Karl Ove Knausgård : Im Herbst

Pünktlich zur Jahreszeit fallen uns Karl Ove Knausgårds goldene Herbstblätter in die Hand. Im Herbst heißt der erste von vier Jahreszeitenbänden, der nach seinem sechsbändigen autobiographischen Romanprojekt in der deutschen Übersetzung von Paul Berf nun vorliegt. Jeder Monat hebt mit einem Brief an seine ungeborene Tochter an und umfasst je zwanzig Prosastücke. Es sind Fritz-Kochersche Aufsätze über ebenso alltägliche wie disparate Gegenstände: Über Äpfel, Plastiktüten, Benzin geht es weiter zu Pisse, Kaugummis und Blut. Sie handeln von Schamlippen, Van Gogh, von Einsamkeit und Erde oder von Konservendosen, von Schmerz und von der Stille. » Weiterlesen

Kader Abdolah : Die Krähe

Wer diesen kleinen Roman aufschlägt, hält das fünfzehnte Buch eines exiliranischen Schriftstellers in der Hand, der erzählen lässt, wie es wäre, wenn seine Geschichte anders verlaufen wäre, wenn er keinen Erfolg als Autor gehabt hätte. Wem die Rückkehr in seine Heimat verwehrt ist, wer nur unter falschem Namen und in einer anderen Sprache als seiner Muttersprache überleben kann, findet in der Welt der Vorstellungen Zuflucht. Dieser Roman handelt vom Traum des Schreibens und von der Kraft der Imagination. Das Pseudonym erfindet Geschichten, die zu seiner eigenen Überraschung glaubwürdiger klingen als die Wahrheit. Dem Autor ist dieser Traum in Erfüllung gegangen. » Weiterlesen

Julian Barnes : Lebensstufen

Entwarnung: Es geht nicht um rückblickende Altersweisheit à la Hesse, um nachträgliche Sinnstiftung oder Appretur eines geglückten Lebens. Das Buch von Julian Barnes mit dem unglücklichen, wahrscheinlich jedoch unausweichlichen Titel „Lebensstufen“ (im Original „Levels of Life“) handelt von Luft und Liebe. Von der Höhenluft, die die Liebe beansprucht. Wir lesen von den ersten Aeronauten, den Ballonfahrern, ihren Abenteuern und Visionen. Wir lesen von der Wahrheit und Magie der ersten Photographien. Was es bedeutete, sich den Auf- und Abtrieben der Winde auszuliefern und den theologischen Luftraum zu erobern. Ballonfahren stand für Freiheit. Wer mit dem Ballon aufstieg, wusste nicht, wohin es ihn trägt. » Weiterlesen

Mercè Rodoreda : Der Garten über dem Meer

Wir befinden uns in den zwanziger Jahren, in einem Garten an der katalanischen Küste in der Nähe von Barcelona, nur wenige Jahre bevor das Franco-Regime wüten wird. Sechs Kapitel, sechs Sommer lang lässt die katalanische Autorin Mercè Rodoreda das bunte, gesellige Décadence-Treiben in der Villa über dem Meer, das Kommen und Gehen seiner wohlhabenden Bewohner, dem frisch verheirateten Ehepaar Francesc und Rosamaria aus Sicht eines alten angestellten Gärtners erzählen. Sie bewirten ihre Bohemienfreunde aus Barcelona, fahren Wasserski, feiern rauschende Feste und zertrampeln die Beete. » Weiterlesen

Michel Houellebecq : Unterwerfung

Wir haben lange gezögert uns mit den – zweifellos sehr bescheidenen – uns zur Verfügung stehenden Mitteln an der Debatte über den neuen Roman Michel Houellebecqs zu beteiligen. Wir tun dies nun dennoch, da wir glauben, dass der bisherige Verlauf der Debatte den vorliegenden Text konsequent verfehlt. Es handelt sich weder um einen islamkritischen Text (hierzu hat sich auch der Autor hinreichend und sichtlich genervt geäußert) noch um eine Satire. Vielmehr um den paradoxen Versuch ein Vakuum oder Nichts sichtbar zu machen, ohne es konsequenterweise als solches zu benennen (und damit seinen Nicht-Gehalt notwendigerweise zu verfehlen), in das der neue islamische Präsident Frankreichs mit seiner Partei stößt. » Weiterlesen

