Benjamin Stein: Replay

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Pans Rache?

Eines Morgens glaubt der zeichenaffine Neurobiologe Ed Rosen anstelle seines Fußes einen Huf aus der Bettdecke ragen zu sehen. Eine Sinnestäuschung oder ein böses Omen? Unentscheidbar. Im Gegensatz zu Gregor Samsa bleibt Rosen jedoch liegen, schließt die Augen und lässt die Geschichte seiner Metamorphose Revue passieren. Das hochbegabte sehbehinderte Kind jüdischer Eltern gerät an einen Rabbi, der ihm allerlei Verkrüppelungen am Astralleib „an jenen Körperteilen, mit denen wir in der hiesigen Welt gesündigt hätten“ weissagt. Mit diesen Ausführungen ist Rosen für die Sache Gottes endgültig verloren. Wenn Rosen etwas an sich liebt, dann seine Füße. Später trifft der talentierte Informatiker Matana, einen verwachsenen an Maturana erinnernden Biologen, der ihn protegiert und den Prototyp eines Neurochips namens UniCom entwickeln und implantieren lässt. UniCom, ein smarter Universalchip, der Informationen sammelt, unsere Wahrnehmungen und Gefühle aufzeichnet, mit anderen vernetzt und in endlosen Schleifen (Replays) auf Abruf bereitstellt, ist in Steins Roman die Universalchiffre für Facebook und Google. Nur einige wenige „ewig Gestrige“ Anonyme unter der Anführerschaft des WikiLeaksgründers Assange wettern gegen UniCom, beschwören Huxley und Orwell und behaupten, die Schreckensvision der Televisoren sei längst pandemische Realität geworden.
Ausgerechnet Lustgott & Zwitterwesen Pan sitzt dem Erzähler im Genick und beschert den UniComträgern multiple, tranzendetale Orgasmen. Das digitale Arkadien heißt „driften“ und ermöglicht Replays in den Orgasmen der anderen. In dieser fröhlich-düsteren Vision kommt auch der Erzählfigur jedes Bedürfnis abhanden, den wabernden Zustand seiner Metamophose zu klären. Gelgentich raunt es etwas zu laut in der mythologischen Kiste, einige Seiten wirken wie in Prosa gegossenene Medienkritk, doch Steins Roman funktionert und mündet folgerichtig in einem unauflösbaren Replay. Selbst das Abschalten mithilfe einer Switchbox könnte eine glaubwürdige Simulation der Benutzeroberfläche sein.

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