Benoîte Peeters : Jacques Derrida. Eine Biographie

Wie eine Biographie über einen Philosophen bewerkstelligen, der das Eingeschriebene im Korpus des Denkenden, das Setzende und Verletzende der Schrift, die Bedingungen und Aporien der Lesbarkeit in allen Variationen dekliniert hat? Eine Biographie über Derrida á la Derrida? Schon wären Genre und Sujet, ja das gesamte Vorhaben in Frage gestellt. Nein – frei vom epigonalen Gestus der Dekonstruktion und ohne Anspruch auf Vollständigkeit hat Benoîte Peeters den klassischen, linearen Weg gewählt und sich in dreijähriger Arbeit unter gigantischem Rechercheaufwand dem Ethos der Genauigkeit verschrieben. Dafür hat er die über 80 veröffentlichten Werke Derridas einer Neulektüre unterzogen. Er hat das umfangreiche Archiv der Universität in Irvine und den Derrida-Bestand IMEC in St-Germaine la-Blanche-Herbe gesichtet, unzählige Gespräche mit Familienangehörigen, Freunden und vertrauten Kollegen geführt, Korrespondenzen ausgewertet und eine ebenso lesbare wie nuancenreiche Biographie vorgelegt, die sich unter die Augen seines vornehmsten Lesers, dem 2004 verstorbenen Philosophen, durchaus wagen darf. Warum? Weil Benoîte Peeters auf behutsame, würdevolle Weise die Mesaliancen und Widersprüche zwischen Werk und Intimität aufdeckt. Die Integrität Derridas leidet kaum darunter, wenn wir erfahren, dass der größte Kritiker der Insititution sich im richtigen Augenblick positionieren, ein internationales Netzwerk von Verbündeten knüpfen und sich gegen Anfeindungen behaupten konnte. Dass der Meisterdenker der absence eine unwiderstehliche, charismatische Präsenz besaß, gerne Fernsehen schaute, unscheinbare gegen knallbunte Anzüge tauschte, dass es Schwächen und Affären, einen unehelichen Sohn namens Daniel gab – das alles rutscht bei Peeters nie ins nebensächlich Anekdotische. Wer sich auf Derridas faszinierende Denkspuren begeben, seine algerisch-jüdische Herkunft, die prägenden Jahren an der Ecole normale supérieure, seinen Freunden und Feinden begegnen, wer sich noch einmal die Unruhe vergegenwärtigen will, die die Dekonstruktion innerhalb des angelsächsischen Positivismus ausgelöst hat, wer das unvorstellbare Arbeitspensum, sein stetes Anrennen gegen den Tod kennen lernen, wer erfahren will, was dem Nahbaren Freundschaft bedeutete und wie er sich für Freunde einsetzte, welch hohes Maß an Wertschätzung er seinen Schülern entgegenbrachte, der wird an dieser Biographie, an dem Menschen Jacques Derrida, nicht vorbei gekommen sein.

Benoît Peeters: Jacques Derrida. Eine Biographie. Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 935 S., geb., 39,95 Euro.