Cees Nooteboom : Briefe an Poseidon

Briefe an den Meeresgott? Woher? Cees Nooteboom sitzt bei einem Glas Champagner in einem Fischrestaurant auf dem Viktualienmarkt, liest in den Tagebüchern von Sándor Márai und entdeckt auf einer blauen Serviette den Namen des Lokals: „Poseidon“. Ein grimmiger Gott mit Dreizack in der Badewanne. Der Spezialist für Meeresfische und Meeresfrüchte. Was für eine Idee. Was für eine berechtigte, in ihrer Schlichtheit bestechende Frage an einen Gott: „Was denkt ihr eigentlich über uns?“ Früher verkleideten sie sich noch als Menschen und wandelten umher. Eine Begegnung mit ihnen war nicht so unwahrscheinlich wie heute. Das Göttliche waltet nicht mehr an jeder Straßenecke. Nooteboom sucht und spürt es zwischen den Zeilen auf, auf Ansichtskarten, Werbetafeln, in den Archiven seiner Lesarten, Notizen und Erinnerungen. Er begegnet einem Jungen mit einem gänzlich nach innen gerichteten Blick, ähnlich dem des skizzierten Hölderlinprofils auf einer Postkarte. „Die Tage gehn vorbei mit sanfter Lüste Rauschen.“ Wie kommt es, dass er diese Zeilen jetzt anders liest, als wenn er diese Zeichnung nicht gesehen hätte? Und warum hat er das Gefühl, etwas wiederzuerkennen und warum ähnelt es gleichzeitig nicht dem, was er kennt?. Wem ist er begegnet? „Gibt es das, ein anderer als Spiegel, in dem das eigene Alter verfiegt?“ Nooteboom liest Kafka, der Poseidon im gleichnamigen Prosastück als amtsmüden, ewig rechnenden Verwalter aller Gewässer vorstellt, der das Meereschaos im Grunde nie gesehen hat, weil er unter dem Wasser an seinem Schreibtisch sitzt und sich nach dem Weltuntergang „eine kleine Rundfahrt“ vornimmt. Nach dem Weltuntergang eine kleine Rundfahrt. Und er weiß nicht, was er tun muss, um diesen Gedanken wieder loszuwerden.
Täglich schickt Nooteboom seinem Adressaten neue Partikel eines sonderbaren, manigfaltigen, vergänglichen Lebens: „Ich weiß, dass du alles bereits weißt, allerdings stets in der Sprache der Götter. So wirst du nichts begreifen.“ Den Geschmack der Sterblichkeit kennen die Götter nicht. „Der Schmerz der Zeit, Rost, Fäulnis, Schimmel, der zu Musik wird, das ist etwas anderes als euer ewiger Nektar. Die letzte Zahl der Tage, ein Geschenk, das uns niemand nimmt.“ Angeregt von einer Fotografie Max Mettlers träumt er von Büchern, die unter strömenden Wasser einen Trauerchor anstimmen, “ein erstickendes Lamento aus Druckerschwärze und Papier, das Geräusch, das Bücher machen, wenn sie wissen, sie werden verbrannt oder ertränkt, die Trauer um das, was nie mehr gelesen wird.“
Das Göttliche bei Noeteboom gehört ins Reich der Träume und Fiktionen, den Fragen ohne Antworten, aus denen wir bestehen. Wir haben die Götter nach unserem Ebenbild erschaffen, damit auch wir Teil der Fiktion werden. Wir haben mitgespielt, geopfert, gebetet. Und vielleicht ist Erkennen die angenehmste, feinsinnigste Form der Anbetung. Es gibt kaum einen Satz in diesem Buch, den man nicht anstreichen, aufschreiben und trinken möchte. Auch wenn sie nicht antworten: Man sollte viel öfter Göttern schreiben.
Cees Nooteboom: Briefe an Poseidon. Aus dem Niederländischen von Helga von Beuningen. 230 Seiten geb., Suhrkamp Verlag, 19,95 EUR