Irit Amiel : Gezeichnete – Geschichten vom Überleben

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Wenn Sie in diesem Jahr nur ein Buch zu lesen beabsichtigen, dann lesen Sie dieses. Irit Amiel wurde 1931 in Polen als Irena Librowicz geboren. 1947 gelangte sie nach Palästina und lebt seitdem als Autorin und Übersetzerin in Israel. Als Überlebende hat sie Geschichten vom Überleben gesammelt und aufgeschrieben, die Zeugnis ablegen davon, welch unaussprechliche Last und welch lebenslangen Schmerz das Überleben für diejenigen bedeutet haben musste, denen es – um den Preis für immer von den Eltern, Geschwistern, Großeltern und Verwandten getrennt zu werden, oft ohne sich auch nur verabschieden zu können » Weiterlesen

Grace Paley : Am selben Tag, später

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Wir danken dem Verlag für einen weiteren Band mit Erzählungen von Grace Paley und möchten unsere Empfehlung für diese Autorin, die wir schon für Ungeheure Veränderungen in letzter Minute aussprachen, wiederholen. In den vorliegenden 17 Erzählungen treffen wir Faith (immer noch „Rechthaberin in Person“) und ihre Freundinnen wieder, mittlerweile älter gewordene, aber immer noch „starrsinnige linke Ladys“ und unbeugsame Vertreterinnen „später Gegenkultur – so ihre Selbstbeschreibung in der Erzählung Freundinnen. Was diese Erzählungen auszeichnet ist weniger das, wovon sie berichten als vielmehr die unverwechselbare Art und Weise, in der sie erzählt werden. » Weiterlesen

Karen Köhler : Wir haben Raketen geangelt

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Diese Erzählungen sind atemberaubend und im wahrsten Sinne herausragend. Wir versichern: So etwas haben Sie noch nicht gelesen. Wovon die Erzählungen handeln? Von den Krisen und Katastrophen, die das Leben für uns bereithält. Von Fluchten, Wendepunkten, Verlust und Tod. Und davon, dass es wider Erwarten jederzeit doch möglich ist, gerettet zu werden. In der Titelerzählung spricht eine weibliche Stimme zu ihrem Geliebten, von dem wir erst nach und nach erfahren, dass er tot ist. Kurze, blitzlichtartige Fragmente des gemeinsamen Lebens tauchen auf. Auf wenigen Seiten alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe – hochverdichtet in einer Sprache, die schnoddriger, zärtlicher, lakonischer und präziser nicht sein könnte. » Weiterlesen

Grace Paley: Ungeheure Veränderungen in letzter Minute

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Nach Die kleinen Widrigkeiten des Lebens liegt mit Ungeheure Veränderungen in letzter Minute nun ein weiterer Band mit Erzählungen von Grace Paley vor, den wir an dieser Stelle sehr empfehlen wollen. Zumeist raubt einem schon der erste Satz den Atem und bildet in höchster Verdichtung und zugleich mit unvergleichlicher Leichtigkeit oder Lässigkeit (ja Schnoddrigkeit) eine Geschichte für sich. Gewissermaßen im Zeitraffer präsentiert uns schon der erste Satz der ersten Erzählung Wünsche ein ganzes Leben inklusive das Scheitern einer Ehe: „Erst war an dem Freitag mein Vater krank, dann hatte ich dienstagsabends immer die Versammlungen, dann fing der Krieg an.“ Und danach war es einfach zu spät, diese Ehe noch zu retten. » Weiterlesen

Walter Kappacher : Die Amseln von Parsch

kappacher_die_amseln_von_parschMit der vorliegenden Sammlung von Fragmenten und verstreuten Prosaarbeiten hat uns der müry salzmann Verlag ein funkelndes Kleinod des österreichichen Autors geschenkt. Keine Statements, keine folgerichtigen Einsichten oder Schon-immer-Gewusstheiten. Nein. Kappacher bleibt ein stiller, wunderbarer Außenseiter, ein Dichter auf Abwegen und Traumpfaden, der sich von der Summe des bereits Geschriebenen nicht abschrecken lässt. „Das Gehen“, erfahren wir in der Titelgeschichte, war ihm – neben dem Lesen und Schreiben – das Wichtigste im Leben. Was ihm vom Weg abbringt, vom Schreiben abhält, wird unweigerlich zum Gegenstand des Erzählens. Ein Papagei aus der Nachbarschaft stört ihn mit seinem Gekrächze. » Weiterlesen