Wolfgang Büscher : Ein Frühling in Jerusalem

Der Ort, wohin uns Wolfgang Büscher nimmt, ist kein geografischer Ort. Jerusalem ist Sehnsuchts- und Erlösungsziel par excellence, ein Ur-Topos antiker, griechischer, babylonischer, jüdischer, christlicher, osmanischer, armenischer, palästinensischer wie islamischer Hegemonie. Abend- und Morgenland wohnen Wand an Wand. Jerusalem bedeutet „Stadt des Friedens“. Aber es ist kein Frieden dort. Es herrscht Waffenstillstand, jederzeit aufkündbar, hochexplosiv. Ein Schmelztiegel aus Argwohn und Ressentiments, aus Demütigungen und Urfehden. Und doch, am Rande der Altstadt, unweit des Jaffators, gibt es die Mamilla Mall. » Weiterlesen

Patrick Modiano erhält den Literaturnobelpreis

Nun wissen es alle und kaum einer kennt ihn hierzulande. Patrick Modiano hat heute die höchste literarische Auszeichnung, den Literaturnobelpreis, erhalten, und auf die Frage, wie er das findet, den Journalisten geantwortet: „C‘est bizarr!“ Modiano ist ein Autor der leisen Töne. Er ist keiner, der das Rampenlicht sucht. Er lebt zurückgezogen in Paris. Seine Romane sind still, seine Figuren zurückhaltend. Sie suchen und lieben die Stille des Interieurs und der Schattenwelt. Modianos Kunst besteht darin, den diffusen, komplizierten Prozess des Erinnerns auszuleuchten. Viele seiner Romane spielen in Paris unter der deutschen Besatzung. Das Geschehen bleibt in der Schwebe und die Figuren bleiben trotz ihrer fein konturierten Zeichnung schwer fassbar, » Weiterlesen

Karl Ove Knausgård : Leben

Über weite Strecken hinweg ist dieses Buch eine Zumutung. Warum tue ich mir das an? Ich weiß, wie man einen Kessel mit Wasser aufsetzt. Mir ist bekannt, dass Wasser nach einer gewissen Zeit kocht. Ich kenne die einzelnen Schritte, die notwendig sind, um einen Becher Kaffee aufzubrühen. Warum kann ich mich (wie hunderttausend andere Leser) dem Weiterlesen von immerhin 700 Seiten nicht entziehen? Und was wird hier eigentlich erzählt? Nach seinem Abitur und einem Kurzaufenthalt in einer Nervenklinik weiß der Ich-Erzähler nichts Besseres mit sich anzufangen als im Norden Norwegens eine Stelle als Aushilfslehrer anzutreten. Er ist volljährig und hat noch nie mit einem Mädchen geschlafen. » Weiterlesen

Robert Seethaler : Ein ganzes Leben

Ein ganzes Leben erzählen – geht das heute noch? In Form eines Romans, den man (vorschnell) versucht sein könnte als Heimatroman zu bezeichnen? Auf nicht mehr als 155 Seiten? Es geht, wie uns der neue Roman von Robert Seethaler auf eindrucksvolle Weise vorführt. Der Roman erzählt das Leben des Andreas Egger, der im Sommer 1902 als vierjähriger Bub in ein namenloses Alpendorf zum Großbauern Kranzstocker kommt, der ihn als uneheliches Kind einer seiner Schwägerinnen zwar widerwillig in Empfang nimmt, in dem Kind zugleich aber die Möglichkeit sieht, seine sadistischen Neigungen auszuleben. Die Kindheit und Jugend auf dem Kranzstocker-Hof werden für den kleinen Egger zu einem wahren Martyrium. » Weiterlesen

Urs Faes : Sommer in Brandenburg

Der Schweizer Autor Urs Faes eröffnet uns in seinem jüngsten Roman Sommer in Brandenburg ein bislang nahezu unbekanntes und wenig erforschtes Stück jüdischer Geschichte in Deutschland. Schauplatz des Romans ist das Landgut Ahrensdorf in der Nähe von Trebbin, das bis in den Spätsommer/Herbst 1939 eines von mehreren sogenannten Landwerken der Hachschara-Bewegung ist, die von der damals noch bestehenden Reichsvertretung der Juden gepachtet wurden, um Jugendliche auf das harte und entbehrungsreiche Leben als Pioniere in einem der neu gegründeten Kibuzzim in Palästina vorzubereiten – in der Hoffnung » Weiterlesen

