Édouard Levé : Selbstmord

Die Tat selbst erscheint unbegreiflich und banal. Einer kehrt auf dem Weg zum Tennisspiel noch einmal ins Haus zurück, um seinen Tennisschläger zu holen. Er steigt in den Keller und erschießt sich. Draußen wartet die Frau. Ein Comicband liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. „In ihrer Erschütterung stützt sich deine Frau auf den Tisch, das Buch fällt herunter und klappt zu, bevor sie begreifen kann, dass sich darin deine letzte Mitteilung befand.“
Die Nachricht, dass sich der Autor und Fotograf Édouard Levé nur wenige Tage vor der Veröffentlichung seines Romans 2007 in seiner Pariser Wohnung erhängt hat, mag verlegerisch nachhaltig sein. Literarisch brisant und beunruhigend ist dieser Text aus einem anderen Grund: Er liefert keinen Grund. Nicht, dass Weiterleben eine Lösung gewesen wäre. Aber der Selbstmord hätte ebensogut ausbleiben können. „Der Selbstmord war eine Handlung, die sich selbst zuwiderhandelte: der Ausdruck einer Lebenskraft, die ihren eigenen Tod hervorbringt.“ Wie, wenn du deinen Selbstmord begehst, und einen hättest, einen Freund, der von den Umständen und Folgen dieser Tat Zeugnis ablegte und zu dir spräche, wie ein Gegenüber? Einer, der Vermutungen anstellt, wie dein Leben verlief und wie das Leben ohne dich weitergeht?
Selbstmord ist eine raffinierte, aporetische Erzählbewegung, die zwischen Zwie- und Selbstgespräch oszilliert. Die Grenzen zwischen Ich und Du lösen sich in der Intimität von Bekenntnissen auf, die sich vollständig jedes Beobachterstandpunkts entziehen.
Der Erzähler wagt ein Sprechen über den Tod hinaus ins Diesseits seiner Abwesenheit.
Es gibt kein Sprechen über den Anderen, das nicht auch das Eigene preisgibt. Und es gibt für diesen Autor nur die Möglichkeit von sich als einem Anderen zu sprechen, dem die Ruhe des Todes schwerer wog, als die schmerzhafte Unruhe seines Lebens.
Édouard Levé: Selbstmord. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Matthes & Seitz, Berlin 2012. 110 Seiten, 17,90 Euro