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	<title>Lesarten. Das andere Literaturmagazin</title>
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	<description>Lesarten ist ein redaktionell geleitetes Literaturmagazin für Leser von Lesern</description>
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		<title>Josef Winkler : Mutter und der Bleistift</title>
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		<pubDate>Thu, 09 May 2013 15:39:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sasan Seyfi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erzählungen]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Erzähler im indischen Ellora. Ein Wort fliegt auf wie ein aufgescheuchtes Wild. Ein Wort von Ilse Aichinger, von den näher kommenden Spiegeln im Alter, „bis wir uns ganz nahe sind. Der nächste Schritt heißt dann: den Spiegel mit der Faust zertrümmern, bluten, sich zerschneiden.“ Ein Wort, das den Autor zurückwirft auf den Ort seiner [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="?p=1677"><img class="alignleft  wp-image-1678" alt="Winkler_Mutter und Bleistift" src="http://lesarten.com/wp-content/uploads/2013/05/Winkler_Mutter-und-Bleistift.jpg" width="147" height="251" /></a>Der Erzähler im indischen Ellora. Ein Wort fliegt auf wie ein aufgescheuchtes Wild. Ein Wort von Ilse Aichinger, von den näher kommenden Spiegeln im Alter, „bis wir uns ganz nahe sind. Der nächste Schritt heißt dann: den Spiegel mit der Faust zertrümmern, bluten, sich zerschneiden.“ Ein Wort, das den Autor zurückwirft auf den Ort seiner Kindheit und Jugend auf einem Bauernhof in Kärnten. Im Spiegel des elterlichen Schlafzimmers die <em>Madonna sulla seggiola</em> von Raffael, holzgerahmte Harmonie. Die Mutter mit Jesuskind auf dem Schoß, daneben ein betender Engel, „der mit seinem besorgten, traurigen Blick schon das Einschlagen der Kreuzigungsnägel hört.“<span id="more-1677"></span><br />
Josef Winklers neues Buch ist ein Requiem auf seine verstorbene Mutter. Es ist die Erinnerung an die wenigen Worte der Mutter, des Vaters und eigentlich aller. Eine Hommage an ein Schreibutensil, das in seiner Zartheit, Präzision, sich hinausschreibt aus der Sprachlosigkeit und Gewalttätigkeit des Dorfes. Die Zartheit des Bleistifts, seine Schraffur, das Zerbrechliche will nicht recht zusammengehen mit der schroffen Erzähllandschaft, dem Schmerz einer splitternden Weidenrute. Der Erzähler scheint diesem Albtraum erst aus der Disparatheit der Motive Mutter &#8211; Bleistift, Kärnten &#8211; Indien und den Gedanken von Ilse Aichinger und Peter Handke eine Sprache geben zu können.<br />
Das Rauhbeinige, sich in katholische Litaneien Flüchtenende, das Töten wie das den Tod Beweinende ist in den holzschnittartigen Sprachbildern manchmal übergroß, so, als gäbe es den Autor nicht, sondern nur die fließende Wiederholung von Redensarten und Bildern in Großaufnahme. Ein Erinnerungsschürfen, das unversehens eine Verbindung zwischen dem sprichwörtlichen „Abkratzen“ (im Sinne von Sterben) und dem Abkratzen einer Hakenkreuzfahne aus einem Foto freilegt und nicht mehr aus dem Kopf geht. Man wird den Leichengeruch nicht mehr los, das Weihwasser, die Kruzifixe, die Beichten, den gehärteten Rotz und Dreck. Und doch schimmert aus dem Geschichtsknäuel fortwährender Verletzungen und Züchtigungen, gegen den sich der Bleistift zur Wehr setzt, eine Liebe des Sohnes. Von der Mutter hineingetrieben in die rechte „schöne“ Hand, hebt Winklers Bleistift das Schwergewichtige, brüllt die Verzweiflung laut aufs Papier. Leise gesteht er, zwischen den Scherben, dass sich dieses Schreiben auch der Mutter verdankt. Aus sicherem Abstand unbedingt zu lesen.</p>
<p>Josef Winkler : Mutter und der Bleistift. Suhrkamp, 90 Seiten, 14,95 €</p>
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		<title>Patricio Pron: Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Apr 2013 10:38:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexander Wittwer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein junger Mann kehrt 2008, nachdem er acht Jahre in Deutschland gelebt hat, in seine argentinische Heimat zurück, da sein Vater schwer erkrankt ist. Durch exzessiven Konsum von Drogen hat er fast vollständig sein Gedächtnis verloren. Während sein Vater im Krankenhaus um sein Leben kämpft, findet der Erzähler auf dessen Schreibtisch eine Aktenmappe, in der [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="?p=1670"><img class="alignleft  