Eugen Ruge : Cabo de Gata

Eugen Ruge Cabo de Gata„Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war.“ Deshalb ist es auch unerheblich, wer da spricht, ob der Autor oder sein Erzähler. Jedenfalls: Der Ich-Erzähler erinnert sich. Wie er sich eines Morgens eingestehen musste, dass er den Versuch, einen Roman zu schreiben, als gescheitert betrachten muss. Wie er sich unvermittelt entschließt, alles hinter sich zu lassen, seine Wohnung am Prenzlauer Berg aufzulösen, seine Möbel zu veräußern, sich von den wenigen Menschen, die ihm nahestehen zu verabschieden, von der Tochter seiner ehemaligen Geliebten, die glaubt, er sei ihr Vater (traurigster Moment in diesem Buch), von seinem Vater, der ihn jedoch nicht zum Essen dabehalten kann, da die Scheiben Brot peinlich genau abgezählt sind. » Weiterlesen

Patricio Pron: Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf

pron-der-geist-meiner-vaeter-steigt-im-regen-aufEin junger Mann kehrt 2008, nachdem er acht Jahre in Deutschland gelebt hat, in seine argentinische Heimat zurück, da sein Vater schwer erkrankt ist. Durch exzessiven Konsum von Drogen hat er fast vollständig sein Gedächtnis verloren. Während sein Vater im Krankenhaus um sein Leben kämpft, findet der Erzähler auf dessen Schreibtisch eine Aktenmappe, in der sein Vater Zeitungsartikel über den Tod eines gewissen Alberto José Burdisso gesammelt hat. Wer war dieser Burdisso? Und welche Verbindung besteht zum Vater des Erzählers? Der Sohn beginnt zu lesen und erfährt, dass der Vater in der Zeit der Militärdiktatur (1976 – 1983) Alicia Burdisso, » Weiterlesen

Aris Fioretos : Die halbe Sonne. Ein Buch über einen Vater

Dieses „Buch über einen Vater“ – so der Untertitel – beginnt mit dem Tod des Vaters und endet mit seiner Geburt. Weil der Sohn nicht weiß, wie er trauern und Abschied nehmen soll, fasst er den Entschluss, den Vater, der in seinen letzten Lebensjahren durch Parkinson und Demenz immer mehr dem Verfall preisgegeben war, wieder zusammenzusetzen und – dessen Leben rückwärts erzählend – einen „Paparat“ zu bauen. „Träume und Übertreibungen gehören dazu“. Er weiß, „dass deshalb sowohl Fakten als auch Phantasie erforderlich sein werden, um den Vater noch einmal zu machen.“ Dieser Vater muss als junger Mann aus politischen Gründen Hals über Kopf die griechische Heimat verlassen, » Weiterlesen

David Vann : Dreck

Ein Buch wie ein Faustschlag ins Gesicht. Galen, 22 Jahre, lebt mit seiner Mutter auf einer Walnussplantage in Carmichael, einem Vorort von Sacramento, im Central Valley, Kalifornien, „einer langgestreckten, heißen Senke Stumpfsinn“. Galen möchte gerne aufs College. Angeblich ist dafür aber kein Geld vorhanden. Das Verhältnis zu seiner Mutter: verhängnisvoll-symbiotisch. „Sie hatte ihn zu einer Art Ehemann gemacht, ihren eigenen Sohn. Sie hatte ihre Mutter, ihre Schwester und ihre Nichte rausgeworfen und diese Zweisamkeit geschaffen, und jeden Tag hatte er das Gefühl, es nicht einen einzigen weiteren Tag auszuhalten, und jeden Tag blieb er.“ » Weiterlesen

Pierre Bost : Ein Sonntag auf dem Lande

Es gilt, ein literarisches Kleinod anzuzeigen. Dem Dörlemann Verlag sei gedankt, diesen 1945 erstmals erschienen Roman des heute weitgehend vergessenen französischen Autors Pierre Bost (1901-1975) dem deutschsprachigen Publikum wieder zugänglich gemacht zu haben. Wie der Titel des Romans es vermuten lässt, spielt der Roman an einem einzigen Tag. Wir begleiten Monsieur Ladmiral – ein 76-jähriger, ehemals erfolgreicher aber unbedeutender Maler, der sich aufs Land umweit von Paris zurückgezogen hat – auf seinem Weg zum Bahnhof, um seinen Sohn samt Familie abzuholen, die wie jeden Sonntag aus Paris zu Besuch kommt. Später an diesem Sonntag wird unangemeldet noch seine Tochter Irène in die kleine Gesellschaft platzen und alles gehörig durcheinanderwirbeln, bevor sie Hals über Kopf wieder verschwindet. » Weiterlesen

