlich „den Poststrukturalismus als Epilog einer Verirrung“ ansehen und dessen Ausbreitung konziliant mit befristeten Juniorprofessuren abzirkeln. Am Ziel seiner akademischen Laufbahn angekommen, von der Studienreform und der Fernbeziehung zu Frau und Tochter zermürbt, hadert Hartmut Hainbach, Professor für praktische Philosophie an der Uni Bonn, mit einer gewichtigen Entscheidung: Soll er seine feste Stelle an den Nagel hängen und zu Maria nach Berlin ziehen oder sich ganz von ihr trennen? » Weiterlesen

Thomas Hettche : Totenberg

Woraus besteht ein Buch? Was heißt Schreiben? Und was bleibt davon? Ein Geröll von Worten, Erinnerungssplittern, Staub oder vielmehr Nichts? In seinem Erzählband Totenberg überliefert Hettche Gespräche mit Menschen, die ihr Leben mit Büchern verbracht haben. Es sind mehrstimmige, fragile Gespräche, in die sich Momente des Schweigens, Momente der Stille, autobiographische Szenen und ästhetische Diskurse fügen, stets gewahr seiend, dass diese Form der Literarizität eingehüllt im digitalen Raum längst einer versunkenen Welt angehört. So folgt er der Literaturprofessorin Christa Bürger in ihrem absinkenden Wohnhaus, unter dem sich ein Bunker befindet. Er besucht Monika Miller im Ernst-Jünger-Haus, die wirkt, als sei sie dort vergessen worden. » Weiterlesen

Peter Sloterdijk : Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011

17. August, Tübingen. In einer Stadt, die sich nicht die Mühe machen muss, zu gefallen, nehme ich mir jetzt doch die vielgepriesenen „Notizen“ von Peter Sloterdijk vor, obschon die vorangestellte Klarstellung enttäuscht: „Das Ausgelassene überwiegt das Beibehaltene im Verhältnis drei zu eins“. Obendrein von der angekündigten Glättung leicht angesäuert möchte man ausrufen: „Entweder ganz oder gar nicht!“. Doch dann beginnen 78 Stunden im Dauerlesejetlag als wären einem die Lider weggschnitten. Man kann nicht aufhören. » Weiterlesen

Shahrnush Parsipur : Frauen ohne Männer

Wer Shirin Neshats Filmkunstwerk women without men bewundert hat, dem sei die gleichnamige Romanvorlage der iranischen Autorin Shahrnush Parsipur – in der ausgezeichneten Übersetzung von Jutta Himmelreich – dringend ans Herz gelegt.  Immer ist es ja das Herz, das einen in den Wahnsinn treibt. So auch Mahdokht, die Tochter des Mondes, die sich in einen Menschenbaum verwandelt und in einem Garten Wurzeln schlägt, mit Muttermilch begossen als Samenberg verweht und mit dem Wasser auf Reisen geht. Oder Munes, die Gedanken lesen kann und als Untote umherwandelt. Auf dem Weg nach Karadsch, einem kühlen Ort nördlich von Teheran, werden sie und Faezeh von LKW-Fahrern vergewaltigt, die wiederum am nächsten Baum ihr Ende finden. » Weiterlesen

Julian Barnes : Unbefugtes Betreten

Als Guiseppe Garibaldi 1839 an Bord seines Schiffes die brasilianische Hafenstadt Laguna ansteuert, erblickt der Freibeuter durch sein Teleskop eine junge Frau. Sofort befiehlt er seinen Leuten, ihn an Land zu bringen. Er sucht und findet das Haus, in dem Anita Riberas lebt. In seinen Aufzeichnungen schildert Garibaldi ihre erste Begegnung: „Wir betrachteten uns gegenseitig verzückt und schweigend wie zwei Menschen, die sich nicht zum ersten Male sehen, sondern einer in des andern Zügen eine Stütze für sein Gedächtnis suchen. Endlich begrüßte ich sie und sagte: ‚Du musst mein werden.‛“ Ist Liebe auf den ersten Blick eine literarische Verklärung oder das Echo eines verkümmerten Sinnesorgans? » Weiterlesen

Wilhelm Genazino : Idyllen in der Halbnatur

Manchmal fürchte ich mich davor, ein neues Buch von Genazino aufzuschlagen. Ich finde mich in der Vermurkstheit seiner Figuren gespiegelt, werde eine Zeitlang für die Prosa der Verhältnisse unbrauchbar und die Bücher anderer Autoren erscheinen mir lange Zeit als zu plüschig. In den hier versammelten Prosastücken, Reden und Aufsätzen geschieht etwas Anderes und durchaus Gewagtes: Genazino erklärt seine Texte und ihre besondere Wirkung. Neben blitzgescheiten Essays über Kafka, Kleist, Strindberg und Stifter, erhalten wir aus seinen Bamberger Vorlesungen psychoanalytische Einblicke in Szenen, Motive und Krisen seiner Schreib(t)räume. Wir erfahren, weshalb er sich in der frühen Abschaffel-Trilogie der „Großgruppe der Angestellten“ annimmt; warum das Komische in den späteren Romanen (Ein Regenschirm für diesen Tag und Die Liebesblödigkeit) notwendigerweise unentscheidbar wird. » Weiterlesen