wp-image-1671" alt="pron-der-geist-meiner-vaeter-steigt-im-regen-auf" src="http://lesarten.com/wp-content/uploads/2013/04/pron-der-geist-meiner-vaeter-steigt-im-regen-auf.jpg" width="147" height="240" /></a>Ein junger Mann kehrt 2008, nachdem er acht Jahre in Deutschland gelebt hat, in seine argentinische Heimat zurück, da sein Vater schwer erkrankt ist. Durch exzessiven Konsum von Drogen hat er fast vollständig sein Gedächtnis verloren. Während sein Vater im Krankenhaus um sein Leben kämpft, findet der Erzähler auf dessen Schreibtisch eine Aktenmappe, in der sein Vater Zeitungsartikel über den Tod eines gewissen Alberto José Burdisso gesammelt hat. Wer war dieser Burdisso? Und welche Verbindung besteht zum Vater des Erzählers? Der Sohn beginnt zu lesen und erfährt, dass der Vater in der Zeit der Militärdiktatur (1976 – 1983) Alicia Burdisso, <span id="more-1670"></span>die Schwester des Ermordeten, kannte, die im Juni 1977 verhaftet wurde und für immer verschwand – so wie 30.000 weitere politische Gegner oder bloß Verdächtige. Der Vater war es, der Alicia Burdisso für die Mitarbeit in jener peronistischen Organisation gewann, in der er eine leitende Rolle spielte; und der sich deshalb noch dreißig Jahre danach für ihr Verschwinden und ihren Tod verantwortlich fühlt. Der Erzähler erkennt: „Kinder sind die Detektive ihrer Eltern, die sie in die Welt entlassen, damit sie eines Tages zu ihnen zurückkehren und ihnen ihre Geschichte erzählen, die ihnen selbst erst so verständlich wird.“ Die Erinnerung an die eigene Kindheit unter dem Vorzeichen des Terrors der Militärdiktatur kehrt mit Wucht zurück. Er erfährt, dass es seinem Vater lieber gewesen wäre, nicht zu den wenigen Überlebenden zu gehören, „denn ein Überlebender ist der einsamste Mensch der Welt“. Dem Vater hätte es nichts ausgemacht zu sterben, „wenn im Gegenzug die Möglichkeit bestanden hätte, dass jemand sich an ihn erinnerte und später beschlossen hätte, seine Geschichte zu erzählen“. Darum auch musste der Vater die Erinnerung an Alicia Burdisso wach halten. Wir alle sind darauf angewiesen, dass jemand sich entschließt, unsere Geschichte zu erzählen, um uns vor dem absoluten Verschwinden zu bewahren. Der Erzähler nimmt diesen Auftrag an. Herausgekommen ist dieses Buch, das wir nicht nur denen ans Herz legen, die wissen wollen, wie die Generation der in den 70er Jahren in Argentinien Geborenen versucht, den Terror und die Angst, die ihre Kindheit und das Leben ihrer Eltern prägte, zu verstehen, sondern auch all jenen, die berührt sind von dem Wunsch, „es gebe eine Minute, die aus der Uhr entwischt, um niemals einzutreten, und zwar die Minute, in der jemand stirbt; keine Minute möchte dieser Moment sein, lieber flieht sie und lässt die Uhr mit den Zeigern fuchteln und dumm aussehen.“</p>
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		<title>Aris Fioretos : Die halbe Sonne. Ein Buch über einen Vater</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Apr 2013 06:25:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexander Wittwer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Dieses „Buch über einen Vater“ – so der Untertitel – beginnt mit dem Tod des Vaters und endet mit seiner Geburt. Weil der Sohn nicht weiß, wie er trauern und Abschied nehmen soll, fasst er den Entschluss, den Vater, der in seinen letzten Lebensjahren durch Parkinson und Demenz immer mehr dem Verfall preisgegeben war, wieder [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="?p=1659"><img class="alignleft  wp-image-1661" title="aris-fiorretos-halbe-sonne" src="http://lesarten.com/wp-content/uploads/2013/04/aris-fiorretos-halbe-sonne1.jpg" alt="" width="150" height="230" /></a>Dieses „Buch über einen Vater“ – so der Untertitel – beginnt mit dem Tod des Vaters und endet mit seiner Geburt. Weil der Sohn nicht weiß, wie er trauern und Abschied nehmen soll, fasst er den Entschluss, den Vater, der in seinen letzten Lebensjahren durch Parkinson und Demenz immer mehr dem Verfall preisgegeben war, wieder zusammenzusetzen und – dessen Leben rückwärts erzählend – einen „Paparat“ zu bauen. „Träume und Übertreibungen gehören dazu“. Er weiß, „dass deshalb sowohl Fakten als auch Phantasie erforderlich sein werden, um den Vater noch einmal zu machen.