Henri Thomas: Der Meineid

Die Geschichte ist so: Der angehende Literaturwissenschaftler Stéphan Charlier leidet unter einem Übervater, der als angesehener Literaturprofessor nicht müde wird, seinem Sohn zu attestieren, er habe „seinen Weg noch nicht gefunden“. Hals über Kopf wandert dieser nach Amerika aus, um dort über Romantik und Hölderlin zu arbeiten. Er schlägt sich als Erntehelfer und mit Gelegenheitsjobs durch, heiratet eine Frau, wird Vater, bekommt einen befristeten Lehrauftrag an der Uni. Er stiehlt sich halberblindet in eine Augenklink, als aufliegt, dass er bereits verheiratet war und eine Frau mit zwei Kindern in Belgien sitzen gelassen hat. Ab hier übernimmt ein Ich-Erzähler das Ruder. Es ist ein Zimmerkollege Charliers an der Westford-Universität. » Weiterlesen

Szilárd Rubin: Die Wolfsgrube

Nach „Kurze Geschichte von der ewigen Liebe“ und „Eine beinahe alltägliche Geschichte“ liegt mit „Die Wolfsgrube“ – dem Rowohlt Berlin Verlag sei gedankt – nun ein weiterer Roman des erst kurz vor seinem Tod 2010 (wieder)entdeckten ungarischen Autors Szilárd Rubin vor. Vom Verlag als „Kriminalroman“ bezeichnet lässt sich der erstmals 1973 in Ungarn erschienene Roman vordergründig durchaus als solcher lesen. Sechs Freunde treffen sich nach 15 Jahren in der Nähe der südungarischen Stadt Pécs wieder. Ergänzt wird die Runde von zwei Ehefrauen, einer Balletttänzerin und der Sprechstundenhilfe des Gastgebers. » Weiterlesen

Ursula Krechel : Landgericht

Was mit einem formalen Zweizeiler beginnt, die Zwangsversetzung des jüdischen Rechtsassessors Kornitzer in den Vorruhestand, ist Auftakt einer Zerstörung, die zeigt, wie ein deutscher Jude systematisch am Wiederaufbau seiner eigenen Geschichte und Existenz gehindert wird. Das Leben der Familie Kornitzer wird von Nationalsozialisten und den Nürnberger Rassegesetzen auseinander gesprengt. Die Eheleute Richard und Claire bangen um die Sicherheit ihrer kleinen Kinder Selma und George und schicken sie nach England. » Weiterlesen

Gaito Gasdanow : Das Phantom des Alexander Wolf

Wenn Kafka zufolge ein Buch die Axt für das gefrorene Meer in uns zu sein hat, dann schlägt einem Gasdanows Romananfang mit voller Wucht zwischen die Augen:
„Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe.“ Der namenlose Ich-Erzähler hat in den Wirren des russischen Bürgerkrieges als 16-jähriger in Notwehr einen Reiter erschossen. Diese Tat – mitnichten ein Mord – verfolgt den Erzähler und holt ihn immer wieder ein. Sie wird zur Grundierung seiner zivilen Existenz als freier exilierter Journalist in Paris. Was er nicht weiß: Der Reiter hat überlebt. » Weiterlesen

Janet Frame : Ein Engel an meiner Tafel

Zunächst sei dem Verlag gedankt, dem das Verdienst gebührt, mit der Neuauflage von Ein Engel an meiner Tafel den zweiten Band der dreiteiligen Autobiografie der großartigen neuseeländischen Autorin Janet Frame (1924 – 2004) wieder zugänglich gemacht zu haben. Kann man ein solches Leben erfinden? Diese Frage kann sich nur derjenige stellen, der nicht weiß, dass es sich hier um einen autobiografischen Text handelt und wir von dem Glücksfall sprechen dürfen, in dem Literatur an das Leben heranzureichen vermag, das sich nicht einordnen lässt in die Kategorien des „Normalen“ oder „Anomalen“. Wo verläuft die Grenze zwischen beiden? Janet Frame hat auf schmerzhafte Weise erfahren müssen, dass die Bestimmung der Grenze ihr selbst über lange Jahre unverfügbar blieb und pure Willkür ist. » Weiterlesen

