Irit Amiel : Gezeichnete – Geschichten vom Überleben

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Wenn Sie in diesem Jahr nur ein Buch zu lesen beabsichtigen, dann lesen Sie dieses. Irit Amiel wurde 1931 in Polen als Irena Librowicz geboren. 1947 gelangte sie nach Palästina und lebt seitdem als Autorin und Übersetzerin in Israel. Als Überlebende hat sie Geschichten vom Überleben gesammelt und aufgeschrieben, die Zeugnis ablegen davon, welch unaussprechliche Last und welch lebenslangen Schmerz das Überleben für diejenigen bedeutet haben musste, denen es – um den Preis für immer von den Eltern, Geschwistern, Großeltern und Verwandten getrennt zu werden, oft ohne sich auch nur verabschieden zu können » Weiterlesen

Botho Strauß : Herkunft

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Ein Buch der Erinnerung und ein Buch über das Erinnern: Das berührendste und bestürzendste Buch, das wir seit langem in Händen gehalten haben. Unserer Ansicht nach das mit Abstand wichtigste in diesem Herbst. In ihm setzt Botho Strauß sich dem „rohen, unberechenbaren Affekt, dem Anfall oder Ansprung von „‚verlorener Zeit'“ schonungs- und schutzlos aus. Er führt uns nach Ems, den Ort seiner Kindheit, erinnert sich an seinen Vater, der ihm, so lange er lebte, so fremd war, mit dem ihm rückblickend und selber älter werdend aber eine „Moral des Scheiterns“ verbindet, die ein ganz neues Licht wirft auf das, was man an Abgekehrtheit und Weltflüchtigkeit Strauß immer wieder unterstellt und vorgeworfen hat. » Weiterlesen

Paul Auster : Winterjournal

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Der Tonsatz, mit dem Paul Auster am Vorabend seines 64. Geburtstag uns das Du anbietet und sein Winter-Tagebuch eröffnet, reißt den Leser auf die Tanzfläche eines Schriftstellerlebens, das sich im Rhythmus der Wortmusik bewegt, dreht, wendet, vor- und wieder zurückschreibt. Man sollte den Originaltext aufschlagen, um die Choreographie der Worte, um den Takt, den Refrain, die Hebungen und Senkungen, die Synkopen der Typen im Einzelnen wie im Ganzen zu vernehmen, die auf das Papier gestanzt werden:
„You think it will never happen to you, that it cannot happen to you, that you are the only person in the world to whom none of these things will ever happen, and then, one by one, they all begin to happen to you, in the same way they happen to everyone else.“ » Weiterlesen

Jorge Semprun : Überlebensübungen

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Der vorliegende Text ist Fragment geblieben. Jorge Semprun erinnert sich in ihm an seine Zeit in der Résistance bis zu seiner Verhaftung im September 1943. An die Befreiung aus dem Konzentrationslager Buchenwald. An die 10 Jahre (die er nicht ohne Stolz und Genugtuung als „eine Art Höchstleistung oder Rekord“ bezeichnet) in Madrid, die er unentdeckt im Untergrund überlebte. Er erinnert sich an die 20 Jahre seines Lebens, die im Rückblick als Überlebensübungen erscheinen. An die allgegenwärtige Gefahr, entdeckt und verhaftet zu werden, an den Triumph der Befreiung, und an die Folter, die die schwerste aller Überlebensübungen darstellte. » Weiterlesen

Paul Nizon : Die Belagerung der Welt

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Paul Nizons Tagebücher – in der vorliegende Ausgabe von Martin Simon aus fünf bereits publizierten Journalen ausgewählt und zusammengestellt – sind alles andere als Nebenprodukte eines Schriftstelleralltags. Es geht um den Funken, der das Funkeln erzeugt. Die losen Aufzeichnungen, Selbstreflexionen, Schriftstellerportraits, Reiseskizzen, Traumwelten, erotischen Streifzüge und Großstadtszenen, können, wie sein Hauptverleger und Förderer Siegfried Unseld vortrefflich formulierte, als Archetypen eines Literaturbesessenen gelesen werden, der die unabdingbare Selbstsucht seiner poetischen Existenz belagert, protokolliert; der Momente aufspürt, Gespräche wiedergibt und nach und nach seine Figuren und Stoffe in Stellung – und damit zur Welt bringt. » Weiterlesen

Barbara Wiedemann : „Ein Faible für Tübingen“. Paul Celan in Württemberg. Deutschland und Paul Celan.

