Claude Simon: Archipel / Nord. Kleine Schriften und Photographien

Claude Simon hat sich selbst gerne als bricoleur, als Handwerker oder Bastler bezeichnet. Die in dem vorliegenden Band versammelten Prosatexte erlauben es uns, ihm in seiner Werkstatt posthum bei der Arbeit zuzusehen. Brigitte Burmester verweist in ihrem klugen und erhellenden Vorwort ausdrücklich darauf, dass alle Texte Simons den „Blick und das Sehen“ dergestalt favorisieren, dass man sein Schreiben nicht ohne Grund als eine Art „Photographie ohne Apparat“ bezeichnet hat. Claude Simon selbst schreibt in seinem Vorwort zur 1992 von ihm veröffentlichten Auswahl seiner Fotos (Photographies (1937-1970)), welches in dem vorliegenden Band unter dem Titel „Photographie und Literatur“ aufgenommen wurde: „Es ist die Macht, festzuhalten und zu speichern, was unser Gedächtnis selbst zu behalten außerstande ist, nämlich das Bild von etwas, das nur in einem winzigen Bruchteil der Zeit stattgefunden und existiert hat.“ Und er kommt auf Augustinus berühmte Reflexion über das Paradox der Zeit zu sprechen, auf jenen ausdehnungslosen Punkt, den wir Gegenwart nennen. So ist vielleicht einzig die Photographie dazu in der Lage, „eine Spur dessen (zu) erfassen, was noch nie war und nie wieder sein wird“. Claude Simons Schreiben kann als Anstrengung verstanden werden, mit den Mitteln der Sprache das zu leisten, was er der Photographie zutraute: Jenen ausdehnungslosen Punkt zu rekonstruieren, den wir Gegenwart nennen und dem wir uns retrospektiv immer nur bruchstückhaft, in den zufälligen Kombinationen unserer Erinnerung an Wahrgenommenes annähern können. Mit den Mitteln der – notwendig – linearen Sprache, die ihrerseits sowohl Ausdruck als auch Sinnbild jenes sofortigen Zerfall jeder Gegenwart in Vergangenheit ist, das zu vergegenwärtigen, was tatsächlich war. Schreiben, wie Simon es uns in den vorliegenden Texten vorführt, besitzt somit immer ein Moment des paradoxen Versuchs, etwas zu retten, was nicht zu retten ist. Dieses schöne, pünktlich zum hundertsten Geburtstag des Autors erschienene Buch lässt uns an diesem Versuch teilnehmen – und erinnert uns daran, uns wieder Zeit zu nehmen für die Romane dieses großen Autors, der in seinem Schreiben sich so unendlich Zeit zu nehmen scheint für jenes Nichts, das die immer schon verlorene Gegenwart jedes erlebten Augenblicks bildet.

Claude Simon: Archipel / Nord. Kleine Schriften und Photographien, Matthes und Seitz, Berlin 2013, geb., 174 Seiten, 22,90 EUR