M. Agejew : Roman mit Kokain

Wir befinden uns an der Schwelle zum ersten Weltkrieg im vorbolschewistischen Moskau. Es ist Winter. Wadim Maslennikow schämt sich seiner niederen Herkunft, hasst und verachtet seine Mutter, knöpft ihr die letzten Rubel ab, um auf nächtlichen Droschkenfahrten arme Mädchen zu verführen und mit Geschlechtskrankheiten zu infizieren. Er gehört zur Troika einer Gymnasialklasse, deren Machtkampf um das interne Ansehen sich an jedem äußeren Ereignis zwar entzündet, doch die historischen Umwälzungen außen vor lässt. Der Stellungskrieg zwischen den Schülern erscheint in den Introspektionen des Ich-Erzählers weittragender als der zwischen Russland und Deutschland. » Weiterlesen

Tomás Gonzáles : Das spröde Licht

Die Geschichte einer Nacht.
Die beiden Brüder Jacobo und Pablo sind auf dem Weg von New York nach Portland. Sie wollen dort einen Arzt treffen, der bereit ist, Jacobo Sterbehilfe zu leisten. Jacobo ist nach einem Unfall vom Hals abwärts gelähmt und leidet seitdem unter unerträglichen neuropathischen Schmerzen, für die es keine Aussicht auf Linderung gibt.

In der New Yorker Wohnung der Familie warten die Eltern David und Sara mit dem dritten Sohn Arturo. Freunde der Familie und Freundinnen der Söhne kommen und gehen. Telefonate werden geführt. Jacobo und Pablo erstatten regelmäßig Bericht über den Fortschritt ihrer Reise und das Warten auf den Arzt. » Weiterlesen

Orhan Pamuk : Die Unschuld der Dinge

Geschichten sind der Stoff, aus dem Geschichte gemacht wird. Orhan Pamuk erzählt die Geschichte zu seinem im April 2012 eröffneten Museum, das seine eigene Geschichte erzählt, die wiederum aus einer unabschließbaren Verweiskette von Geschichten besteht. Die wunderbare Idee zu einem Roman, den man betreten kann, und einem Museum, das man kapitelweise lesen und in dem man sich verlieren kann, entsteht anlässlich eines Familientreffens, bei dem Pamuk Ali Vâsib Efendi kennenlernt. » Weiterlesen

Édouard Levé : Selbstmord

Die Tat selbst erscheint unbegreiflich und banal. Einer kehrt auf dem Weg zum Tennisspiel noch einmal ins Haus zurück, um seinen Tennisschläger zu holen. Er steigt in den Keller und erschießt sich. Draußen wartet die Frau. Ein Comicband liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. „In ihrer Erschütterung stützt sich deine Frau auf den Tisch, das Buch fällt herunter und klappt zu, bevor sie begreifen kann, dass sich darin deine letzte Mitteilung befand.“
Die Nachricht, dass sich der Autor und Fotograf Édouard Levé nur wenige Tage vor der Veröffentlichung seines Romans 2007 in seiner Pariser Wohnung erhängt hat, mag verlegerisch nachhaltig sein. Literarisch brisant und beunruhigend ist dieser Text aus einem anderen Grund: » Weiterlesen

Alex Capus : Skidoo

Bodie, die Goldgräber-Geisterstadt im Nordosten Kaliforniens hinter den verschneiten Bergspitzen der Sierra Nevada war einst Schauplatz prunkvoller Beerdigungen dort lebender Chinesen, Betreiber in Zeiten des Goldrauschs unverzichtbarer Dienstleistungsangebote wie Wäschereien, Restaurants und Opiumhöhlen, die ihren Verstorbenen allerlei Speisen ins Grab legten: Frühlingsrollen, Kanton-Reis und süßsaure Entenbrust. Was wiederum die Paiute-Indianer dazu motivierte, sich rasch profunde ethnographische Kenntnisse der chinesischen Bestattungsrituale anzueignen, um an diese Köstlichkeiten zu gelangen. » Weiterlesen

