Gerhard Roth : Portraits

Was ist das Besondere, Wesentliche, Unverzichtbare dieser unter dem bescheiden anmutenden Titel „Portraits“ gebündelten Begegnungen mit Malern und Dichtern (Bruno Kreisky, Ivan Osim, Simon Wiesenthal einmal ausgenommen)? Ein spannendes Panoptikum von Momentaufnahmen, intimen Erinnerungen, Auftragsarbeiten, Einflüssen und Bekenntnissen des Schriftstellers Gerhard Roth? Die Begegnung eines gut präparierten Besuchers mit Max Frisch, der seinen „Montauk“ besser erinnert als sein Autor?
Nein. Das Wesentliche ist die gleichzeitig einfühlsame wie unbeschwerte Art, auf die sich Roth dem Sonderbaren nähert. Roth interessiert sich für die Kauzigen, die Außenstehenden, Irrenhäusler, wahnsinnig wie wahrsinnig Sprechenden, ihre mit opaken Stimmen, Bildern und Dämonen gefüllten Räume. Bereits in seinen frühen Grazer Jahren war der Medizinstudent Roth fasziniert von den Tagebüchern Van Goghs und fest überzeugt, dass alle „Irre“ ein außergewöhnliches Geheimnis mit sich herumtragen. Ob der legendäre Bücherkaufzwang Elias Canettis, seinen Maskeraden und Grimassen, die ausufernde, Haus und Hof sprengende Weltmaschine des Bauern Franz Gsellmann oder die Höhlenmalereien des Nervenklinikbewohners August Walla: Alle von Roth portraitierte Schaffende sind neben dem, was sie herstellen immer auch virtuose Selbstdarsteller, Clowns und Seiltänzer. Roth entwickelt ein feines Gespür dafür, diese Inszenierungen und ihren obsessiven Charakter in warmen kunstimanenten Bühnenlicht aufscheinen zu lassen. Hier findet im besten Sinn des Wortes ein Gespräch statt. Als Leser wünscht man, dieses Gespräch würde nie abreißen oder immer von Neuem beginnen.