“ Dieser Vater muss als junger Mann aus politischen Gründen Hals über Kopf die griechische Heimat verlassen, <span id="more-1659"></span>geht nach Wien, studiert dort Medizin, heiratet eine österreichische Kunststudentin – die Mutter des Erzählers –, tritt einen Stelle als Arzt in Schweden an, um mit seiner Familie dort zu bleiben bis das Ende der Militärdiktatur 1974 eine Rückkehr in die Heimat endlich wieder möglich macht. Das Buch ist darum auch ein Buch darüber, was es heißt, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts innerhalb Europas im Exil zu leben. Und für den Sohn und Erzähler ist der Vater deshalb stets der „ausländische Vater“, über den er Thesen aufstellt wie diese: „Der Handteller eines ausländischen Vaters ist größer als der Himmel über Euch“. Aber auch: „Einem ausländischen Vater fällt es schwer zu verstehen, dass die Auffassungen seiner Kinder das Heimatland betreffend von seinen eigenen abweichen können. (&#8230;) Ein ausländischer Vater fordert deshalb Beweise ihrer Loyalität. Ein ausländischer Vater erkennt nicht immer, dass solche Forderungen die entgegengesetzte Wirkung haben können.“ Und: „Auch ein ausländischer Vater muss geschützt werden. Zum Beispiel durch Nachsicht.“ Dies vielleicht um so mehr, da der Erzähler als „Definition für einen Vater“ vorschlägt: „Er-der-schützt“.</p>
<p>In Schweden bleibt der Vater „selten mehr als ein paar Jahre an einem Wohnsitz. Neue Anstellungen, neue Abenteuer. Und lebt konsequent über seine Verhältnisse – nicht aus Leichtsinn oder Dummdreistigkeit, sondern weil er keinen Grund sieht, sich von Hindernissen hemmen zu lassen, die er als läppisch oder beleidigend empfindet.“ Vielleicht, weil der Vater, der in Schweden als Mediziner Karriere macht, erkennt, dass seine Familie beginnt sesshaft zu werden während bei ihm das Gefühl wächst in der Verbannung zu leben.</p>
<p>In kurzen Szenen, Erinnerungsstücken und -bildern, oft nicht länger als eine Seite, nähert sich der Erzähler dem Leben seines Vaters an und setzt ihn für sich und uns Leser wie angekündigt wieder zusammen. Und das Schöne und Bemerkenswerte an diesem Text ist: nicht um sich selber, sondern um den Vater besser zu verstehen. Ein weiterer literarischer Vatermord hätte die Tradition auf seiner Seite. Umso dankbarer sind wir über dieses Buch, in dem ein Sohn wohlwollend, staunend und um Gerechtigkeit bemüht sich das Leben und die Person des eigenen Vaters erzählerisch aneignet – ohne dabei Gefahr zu laufen ins Apologetische oder Verklärende zu geraten. Der Erzähler erinnert sich, dass sein Vater nur sehr ungern über die Umstände sprach, die dazu führten, dass er als beinahe noch Jugendlicher Griechenland verlassen musste. Sein Schreiben nimmt ernst, was sein Vater ihm dazu sagte: „Die Vergangenheit besteht aus vielen Türen. Nicht jede lässt sich öffnen.“</p>
<p><strong>Aris Fioretos: „Die halbe Sonne“</strong>. Ein Buch über einen Vater. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Carl Hanser Verlag, München 2013. 192 S., geb., 18,90 Euro.</p>
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		<title>Andrzej Stasiuk : Kurzes Buch über das Sterben</title>
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		<pubDate>Fri, 29 Mar 2013 10:33:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexander Wittwer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erzählungen]]></category>

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		<description><![CDATA[„Unsere Zivilisation ist seltsam. Sie rettet, bewahrt, verlängert uns das Leben. Und zugleich macht sie uns dem Tod gegenüber hilflos.“ Vier Geschichten über das Sterben: Der Tod der Großmutter bedeutet, dass auch die Welt der Geister, an die sie glaubte, jene „lebendige, übernatürliche Wirklichkeit“, für immer verschwinden wird. Augustyn, der Schriftsteller erleidet einen Schlaganfall und [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="?p=1651"><img class="alignleft  wp-image-1652" title="stasiuk_kurzes_buch_sterben" src="http://lesarten.com/wp-content/uploads/2013/03/stasiuk_kurzes_buch_sterben.jpg" alt="" width="165" height="270" /></a>„Unsere Zivilisation ist seltsam. Sie rettet, bewahrt, verlängert uns das Leben. Und zugleich macht sie uns dem Tod gegenüber hilflos.“ Vier Geschichten über das Sterben: Der Tod der Großmutter bedeutet, dass auch die Welt der Geister, an die sie glaubte, jene „lebendige, übernatürliche Wirklichkeit“, für immer verschwinden wird. Augustyn, der Schriftsteller erleidet einen Schlaganfall und verliert sein Gedächtnis. Alles, was ihn mit seinen Freunden noch verbindet, sind „Bruchstücke“, „vage Spuren der Vergangenheit“, die für die eigene Identität bürgen. Unberührt davon ist seine mit einem „diabolischen Grinsen“ einhergehende Weigerung, sich angesichts des Todes mit der Kirche auszusöhnen.