Richard Ford : Kanada

Great Falls, Montana 1960: Der 15-jährige Dell lebt zusammen mit seiner Zwillingsschwester Berner und seinen Eltern in der gesichtslosen Kleinstadt im Nordwesten der USA. Er freut sich auf die Schule, will endlich Mitglied des örtlichen Schachclubs werden und interessiert sich für Bienenzucht. Aus all dem wird nichts, denn seine Eltern werden auf dilettantische Weise im benachbarten North Dakota eine Bank überfallen, um eine Schuld von 2.000,– Dollar begleichen zu können, die aus illegalen Geschäften des Vaters stammt. Der Erzähler lässt keinen Zweifel daran, dass dieser Banküberfall jeder inneren oder äußeren Notwendigkeit entbehrt. » Weiterlesen

Stephan Thome : Fliehkräfte

Thomes brilliant erzählter Entwicklungsroman bewegt sich vordergründig im verdrießlichen Milieu von verbeamteten grauen Universitätseminenzen, Ausschüssen und Berufungskomissionen, die mehrheitlich „den Poststrukturalismus als Epilog einer Verirrung“ ansehen und dessen Ausbreitung konziliant mit befristeten Juniorprofessuren abzirkeln. Am Ziel seiner akademischen Laufbahn angekommen, von der Studienreform und der Fernbeziehung zu Frau und Tochter zermürbt, hadert Hartmut Hainbach, Professor für praktische Philosophie an der Uni Bonn, mit einer gewichtigen Entscheidung: Soll er seine feste Stelle an den Nagel hängen und zu Maria nach Berlin ziehen oder sich ganz von ihr trennen? » Weiterlesen

Martin Walser : Das dreizehnte Kapitel

„Schloss Bellevue, sagte ich.“ Der erste Satz des Romans zeigt schon an, dass der Autor, der seinen Erzähler diesen Satz sprechen lässt, nicht gewillt ist Zeit zu verlieren oder große Umstände zu machen. Wenn sich zwei schon begegnen sollen, warum dann nicht gleich bei einem Empfang beim Bundespräsidenten oder genauer am Tisch der souverän die Konversation moderierenden Präsidentengattin. Der erfolgreiche Schriftsteller und bekennende „Zudringlichkeitsverfasser“ Basil Schlupp trifft dort auf die zunächst protestantisch-kühle Theologieprofessorin Maja Schneilin, der er wenige Tage später einen ersten Brief schreibt, aus dem in bester romantischer Tradition schnell ein „Briefabenteuer“ erwächst, in dem es bald ums Ganze geht: um Ehe und Freundschaft, Treue und Verrat, die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Liebe, Krankheit und Tod, Schreiben und Wahrheit und um die Fragilität oder Unmöglichkeit dessen, wodurch wir uns in diesem Leben legitimiert oder gerechtfertigt fühlen dürfen. » Weiterlesen

Shahrnush Parsipur : Frauen ohne Männer

Wer Shirin Neshats Filmkunstwerk women without men bewundert hat, dem sei die gleichnamige Romanvorlage der iranischen Autorin Shahrnush Parsipur – in der ausgezeichneten Übersetzung von Jutta Himmelreich – dringend ans Herz gelegt.  Immer ist es ja das Herz, das einen in den Wahnsinn treibt. So auch Mahdokht, die Tochter des Mondes, die sich in einen Menschenbaum verwandelt und in einem Garten Wurzeln schlägt, mit Muttermilch begossen als Samenberg verweht und mit dem Wasser auf Reisen geht. Oder Munes, die Gedanken lesen kann und als Untote umherwandelt. Auf dem Weg nach Karadsch, einem kühlen Ort nördlich von Teheran, werden sie und Faezeh von LKW-Fahrern vergewaltigt, die wiederum am nächsten Baum ihr Ende finden. » Weiterlesen

Michael Ondaatje : Katzentisch

Steht der Katzentisch (im Original: „The cat‘s table“) in den Speisesälen der feinen Gesellschaft für gewöhnlich außen vor und am Rande des vermuteten Hauptgeschehens, reserviert für die Kleinen, Unsichtbaren und weniger Betuchten, ist er an Bord der Oronsay, einem Passagierdampfer der Orientlinie, der aufregendste, ja magischste Ort der Welt. Mit dem elfjährigen Ich-Erzähler Michael, der sich an Bord Mynah nennt, steigen wir auf eine dreiwöchige Passage von Ceylon nach London, belauschen Gesprächsfetzen auf dem Promenadendeck, decken Verschwörungen auf und saugen alle Facetten dieses postkolonialen Passagierschiffs auf, dessen Mysterien hier wie ein Mikrokosmos von Joseph Conrad auf hoher See, von Hafen zu Hafen treiben. » Weiterlesen