Tomas Espedal : Wider die Natur

Der Anfang – ein bekanntes Sujet: Älterer Mann trifft junge Frau. Die junge Frau, der ältere Mann. Die Geschichte von Abaelard und Heloise. Der Tod und das Mädchen. Espedal rollt die Geschichte von beiden Enden neu auf. Er ist achtundvierzig Jahre und doppelt so alt wie sie. Er könnte ihr Vater, sie könnte seine Tochter sein, und sie hat beschlossen, sich ihm hinzugeben. In dieser Begegnung zwischen dem Ich-Erzähler und Janne in einer Silvesternacht ist das Kalendarische suspendiert. Es gibt keinen Altersunterschied. Der Altersunterschied kommt erst später, als sie sich zurückziehen, in das Zimmer mit den Büchern und Spiegeln. » Weiterlesen

Henry James : Washington Square

Washington Square in der vorliegenden Neuübersetzung von Bettina Blumenberg erzählt die Geschichte einer Verfehlung. Der mittellose Bonvivant Morris Townsend erobert das Herz der schüchternen Arzttochter Catherine und schielt auf ihr Vermögen, nachdem er das seinige in Europa verjubelt hat. Ihrem Vater, Dr. Austin Sloper, der vorgibt, seine einzige Tochter vor der größten Enttäuschung bewahren zu wollen, ist jedes Mittel recht, diese Ehe zu verhindern. Er entführt sie auf eine fast einjährige Kulturreise durch Europa, die auf keinen, am allerwenigsten bei Catherine Eindruck hinterlässt, und droht mit Enterbung und Liebesentzug. » Weiterlesen

Gertrud Leutenegger : Panischer Frühling

April 2010. Der isländische Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull bricht aus und legt mit seiner Aschewolke den europäischen Luftverkehr lahm. Für einen Moment steht die Zeit still. Oder: Ein Zeitfenster öffnet sich. Die namenlose Ich-Erzählerin befindet sich in London. Der Zweck Ihres Aufenthalts: „Allem fern sein, um allem nah zu sein.“ Sie trifft dort auf Jonathan, der Tag für Tag auf der London Bridge eine Obdachlosenzeitung verkauft. Die beiden beginnen zu erzählen. Dieses Erzählen ermöglicht ein Erinnern, das für die kurze Zeit ihrer Begegnung die verloren geglaubten Momente eines verlorenen Glücks (und Unglücks) wiederauferstehen lässt. » Weiterlesen

Michail Ryklin : Buch über Anna

Was wissen wir wirklich über die Menschen, die uns nahestehen und die wir lieben? Der russische Philosoph Michail Ryklin (dessen BuchMit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der gelenkten Demokratie an dieser Stelle ebenfalls sehr empfohlen sei) stellt sich und uns diese Frage in seinem Buch über Anna. Seine Frau, die Lyrikern Anna Altschuk, verlässt am Karfreitag 2008 die gemeinsame Berliner Wohnung und kehrt nicht zurück. Drei Wochen später wird sie tot aus der Spree geborgen. » Weiterlesen

Toni Morrison : Heimkehr

Man mag versucht sein, Toni Morrisons Roman „Heimkehr“ angesichts des hohen Alters der Autorin mit der Erwartung zu lesen, es handle sich um ein sogenanntes Alterswerk. Weit gefehlt. Es sei denn, damit sei gemeint, ohne jeden Ballast, schnörkellos und leicht von der unendlichen Schwere des Lebens zu erzählen – was diesem Roman auf wunderbare Weise gelingt. Frank Money kehrt traumatisiert aus dem Koreakrieg zurück. Er hat seine beiden besten Freunde dort sterben gesehen und hat selbst getötet. Eingewiesen in eine psychiatrische Anstalt erreicht ihn die Nachricht, dass seine Schwester Cee in tödlicher Gefahr schwebt. » Weiterlesen