<span id="more-1651"></span> Für den Erzähler gleichwohl ein kleiner Trost: „Das war ein Zeichen dafür, dass Krankheit und Behinderung ihn zwar von der Welt und von uns getrennt hatten, sein tiefstes Wesen aber davon unberührt geblieben war.“ Augustyn stirbt allein. Auch für uns (Über)Lebende gilt: „Wir sind immer mehr, und immer mehr von uns werden sterben. In immer größerer Einsamkeit.“ Das Sterben der Hündin, die zum <em>memento mori</em>, zur „Vision der menschlichen Sterblichkeit wird“. Der Tod des Freundes Olek, mit dem der Erzähler auf unzähligen Reisen der Enge der polnischen Kleinstadt entfloh, aus der sie beide stammten, bis auf einer dieser Reisen der Freund ihm eröffnet, dass er sterben werde. Der Erzähler fragt sich: „Was geschieht mit der Zeit, die vergangen ist? Wohin verschwinden die Ereignisse, an denen wir teilhatten? Wo zum Beispiel ist heute der Sommertag, an dem wir uns in Zagórz in den Zug setzten, nachdem wir von der Küste aus zwanzig Stunden lang per Autostopp durchs ganze Land gefahren waren.“ Mit jedem Tod verschwindet eine ganze Welt. Und zugleich ist das Ende des Lebens gar kein Ende, sondern ein Abbruch von etwas kaum Begonnenem. „Sterben wir, kaum verändert? Kaum angebrochen?“ Keine Antwort, die uns beruhigen könnte.</p>
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		<title>Benoîte Peeters : Jacques Derrida. Eine Biographie</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Mar 2013 17:20:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sasan Seyfi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Biographie]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie eine Biographie über einen Philosophen bewerkstelligen, der das Eingeschriebene im Korpus des Denkenden, das Setzende und Verletzende der Schrift, die Bedingungen und Aporien der Lesbarkeit in allen Variationen dekliniert hat? Eine Biographie über Derrida á la Derrida? Schon wären Genre und Sujet, ja das gesamte Vorhaben in Frage gestellt. Nein &#8211; frei vom epigonalen [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="?p=1646"><img class="alignleft  wp-image-1647" title="Peeters_Derrida" src="http://lesarten.com/wp-content/uploads/2013/03/Peeters_Derrida.jpg" alt="" width="158" height="251" /></a>Wie eine Biographie über einen Philosophen bewerkstelligen, der das Eingeschriebene im Korpus des Denkenden, das Setzende und Verletzende der Schrift, die Bedingungen und Aporien der Lesbarkeit in allen Variationen dekliniert hat? Eine Biographie über Derrida <em>á la Derrida</em>? Schon wären Genre und Sujet, ja das gesamte Vorhaben in Frage gestellt. Nein &#8211; frei vom epigonalen Gestus der Dekonstruktion und ohne Anspruch auf Vollständigkeit hat Benoîte Peeters den klassischen, linearen Weg gewählt und sich in dreijähriger Arbeit unter gigantischem Rechercheaufwand dem Ethos der Genauigkeit verschrieben. Dafür hat er die über 80 veröffentlichten Werke Derridas einer Neulektüre unterzogen. Er hat das umfangreiche Archiv der Universität in Irvine <span id="more-1646"></span>und den Derrida-Bestand IMEC in St-Germaine la-Blanche-Herbe gesichtet, unzählige Gespräche mit Familienangehörigen, Freunden und vertrauten Kollegen geführt, Korrespondenzen ausgewertet und eine ebenso lesbare wie nuancenreiche Biographie vorgelegt, die sich unter die Augen seines vornehmsten Lesers, dem 2004 verstorbenen Philosophen, durchaus wagen darf. Warum? Weil Benoîte Peeters auf behutsame, würdevolle Weise die Mesaliancen und Widersprüche zwischen Werk und Intimität aufdeckt. Die Integrität Derridas leidet kaum darunter, wenn wir erfahren, dass der größte Kritiker der Insititution sich im richtigen Augenblick positionieren, ein internationales Netzwerk von Verbündeten knüpfen und sich gegen Anfeindungen behaupten konnte. Dass der Meisterdenker der <em>absence</em> eine unwiderstehliche, charismatische Präsenz besaß, gerne Fernsehen schaute, unscheinbare gegen knallbunte Anzüge tauschte, dass es Schwächen und Affären, einen unehelichen Sohn namens Daniel gab &#8211; das alles rutscht bei Peeters nie ins nebensächlich Anekdotische. Wer sich auf Derridas faszinierende Denkspuren begeben, seine algerisch-jüdische Herkunft, die prägenden Jahren an der Ecole normale supérieure, seinen Freunden und Feinden begegnen, wer sich noch einmal die Unruhe vergegenwärtigen will, die die Dekonstruktion innerhalb des angelsächsischen Positivismus ausgelöst hat, wer das unvorstellbare Arbeitspensum, sein stetes Anrennen gegen den Tod kennen lernen, wer erfahren will, was dem Nahbaren Freundschaft bedeutete und wie er sich für Freunde einsetzte, welch hohes Maß an Wertschätzung er seinen Schülern entgegenbrachte, der wird an dieser Biographie, an dem Menschen Jacques Derrida, nicht vorbei gekommen sein.</p>