Andrzej Stasiuk : Kurzes Buch über das Sterben

„Unsere Zivilisation ist seltsam. Sie rettet, bewahrt, verlängert uns das Leben. Und zugleich macht sie uns dem Tod gegenüber hilflos.“ Vier Geschichten über das Sterben: Der Tod der Großmutter bedeutet, dass auch die Welt der Geister, an die sie glaubte, jene „lebendige, übernatürliche Wirklichkeit“, für immer verschwinden wird. Augustyn, der Schriftsteller erleidet einen Schlaganfall und verliert sein Gedächtnis. Alles, was ihn mit seinen Freunden noch verbindet, sind „Bruchstücke“, „vage Spuren der Vergangenheit“, die für die eigene Identität bürgen. Unberührt davon ist seine mit einem „diabolischen Grinsen“ einhergehende Weigerung, sich angesichts des Todes mit der Kirche auszusöhnen. » Weiterlesen

Wilhelm Genazino : Tarzan am Main

Man könnte den neuen Genazino auch als das Ich-Buch seiner Frankfurter Jahre bezeichnen. Mit gewohnt ironischem Blick lässt der Büchner-Preisträger Erinnerungen an seine Zeit in der Satirezeitschrift Pardon, das jahrelange Pendeln zwischen Freiburg und Frankfurt Revue passieren. Er skizziert bekannte und unbekannte Menschen, lässt Frankfurt und seine Randbezirke und immer wieder die kleinen Verschrobenheiten des Älterwerdens hindurch spazieren, die, einmal wahrgenommen, den Leser nicht mehr loslassen. Der Irrsinn der Stadtplaner korreliert mit den Lebensläufen derjenigen, die vom Weg abgekommen sind. Und doch gibt es einen neuerlichen, schärferen Ton: Randständige, Obdachlose, Alkoholiker und Radfahrer(!) kommen nicht mehr so gut weg. » Weiterlesen

Metin Eloğlu : Fast eine Geschichte

Zunächst sei diesem noch jungen Verlag gedankt, der einen, zumindest den meisten von uns deutschsprachigen Lesern, unbekannten literarischen Kosmos erschließt und zugänglich macht. Die Schauplätze der in diesem Band versammelten 19 meist kurzen Erzählungen, deren Mehrzahl aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts stammt: Strandcafés, Kaffeehäuser, Kneipen. Ihre männlichen Helden und Erzähler: Verlierer, Träumer, Trinker, Zerrissene, Verliebte, die uns von ihrem Scheitern, ihrem Elend, ihren Geldsorgen, ihrem Überdruss und ihrer Einsamkeit berichten, aber auch von ihren Träumen, Hoffnungen und Sehnsüchten, die sich nicht erfüllen werden. » Weiterlesen

Emmanuel Bove : Begegnung und andere Erzählungen

Unwiderstehlich galant und unwiderstehlich traurig. Das ist Emmanuel Bove. Seine Erzählungen, Novellen und Märchen arrangieren kunstvoll das Begegnen, Begehren und Verfehlen von Mann und Frau wie das von Text und Lesererwartung. In dieser Trias bewegen sich die (Erzähl-)Figuren wie Katz und Maus umeinander. Bereits die Titel kündigen an, worum es in Boves Erzählungen geht: um Kränkungen, verletzten Stolz, um Zurückweisungen, Hoffnungen und Illusionen, die sich wie seidige Stricke um den Heldenkragen legen. In fein ziselierten Psychogrammen zeichnet und koloriert Bove den monströsen Deutungswahn, die Illusionen und fragilen Möglichkeitsräume, in die sich seine männlichen Flanneure wie Artisten verklettern; wie ihnen eine Angebetete im Vorbeigehen zunächst vage Hoffnungen auf ein Abenteuer macht, um sich anschließend mit einem Achselzucken abzuwenden. » Weiterlesen

Henry James : Wie alles kam

Anfangs duften Henry James Geschichten nach Replik einer alten Welt. Nach englischem Teegebäck, serviert auf fein gewirkten Damastdecken mit gravierten Silberbestecken in Spiegelsalons jener fernen auf Zerstreuung bedachten angloamerikanischen Upperclass, deren Sorgen sich in der Wahl des nächsten europäischen Reiseziels oder des standesgemäßen Schwiegersohns zu erschöpfen scheinen. Auf den Folgeseiten jedoch reißen menschliche Abgründe auf, die jeden konventionellen Boulevardskandal hinwegfegen. Georgina Gressie, trotziges Früchtchen der New Yorker Society hält den naiven Marineoffizier Benyon auf Abstand und lässt nichts aus, um die Existenz eines gemeinsamen Sohns zu vertuschen. » Weiterlesen