Silke Scheuermann : Die Häuser der anderen

Die Häuser der anderen – das ist die Illusion (oder Angst), woanders könnte das andere, bessere Leben stattfinden. Das sind die imaginären Lebens- und Projektionsräume, in denen anderen das gelingt, woran wir scheitern. Da ist Gaby, die sich und ihre halbwüchsige Tochter als Putzfrau durchschlägt, die sich im Haushalt einer erfolgreichen (und schwangeren) Fernsehmoderatorin und eines angesagten Tierarztes festsetzt und unverzichtbar macht mit dem Hintergedanken, ihre Tochter mit dem Adoptivsohn des Paares zu liieren, um auf diese Weise endlich auch ein wenig teilzuhaben an Wohlhabenheit und Eleganz. » Weiterlesen

James Joyce : Ein Porträt des Künstlers als junger Mann

Wer bis jetzt sich an Joyce noch nicht herangetraut, den Ulysses so manches Mal voller unglaubwürdig-guter Vorsätze in den Urlaub mitgeschleppt und dann ungelesen wieder nach Hause gebracht hat oder wer sich allenfalls nur noch vage daran erinnern kann, wie die ein oder andere Geschichte aus den Dubliner im Englischunterricht der Oberstufe mit dem Erläuterungsband oder einer Kopie des Artikels aus Kindlers Literaturlexikon unter der Bank studienrätlich zerhackt wurde, dem sei jetzt dringend ans Herz gelegt zu Friedhelm Rathjens wunderbarer Neuübersetzung von A Porträt of the Artist as a Young Man zu greifen und Stephen Dedalus zu begleiten auf seinem Weg der Befreiung aus elterlicher, pädagogischer, moralischer, nationalpolitischer Bevormundung » Weiterlesen

Ein Abend mit Katharina Hacker im Literarischen Salon

Abends um acht. Vierzehn Stockwerke über den Dächern einer verregneten Stadt spiegelt sich die Innenbeleuchtung in den Panoramafenstern des Literarischen Salons wider, als könnte ein Sonnenuntergang den düsteren Horizont Hannovers illuminieren, einer Stadt mit vielen Verlorenen. Katharina Hacker setzt sich an den Tisch und liest aus Eine Dorfgeschichte. Kein urban verklärter Blick auf das schöne Landleben in den Siebzigern. Kein falsches Mitleid mit Nacktschnecken, sondern ein beherzter Griff zur Schere. » Weiterlesen

Carlos Fuentes : Friedrich auf seinem Balkon

Der mexikanische Dichter Carlos Fuentes, einer der großen Autoren der iberioamerikanischen Literatur, ist überraschend im Alter von 83 Jahren am 15. Mai 2012 in die ewige Bibliothek übergegangen. Fuentes, ein begnadeter und sehr komplexer Erzähler und stets ein scharfsinniger Kritiker der politischen Verhältnisse, hat neben Marquez, Borges und Cortazar den “lateinamerikanischen Boom” maßgeblich geprägt. Vorraussichtlich gegen Ende des Jahres wird sein neuestes, eben noch fertiggestelltes Buch “Federico en su balcón” » Weiterlesen

Bernd Cailloux : Gutgeschriebene Verluste

Wir betreten Schöneberg, den alten Berliner Westen, der im Windschatten der großen weltpolitischen Umwälzungen zum Biotop all jener Übriggebliebenen mutiert ist, die dem Treck nach Osten nicht zu folgen gewillt waren oder sind. Genauer betreten wir das Café Fler, das „Café der Übriggebliebenen“, „in einem einst bewegten, heute gastronomisch verkümmerten Viertel, ein unverändert belassenes Szenecafé im nüchternen hellen New-Wave-Stil der frühen achtziger Jahre“, Refugium für „Männer mit Drang in die Einsamkeit, die sich für ganze Abende sonstigen sozialen Zusammenhängen entzogen (…), um Schlimmeren anderswo zu entkommen“ (Kreative, Kunstschaffende, Freiberufler, Angestellte der Kulturindustrie). » Weiterlesen