<p>Benoît Peeters: Jacques Derrida. Eine Biographie. Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 935 S., geb., 39,95 Euro.</p>
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		<title>David Vann : Dreck</title>
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		<pubDate>Sun, 17 Mar 2013 07:56:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexander Wittwer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Buch wie ein Faustschlag ins Gesicht. Galen, 22 Jahre, lebt mit seiner Mutter auf einer Walnussplantage in Carmichael, einem Vorort von Sacramento, im Central Valley, Kalifornien, „einer langgestreckten, heißen Senke Stumpfsinn“. Galen möchte gerne aufs College. Angeblich ist dafür aber kein Geld vorhanden. Das Verhältnis zu seiner Mutter: verhängnisvoll-symbiotisch. „Sie hatte ihn zu einer [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="?p=1632"><img class="alignleft  wp-image-1640" title="dreck" src="http://lesarten.com/wp-content/uploads/2013/03/dreck.jpg" alt="" width="162" height="269" /></a>Ein Buch wie ein Faustschlag ins Gesicht. Galen, 22 Jahre, lebt mit seiner Mutter auf einer Walnussplantage in Carmichael, einem Vorort von Sacramento, im Central Valley, Kalifornien, „einer langgestreckten, heißen Senke Stumpfsinn“. Galen möchte gerne aufs College. Angeblich ist dafür aber kein Geld vorhanden. Das Verhältnis zu seiner Mutter: verhängnisvoll-symbiotisch. „Sie hatte ihn zu einer Art Ehemann gemacht, ihren eigenen Sohn. Sie hatte ihre Mutter, ihre Schwester und ihre Nichte rausgeworfen und diese Zweisamkeit geschaffen, und jeden Tag hatte er das Gefühl, es nicht einen einzigen weiteren Tag auszuhalten, und jeden Tag blieb er.“ <span id="more-1632"></span>Galen flieht in Esoterik und Transzendenzfantasien. Er liebt seine Cousine Jennifer, die ihre Macht über ihn kaltblütig ausnutzt. Auf einem Wochenendausflug in eine Hütte in den Wäldern eskaliert die Situation. Das Gravitationszentrum, um das alle Personen dieses Romans wie einander nie erreichende Himmelkörper kreisen, erscheint als pure Gewalt. Familiengeheimnisse brechen auf. Galen schläft mit seiner Cousine Jennifer – ungewollt vor den Augen seiner Mutter. Man streitet um das Familienvermögen. Zurück auf der Plantage eröffnet Galens Mutter ihm, dass sie ihn nicht nur hinauswerfen, sondern auch dafür sorgen wird, dass er wegen Vergewaltigung seiner Cousine im Gefängnis landet. Was folgt ist ein Kampf auf Leben und Tod zwischen Mutter und Sohn, wie er so in der Literatur noch nicht dargestellt worden ist. Jede antike Tragödie, jedes Shakespearesche Drama verblasst dagegen. Ein Kampf, in dem Kälte und Gefühllosigkeit in Selbstlosigkeit und Liebe sowie umgekehrt Sanftmut und Sehnsucht nach Transzendenz in die Bereitschaft zu töten umschlagen. In dem nichts ist wie es scheint und das waltende Verhängnis für die Beteiligten undurchschaubar. Unsere Geschichte ist mächtiger als wir. Besser, wir bilden uns nicht ein, wir hätten die Kontrolle über ein von uns selbst bestimmtes Leben. Wir ahnen beim Lesen: Es wird tödlich enden. Und: „Es würde keinen Frieden geben, niemals.“ Nichts, was Aussicht auf Rettung oder Erlösung von Schuld, Wut und Scham verspräche. Nicht einmal der Tod. Nicht einmal der Tod der eigenen Mutter. Es gibt kein Entrinnen, keine Erlösung oder Transzendenz. Was am Ende bleibt ist: „Dreck“, den Galen ins selbstgeschaufelte Grab seiner Mutter wirft. Dieses Buch erscheint wie ein Gegengift: Gegen jegliche Angebote, die ein besseres Leben oder Heilung versprechen: Familie, Liebe, Sex, Geld, Wissen, Religion. Ein sehr starkes allerdings.</p>
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		<title>Kerstin Decker : Richard Wagner. Mit den Augen seiner Hunde betrachtet</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Mar 2013 17:43:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sasan Seyfi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Biographie]]></category>