Thomas Hettche : Totenberg

Woraus besteht ein Buch? Was heißt Schreiben? Und was bleibt davon? Ein Geröll von Worten, Erinnerungssplittern, Staub oder vielmehr Nichts? In seinem Erzählband Totenberg überliefert Hettche Gespräche mit Menschen, die ihr Leben mit Büchern verbracht haben. Es sind mehrstimmige, fragile Gespräche, in die sich Momente des Schweigens, Momente der Stille, autobiographische Szenen und ästhetische Diskurse fügen, stets gewahr seiend, dass diese Form der Literarizität eingehüllt im digitalen Raum längst einer versunkenen Welt angehört. So folgt er der Literaturprofessorin Christa Bürger in ihrem absinkenden Wohnhaus, unter dem sich ein Bunker befindet. Er besucht Monika Miller im Ernst-Jünger-Haus, die wirkt, als sei sie dort vergessen worden. » Weiterlesen

Julian Barnes : Unbefugtes Betreten

Als Guiseppe Garibaldi 1839 an Bord seines Schiffes die brasilianische Hafenstadt Laguna ansteuert, erblickt der Freibeuter durch sein Teleskop eine junge Frau. Sofort befiehlt er seinen Leuten, ihn an Land zu bringen. Er sucht und findet das Haus, in dem Anita Riberas lebt. In seinen Aufzeichnungen schildert Garibaldi ihre erste Begegnung: „Wir betrachteten uns gegenseitig verzückt und schweigend wie zwei Menschen, die sich nicht zum ersten Male sehen, sondern einer in des andern Zügen eine Stütze für sein Gedächtnis suchen. Endlich begrüßte ich sie und sagte: ‚Du musst mein werden.‛“ Ist Liebe auf den ersten Blick eine literarische Verklärung oder das Echo eines verkümmerten Sinnesorgans? » Weiterlesen

Philipp Schönthaler : Nach oben ist das Leben offen

Gesundheitsapostel aufgepasst! Von diesem Autor kann man was lernen! Intensiv hat er recherchiert über optimale Ernährung, die effektivsten Entspannungstechniken, Bewegungslehren bis hin zum mentalen Coaching. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Erzählungen als Sinnbild des modernen Menschen. Doch Schönthaler erzeugt mit seinem Kompendium der gesunden Lebensführung eher Grauen als Perspektive. Statt Orientierung und vielleicht sogar Erlösung erzwingt diese ein Schema, das an kargen, mönchischen Tagesablauf erinnert. Nicht jede seiner Figuren scheitert – manchen gelingt die Flucht – » Weiterlesen

Ralf Rothmann : Shakespears Hühner

Eine Frau sitzt im Café. Ihr letzter Tag in Paris. Sie beobachtet einen Mann, der ihr bekannt vorkommt. Als er aufbrechen will, nimmt sie ihren Mut zusammen und behauptet, dass sie ihn kennt, “aus einem Traum“. Der Mann dreht sich um und antwortet: „Ja, ich erinnere mich“ und verlässt das Café. Woher nimmt Ralf Rothmann diese Geschichten? Ein hünenhafter Leichenträger, der sich ein Reimlexikon kauft, um für einen Nachbarsjungen ein Katzengedicht weiter zu dichten. Ein weiterer Knabe, der seine Unschuld beinah an einer Frauenleiche verliert. Oder ein verbitterter Stasimajor, der bis zum letzten Atemzug akribisch seine Familiengeschichte verdreht. » Weiterlesen

Hanna Lemke : Geschwisterkinder

Milla und Ritschie sind Geschwister. Sie leben in Berlin, Ritschie hat einen subalternen Job im hauptstädtischen Medienbetrieb, Milla arbeitet aushilfsweise in einem Laden, der mit Kinderklamotten und Spielzeug mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Milla schläft ab und zu mit ihrem Mitbewohner, Ritschie geht eine Affäre mit Franziska ein, die er nicht liebt. Beide warten auf ein Glück, von dem sie nicht mehr hoffen, dass es einmal eintreten könnte. Sie sehen sich gelegentlich und merken, dass sie die einstige geschwisterliche Vertrautheit und Nähe zu verlieren und sich fremd zu werden drohen. » Weiterlesen