Katja Petrowskaja : Vielleicht Esther

Es gibt Bücher, denen man mit einer Kurzbesprechung nicht zu nahe treten, aus denen man vorlesen, aber nichts zerreden möchte. Wer jedoch würde diese hehre Absicht bemerken? Wer würde registrieren, dass es unter der Lawine zu oft besprochener Bücher zarte Einschlüsse gibt, denen man anerkennend schweigend einen Dienst erweisen wollte? Katja Petrowskajas Roman ist ein solches Buch. Es ist eine Annäherung an ihre jüdische Herkunft und die Geschichte ihrer Familie. Es ist die ebenso exemplarische wie einzigartige Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden und ihrer Diaspora. Einer Geschichte, die sich ihrerseits aus hunderten und abertausenden von Partikeln » Weiterlesen

Rafael Chirbes : Am Ufer

Kann man über „die Finanzkrise“ schreiben? So, dass daraus Literatur entsteht und nicht eine in literarisch notdürftig veranschaulichte Dokumentation oder Reportage? Ohne dass der Text an der Komplexität und Trivialität der den Globus umspannenden Kapitalströme zerschellt? Ohne nur die Sinndefizite erfolgreicher Spekulanten zu entlarven oder die Hohlheit ihrer austauschbaren Lebensentwürfe zu desavouieren? Ohne Investmentbanker sich aus dem 27. Stock ihres Büroturms stürzen zu lassen oder eine Vorstandssitzung auf die Bühne eines notdürftig restaurierten Dokumentartheaters zu bringen? Darf Literatur, die notwendig auf Sprache und deren eigenes Bewegungsgesetz verwiesen ist, sich noch zuständig fühlen für das, was in Echtzeit in den Glasfaserkabeln transagiert wird? » Weiterlesen

Navid Kermani : Große Liebe

Alle Vorwände gelten der Liebe, behauptet ein persisches Sprichwort. Navid Kermani, der sich rückblickend an seine erste große Liebe und an den Fünfzehnjährigen erinnert, der er war, liefert den schönsten aller Vorwände für die Erzählung seiner Geschichte: dass die erste große, und niemals größere Liebe in dem Wunsch gegründet sei, sich loszuwerden und nicht ich zu sein. Erst später, wenn man sich gefunden zu haben glaubt, wenn Ichsucht an die Stelle von Ichverlust getreten ist, mögen einem die Tagebücher des Pubertierenden von einst womöglich banal erscheinen, treiben einem das großspurige Pathos, die Tollheiten Schamesröte ins Gesicht. » Weiterlesen

John Cheever : Ach, dieses Paradies

Unser Dank gilt zunächst dem Verlag, der uns in den letzten Jahren das erzählerische Werk John Cheevers in neuer Übersetzung wieder zugänglich gemacht hat. Der vorliegende Roman ist Cheevers letzter – 1982 im Jahr seines Todes erschienen – und zugleich sein merkwürdigster. Vordergründig geht es um den Kampf eines älteren Mannes aus New York – Lemuel Sears – für den Erhalt eines Teichs, des Beasley’s Pond in Janice, Upstate New York, auf dem er gerne Schlittschuh läuft. Diesen Teich (oder besser: diesen kleinen See) will eine mafiöse Allianz aus Lokalpolitik und anonym bleibenden Hintermännern zu einer Giftmülldeponie umfunktionieren. Sagenhaft, was Cheever auf den exakt 120 Seiten dieses Romans alles geschehen lässt: » Weiterlesen

Louis Begley : Erinnerungen an eine Ehe

Wir befinden uns in New York im Jahr 2003. George W. Bush hat gerade verkündet, dass die Mission im Irak erfüllt sei. Eine Vermeintlichkeit, der im neuen Roman von Louis Begley noch viele folgen werden. Der Ich-Erzähler Philip – ein siebzigjähriger Schriftsteller, seit kurzem wieder in New York – geht ins New York State Theater, um sich eine Aufführung der New York City Ballet Compagnie anzusehen. Philip lebt allein, seine Tochter Agnes und seine Frau Bella sind tot. Von sich sagt (oder schreibt) er: „Und ich habe meine Erinnerungen. Dantes Vergil hat sich geirrt, als er ihm erklärte, kein Schmerz sei größer, als im Unglück an vergangene glückliche Zeiten zu denken. » Weiterlesen