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		<description><![CDATA[Man muss kein Wagnerianer sein, nicht mal ein Hundenarr, um das Buch von Kerstin Decker auf Anhieb zu lieben. Sogar als Hundehasser wird man bei der Lektüre nachdenklich und erwägt, ob man sein Verhältnis zu den Vierbeinern &#8211; insbesondere zu Neufundländern &#8211; nicht von Grund auf überdenken sollte. Ohne seine Hunde, so erfahren wir, wäre [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="?p=1614"><img class="alignleft  wp-image-1615" title="Kerstin Decker_ Wagner" src="http://lesarten.com/wp-content/uploads/2013/03/Kerstin-Decker_-Wagner.jpg" alt="" width="162" height="226" /></a>Man muss kein Wagnerianer sein, nicht mal ein Hundenarr, um das Buch von Kerstin Decker auf Anhieb zu lieben. Sogar als Hundehasser wird man bei der Lektüre nachdenklich und erwägt, ob man sein Verhältnis zu den Vierbeinern &#8211; insbesondere zu Neufundländern &#8211; nicht von Grund auf überdenken sollte. Ohne seine Hunde, so erfahren wir, wäre aus Richard Wagner nicht der Jahrhundertkomponist geworden, der er war. Er hatte eine Neufundländerseele. Wie ein Rudel von Hundegeistern wechseln Robber, Peps, Fips und Pohl ihre Besitzer und folgen ihrem Meister von Riga, Paris, Dresden, Tribschen bis Bayreuth, auf Schritt und Tritt. Oder folgt Wagner ihnen? <span id="more-1614"></span> Manchmal ist unentscheidbar, wer wem zu Füßen liegt. Man besitzt keine Tiere. Nie hätte Wagner einen Hund käuflich erworben. Hätte der riesige Robber nicht darauf bestanden, seinen Herrn zu begleiten, hätte Wagner die Kutsche genommen. So musste er den Ostseeschoner von Pillau nach London besteigen. Ohne die beschwerliche Schiffsreise auf der <em>Thetis</em> kein <em>Fliegender Holländer</em>. Und Peps &#8211; wie alle Wagnerhunde &#8211; hochmusikalisch, gibt die Tonart vom Siegfried-Idyll vor: „Bei E-Dur spannte sich jede Faser seines kleinen Körpers, bei Es-Dur wedelte er etwas schläfrig mit dem Schwanz.“ Alles, was Wagner komponierte, spielte und sang er dem Zwergspaniel vor. Mit feinsinniger, diskreter Ironie lässt Kerstin Decker Wagners treue Weggefährten zu Wort kommen. Sie folgt ihren Spuren und dem, was sie zwischen Tür und Angel, am Kamin, unter Tischen, an Orchestergräben wahrgenommen haben könnten. Wenn Tiere nicht nur hören, sondern lesen und sprechen, steht das Abendland auf dem Spiel. Von Aristoteles über Descartes bis Kant besteht die Wesensbestimmung des Menschen als das <em>zôon logon echon</em> oder <em>animal rationale</em> darin, den Menschen dem gesamten Rest der Gattung Tier entgegenzusetzen. Zum einen gilt es, dem Menschen alles Animalische auszutreiben, zum anderen dem Tier <em>ex negativo</em> alles abzusprechen, was dem Menschen eigen ist: Sprache, Vernunft, Trauer, Kunstverstand etc. Erst Schopenhauer wendet sich gegen diesen Hochmut. Nietzsche bekennt in seinem Anti-Wagner: „Da ist ein Musiker, der mehr als irgend ein Musiker seine Meisterschaft darin hat, die Töne aus dem Reich leidender, gedrückter, gemarterter Seelen zu finden und auch noch dem stummen Elend Sprache zu geben.“</p>
<p>Wagners letzter Begleiter, ein Neufundländer, hört auf den Namen Russ. Sieben Jahre nach seinem Tod „erklingt im Karfreitagszauber des <em>Parsifal</em> das Lied von der Einheit der Schöpfung: Jeder kann hören, dass in den Thieren das Gleiche athmet was uns das Leben gibt.“</p>
<p>Auf einmalig fachkundige und amüsante Weise widerlegt Kerstin Decker das Vorurteil der Biographen, dass es sich bei den verlässlichsten Zeitzeugen eines Menschen um Menschen handeln müsse. (Wagners) Hunde sind die besseren Menschenkenner.</p>
<p>Kerstin Decker: Richard Wagner. Mit den Augen seiner Hunde betrachtet. 196 S., Berenberg-Verlag, Frühjahr 2013, 22 Euro.</p>
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		<title>Pierre Bost : Ein Sonntag auf dem Lande</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Mar 2013 08:05:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexander Wittwer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Es gilt, ein literarisches Kleinod anzuzeigen. Dem Dörlemann Verlag sei gedankt, diesen 1945 erstmals erschienen Roman des heute weitgehend vergessenen französischen Autors Pierre Bost (1901-1975) dem deutschsprachigen Publikum wieder zugänglich gemacht zu haben. Wie der Titel des Romans es vermuten lässt, spielt der Roman an einem einzigen Tag. Wir begleiten Monsieur Ladmiral – ein 76-jähriger, [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="?p=1606"><img class="alignleft  wp-image-1607" title="Bost_ein-sonntag-auf-dem-lande" src="http://lesarten.com/wp-content/uploads/2013/03/Bost_ein-sonntag-auf-dem-lande.jpg" alt="" width="159" height="259" /></a>Es gilt, ein literarisches Kleinod anzuzeigen. Dem Dörlemann Verlag sei gedankt, diesen 1945 erstmals erschienen Roman des heute weitgehend vergessenen französischen Autors Pierre Bost (1901-1975) dem deutschsprachigen Publikum wieder zugänglich gemacht zu haben. Wie der Titel