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Weit gefehlt, wer hinter diesem Buchtitel einen gemütlich-literarischen Spaziergang durch die schwäbische Provinz vermutet. Was die Literaturwissenschaftlerin und Celan-Forscherin Barbara Wiedemann aufschlägt, ist ein ebenso wichtiges wie beschämendes Kapitel der sogenannten literarischen und akademischen Öffentlichkeit im Umgang mit dem Lyriker Paul Celan. Celan, dessen gesamte Familie von den Nazis ermordet wurde, flüchtete 1948 nach Paris und unternahm zwischen den Jahren 1952 und 1970 viele Reisen vor allem in den Südwesten Deutschlands. Hier traf er sich mit Bekannten und Freunden wie Hermann und Hanna Lenz, mit Verlegern und Buchhändlern und Kritikern. » Weiterlesen

Hans Stilett : Eulenrod

Stilet_EulenrodFürwahr – es gibt einen kleinen, leuchtenden Stern zu entdecken: „Im grünen Dunkel der Wälder ein heller Fleck, mit Straßen, mit Häusern, mit Stuben und mit Bodenkammern, und in einer träumend ich.“ Der Stern heißt Eulenrod und sein träumendes Ich, der Schriftsteller und Montaigne-Übersetzer, trägt den Namen Hans Stilett. Es sind die Erinnerungen an seine Kindheit im thüringischen Zeulenroda. Der Junge ist vaterlos. Mit seiner Mutter wächst er in ärmlichen, engen Verhältnissen der Weimarer Jahre bei seinen Großeltern auf. Schemenhaft und bedrohlich tauchen die sozialen Verwerfungen, Inflation, Streik, skandierende Rotfrontkämpfer und marschierende Braunhemden in der Wahrnehmungswelt des Jungen auf. » Weiterlesen

Josef Winkler : Mutter und der Bleistift

Winkler_Mutter und BleistiftDer Erzähler im indischen Ellora. Ein Wort fliegt auf wie ein aufgescheuchtes Wild. Ein Wort von Ilse Aichinger, von den näher kommenden Spiegeln im Alter, „bis wir uns ganz nahe sind. Der nächste Schritt heißt dann: den Spiegel mit der Faust zertrümmern, bluten, sich zerschneiden.“ Ein Wort, das den Autor zurückwirft auf den Ort seiner Kindheit und Jugend auf einem Bauernhof in Kärnten. Im Spiegel des elterlichen Schlafzimmers die Madonna sulla seggiola von Raffael, holzgerahmte Harmonie. Die Mutter mit Jesuskind auf dem Schoß, daneben ein betender Engel, „der mit seinem besorgten, traurigen Blick schon das Einschlagen der Kreuzigungsnägel hört.“ » Weiterlesen

Benoîte Peeters : Jacques Derrida. Eine Biographie

Wie eine Biographie über einen Philosophen bewerkstelligen, der das Eingeschriebene im Korpus des Denkenden, das Setzende und Verletzende der Schrift, die Bedingungen und Aporien der Lesbarkeit in allen Variationen dekliniert hat? Eine Biographie über Derrida á la Derrida? Schon wären Genre und Sujet, ja das gesamte Vorhaben in Frage gestellt. Nein – frei vom epigonalen Gestus der Dekonstruktion und ohne Anspruch auf Vollständigkeit hat Benoîte Peeters den klassischen, linearen Weg gewählt und sich in dreijähriger Arbeit unter gigantischem Rechercheaufwand dem Ethos der Genauigkeit verschrieben. Dafür hat er die über 80 veröffentlichten Werke Derridas einer Neulektüre unterzogen. Er hat das umfangreiche Archiv der Universität in Irvine » Weiterlesen

Kerstin Decker : Richard Wagner. Mit den Augen seiner Hunde betrachtet

Man muss kein Wagnerianer sein, nicht mal ein Hundenarr, um das Buch von Kerstin Decker auf Anhieb zu lieben. Sogar als Hundehasser wird man bei der Lektüre nachdenklich und erwägt, ob man sein Verhältnis zu den Vierbeinern – insbesondere zu Neufundländern – nicht von Grund auf überdenken sollte. Ohne seine Hunde, so erfahren wir, wäre aus Richard Wagner nicht der Jahrhundertkomponist geworden, der er war. Er hatte eine Neufundländerseele. Wie ein Rudel von Hundegeistern wechseln Robber, Peps, Fips und Pohl ihre Besitzer und folgen ihrem Meister von Riga, Paris, Dresden, Tribschen bis Bayreuth, auf Schritt und Tritt. Oder folgt Wagner ihnen? » Weiterlesen