Peter Handke : Versuch über den Pilznarren

Nach vier ebenso disparaten wie geglückten Versuchen, die uns Peter Handke in den letzten Jahren geschenkt hat, mag dieser jüngste, fünfte Versuch über den Pilznarren auch bei den waldkundigsten Leser streckenweise die Frage aufwerfen: Worauf will er eigentlich hinaus? Wird dieser Versuch misslingen? Handke erzählt von sich und von einem aus den Augen verlorenen Jugendfreund, der, einst die Kärntner Wälder durchstreifend, sein Taschengeld mit Pilzesammeln aufbesserte, um sich davon Bücher zu kaufen. Er heiratet und macht als Jurist für Völkerrecht am internationalen Gerichtshof Karriere. Erst im Alter von 50 Jahren stößt der inzwischen verheiratete und werdende Vater durch Zufall auf einen Prachtexemplar von Steinpilz, » Weiterlesen

Andreas Maier: Die Straße

Wir gestehen, dass wir voller Ungeduld auf den dritten Teil der insgesamt auf sieben (andere Quellen melden die Zahl 11, was uns nur recht sein soll) Bände ausgelegten Maierschen Suche nach der verlorenen Zeit gewartet haben. Nach „Das Zimmer“ und „Das Haus“ nun also „Die Straße“. Maier arbeitet sich von innen nach außen vor, was die Vermutung erlaubt, dass der vierte Band den Titel „Die Stadt“ trägt. Womit wir in Friedberg, inmitten der Wetterau sind, die Andreas Maier längst zu seinem literarischen Kosmos erhoben hat. Wir begleiten den jungen Andreas durch die späten Siebziger und frühen Achtziger Jahre und lassen uns berichten von Vätern, die nicht anders können als die Freundinnen ihrer Töchter auf den Schoß zu nehmen » Weiterlesen

Amity Gaige : Schroders Schweigen

Amity_Gaige_Schroders_SchweigenDer erfahrene Leser glaubt, ihn könne nichts mehr erschüttern. Er wiegt sich im Glauben, alles sei schon einmal irgendwann, irgendwo durch irgendwen erzählt worden, alle menschlichen Irrtümer, Lügen und Tragödien, jedes Scheitern, jedes Versagen und jeder Schmerz seien schon zur Genüge beschrieben worden. Dass dem nicht so ist, beweist dieser Roman, der – wenn man nicht aufpasst – einem das Herz brechen kann. Schroder, der Erzähler, richtet aus dem Gefängnis das Wort an seine Frau Laura, die sich von ihm getrennt und mit der er eine kleine Tochter, Meadow, hat. Er erzählt, wie er als Kind mit seinem Vater die DDR verließ und in die USA gelangte. Wie er sich einen neuen Namen (ausgerechnet Kennedy), eine neue Vergangenheit und Biografie andichtete und zum konsequenten Lügner und Hochstapler wurde. » Weiterlesen

Jochen Schmidt : Schneckenmühle

Jochen Schmidt_SchneckenmühleIm Herz der Finsternis, an der schwach beleuchteten Strecke zwischen Pirna und Liebstadt, mitten im Wald und unweit der tschechischen Grenze gibt es einen Ort, an dem die Zeit noch stiller steht: die Schneckenmühle. Fraglich, ob es hier je eine Mühle gegeben hat. Irgendwo vielleicht ein träges, morsches Wasserrad, das im Bachlauf dümpelt? Schnecken zuhauf. Das gleichnamige Hüttenlager der ehemaligen DDR ist alljährliches Ferienziel von Großstadtjugendlichen, die Morgenappell und ideologischen Regelklimbim in Kauf nehmend deswegen gerne wiederkommen, weil es hier etwas lockerer zugeht und sie (noch) ungestört im Dunkeln tappen. » Weiterlesen

Peter Stamm : Nacht ist der Tag

Stamm_Nacht_ist_der_TagDie Leser seien gewarnt: Hier kommt der mit Abstand kälteste, beunruhigenste und schwärzeste Roman der Saison. Peter Stamm erzählt die Geschichte von Gillian und Hubert. Von Astrid, Rolf und Matthias. Bereits die Namen geben Anlass zur Sorge. Der Roman beginnt mitten drin: Gillian, eine erfolgreiche Kulturfernsehredakteurin, erwacht nach einem schweren Autounfall im Krankenhaus, auf der Station für plastische Chirurgie. Ihr Gesicht ist zerstört. Ihr Mann, der am Steuer saß, tot. Allmählich kehren ihre Erinnerungen zurück. Mit der Rekonstruktion ihres Gesichts beginnt die Rekonstruktion der Geschichte. » Weiterlesen