des Romans es vermuten lässt, spielt der Roman an einem einzigen Tag. Wir begleiten Monsieur Ladmiral – ein 76-jähriger, ehemals erfolgreicher aber unbedeutender Maler, der sich aufs Land umweit von Paris zurückgezogen hat – auf seinem Weg zum Bahnhof, um seinen Sohn samt Familie abzuholen, die wie jeden Sonntag aus Paris zu Besuch kommt. Später an diesem Sonntag wird unangemeldet noch seine Tochter Irène in die kleine Gesellschaft platzen und alles gehörig durcheinanderwirbeln, bevor sie Hals über Kopf wieder verschwindet. <span id="more-1606"></span>Sonst passiert wenig. Die Stationen und Rituale dieses Tages stehen fest und werden peinlich genau eingehalten: Gemeinsame Spaziergänge, die kleinen Grenzüberschreitungen der Kinder, die Mahlzeiten natürlich, der von allen so geschätzte Mittagsschlaf. Und gerade dadurch gelingt es Pierre Bost, ein ganzes sich seinem Ende zuneigendes Leben auf den nur knapp 150 Seiten auf wunderbare Weise gegenwärtig zu machen. Die Angst vor Alter und Tod, die Angst vor dem Verlust der Eltern, die Enttäuschungen und Verletzungen, die Eltern und Kinder sich unvermeidlich wechselseitig zufügen. Die untergründigen – und natürlich unausgesprochenen – Spannungen, Ressentiments, Erwartungen, Hoffnungen, Eifersüchte und Konflikte: zwischen Vater und Sohn, Sohn und Tochter, Schwiegervater und Schwiegertochter, sogar zwischen Großvater und Enkeln. Die kleinen Verletzungen und Bitterkeiten, die man sich gegenseitig bereitet hat und bereitet. Und zugleich die Verbundenheit, deren Substanz als so unsagbar brüchig erscheint. Die falschen Rücksichtnahmen, die ins Schweigen führen. Die Sorge, dass der Tod bald kommt. Das unvermeidliche Abschiednehmen am Abend dieses Sonntags. Es werden vielleicht nicht mehr viele sein. Das Allgemeine im Besonderen – kann das in der Literatur des 20. Jahrhunderts noch gelingen? Es kann, wie uns dieser Roman beweist.</p>
<p>Pierre Bost: Ein Sonntag auf dem Lande. Deutsch von Rainer Moritz. Dörlemann Verlag 2013, 116 Seiten, 16,90 Euro</p>
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		<title>Felix Hartlaub : Italienische Reise</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Mar 2013 08:23:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexander Wittwer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reisebeschreibungen]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Sommer 1931 unternimmt der damals achtzehnjährige Schüler der Odenwaldschule Felix Hartlaub gemeinsam mit 10 Mitschülerinnen und Mitschülern und dem betreuenden Lehrer Werner Meyer eine einmonatige Studienreise nach Italien. Nikola Herweg und Harald Tausch haben das Reisetagebuch inklusive der Federzeichnungen des Achtzehnjährigen jetzt im Suhrkamp Verlag herausgegeben, kommentiert und mit einem klugen und instruktiven Nachwort [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="?p=1602"><img class="alignleft  wp-image-1603" title="Hartlaub_italienische_Reise" src="http://lesarten.com/wp-content/uploads/2013/03/Hartlaub_italienische_Reise.jpg" alt="" width="153" height="243" /></a>Im Sommer 1931 unternimmt der damals achtzehnjährige Schüler der Odenwaldschule Felix Hartlaub gemeinsam mit 10 Mitschülerinnen und Mitschülern und dem betreuenden Lehrer Werner Meyer eine einmonatige Studienreise nach Italien. Nikola Herweg und Harald Tausch haben das Reisetagebuch inklusive der Federzeichnungen des Achtzehnjährigen jetzt im Suhrkamp Verlag herausgegeben, kommentiert und mit einem klugen und instruktiven Nachwort versehen. Die Aufzeichnungen beginnen im Tessin, weitere Stationen der Reise sind u.a. Genua, die Cinque Terre, Viareggio, Lucca, Pisa, ein längerer Aufenthalt schließlich in Florenz. Die letzte Aufzeichnung erfolgt auf der Rückreise in Freiburg. Dieser schmale, sehr schön gestaltete Band bietet nichts Geringeres als eine hoch verdichtete und in ihrem Ton ganz eigene Schule des Sehens. Nicht nur für Italienkundige.</p>
<p>Felix Hartlaub: Italienische Reise. Bibliothek Suhrkamp 1473, Gebunden, 104 Seiten, 17,95 €</p>
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		<title>Henri Thomas: Der Meineid</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Feb 2013 22:57:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sasan Seyfi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Geschichte ist so: Der angehende Literaturwissenschaftler Stéphan Charlier leidet unter einem Übervater, der als angesehener Literaturprofessor nicht müde wird, seinem Sohn zu attestieren, er habe „seinen Weg noch nicht gefunden“. Hals über Kopf wandert dieser nach Amerika aus, um dort über Romantik und Hölderlin zu arbeiten. Er schlägt sich als Erntehelfer und mit Gelegenheitsjobs [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="?p=1587"><img class="alignleft  wp-image-1588" title="thomas_der_Meineid" src="http://lesarten.com/wp-content/uploads/2013/02/thomas_der_Meineid.jpg" alt="" width="154" height="252" /></a>Die Geschichte ist so: Der angehende Literaturwissenschaftler Stéphan Charlier leidet unter einem Übervater, der als angesehener Literaturprofessor nicht müde wird, seinem Sohn zu attestieren, er habe „seinen Weg noch nicht gefunden“. Hals über Kopf wandert dieser nach Amerika aus, um dort über Romantik und Hölderlin zu arbeiten. Er schlägt sich als Erntehelfer und mit Gelegenheitsjobs durch, heiratet eine Frau, wird Vater, bekommt einen befristeten Lehrauftrag an der Uni. Er stiehlt sich halberblindet in eine Augenklink, als aufliegt, dass er bereits verheiratet war und eine Frau mit zwei Kindern in Belgien sitzen gelassen hat. Ab hier übernimmt ein Ich-Erzähler das Ruder. Es ist ein Zimmerkollege Charliers an der Westford-Universität.<span id="more-1587"></span> Anfangs noch skeptischer Chronist, erleben wir, wie er sich zunehmend in den Chalierschen Kauzigkeiten und Lesererwartungen verfängt. Als Charlier, von einer Ausländerkommision in Washington vorgeladen, kurzerhand verfügt: „Schreiben Sie mein lückenloses Geständnis und schicken Sie es an diese Quäkerin von der Hohen Kommission“, weigert sich der Ich-Erzähler zunächst standhaft mit den Worten. „Mein lieber Stéphan, ich bin es nicht, der am Tag Ihrer Hochzeit eine kleine Erinnerungslücke hatte.“ Im Stillen jedoch hat der Erzähler längst Notizen zur Verteidigung seines Freundes angefertigt. Aus den lückenhaften Auskünften Charliers entwickelt er eine scheinbar aussichtsreiche Verteidigungsstrategie, kommt dann jedoch mit keinem Wort mehr darauf zurück und sieht schlussendlich unter dem Einfluss Charlies die Unmöglichkeit jeder entschuldigenden Erklärung restlos ein. Die Irrfahrt endet auf Hag-Island, einer gottverlassenen Insel bei Maine. Charlier spricht nur noch selten, durchwatet wie ein blinder Seher und Hölderlinverse raunend die Schlamm und Blut getränkte Insel. Auf seinen Fersen stets das ratlose Erzähler-Ich, das mit Charlier „zu einem Narr“ verschmolzen, seinen Fiktionen von Schuld und Unschuld kaum mehr entrinnt.</p>
<p>Dass viele Stationen Chaliers angelehnt sind an das Leben des belgischen Literaturwissenschaftlers und Begründers des <em>New Criticism</em> Paul de Man, ist inzwischen weitgehend bekannt. Henri Thomas jedoch geht es um weit mehr als um ein biographisches Aperçu. Streckenweise liest sich dieser Roman wie eine fundamentale, ebenso düstere wie amüsante (z.T. auch anstrengende) Realisierung der Literaturtheorien de Mans. Ausgehend von der Dialektik logischer und rhetorischer Denkfiguren in den Kardinalstexten der Aufklärung haben de Man und Derrida an Rousseau, Kant und Hegel immer wieder vorgeführt, wie der rhethorische Gehalt die logischen Aussagen hintertreibt und auf eine Selbstdestruktion der Texte hinausläuft. In seiner Untersuchung <em>Blindness and Insight</em> hat de Man eindrucksvoll demonstriert, wie rhetorische Figuren notwendig den Gegenstand verdecken, den sie beschreiben wollen. Das exponierte Verfahren dieser Re-Lektüre, in den 70er Jahren unter dem Schlagwort „Dekonstruktion“ prominent geworden, wurde häufig falsch verstanden oder als akademische Sophisterei abgetan. Literarische Texte dagegen haben den Vorzug, dass sie sich ihrer Rhetorizität bewusst sind und nicht vorgeben, logisch zu sein. Sie sind wie Charlier auf mindestens einem Auge blind und spielen mit den trügerischen Instanzen auktorialer Beschreibung. Jeder Versuch – und das ist eine der ausgezeichneten Volten des vorliegenden Romans – die Wirklichkeit oder Sinnhaftigkeit des Geschehens zu fokussieren, erweist sich als narrative, rhetorische Finte des Textes selbst, indem er die Allegorien des Lesens meisterhaft inszeniert. Zuletzt entfliehen die Figuren der Hölleninsel. Auf einem Boot treiben die Protagonisten ins offene Meer hinaus und sind wie die Lokalzeitungen laut Auskunft des Erzähler-Ichs &#8220;ganz korrekt berichten: ein Spielzeug der Fluten“. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende. Natürlich nur vorläufig.</p>
<p>Henri Thomas: Der Meineid. Aus dem Französischen von Leopold Federmair. Klever Verlag, Wien 2012. 220 S., geb., 19,95 Euro.</p>
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