Grace Paley: Ungeheure Veränderungen in letzter Minute

Nach Die kleinen Widrigkeiten des Lebens liegt mit Ungeheure Veränderungen in letzter Minute nun ein weiterer Band mit Erzählungen von Grace Paley vor, den wir an dieser Stelle sehr empfehlen wollen. Zumeist raubt einem schon der erste Satz den Atem und bildet in höchster Verdichtung und zugleich mit unvergleichlicher Leichtigkeit oder Lässigkeit (ja Schnoddrigkeit) eine Geschichte für sich. Gewissermaßen im Zeitraffer präsentiert uns schon der erste Satz der ersten Erzählung Wünsche ein ganzes Leben inklusive das Scheitern einer Ehe: „Erst war an dem Freitag mein Vater krank, dann hatte ich dienstagsabends immer die Versammlungen, dann fing der Krieg an.“ Und danach war es einfach zu spät, diese Ehe noch zu retten. Atemberaubend auch das Ende der Erzählung Leben: „Aber wie oft würde ich gern mit Ellen reden, mit der ich schließlich in unseren wilden heimlichen Jahren eine Million Sachen gemacht habe. Wir haben die Kinder auf jeden verdammten Felsen im Central Park gescheucht. Am Ostersonntag haben wir weiße Tauben auf blaue Plakate geklebt und auf der Eighth Street für Frieden gebetet. Dann waren wir müde und haben die Kinder angeschrien. Die Jungen waren noch ganz klein. Aus Jux tackerten wir uns ihre Schneeanzüge an die Röcke und marschierten voller Wut über die Sklaverei wochenlang jeden Sonntag über die Brücken, die Manhatten mit der Welt verbinden. Wir haben zusammen gewohnt, gearbeitet und total arrogante Kerle gehabt. Und dann, zwei Wochen vor letztem Weihnachten starben wir.“ Womit alles gesagt ist. In der vielleicht schönsten Erzählung des vorliegenden Baumes Faith im Baum sitzt die Heldin im wahrsten Sinne des Wortes in einem Baum im Central Park und blickt auf ihr Leben und das all ihrer Freundinnen, Bekannten und Nachbarinnen. Der erste Satz bildet die Zusammenfassung ihres bisherigen Lebens, die jenseits aller gewöhnlichen Logik auf engstem Raum all das Disparate in einem Zusammenhang bringt, was ein Leben ausmacht: „Gerade als ich tiefgründige Gespräche am meisten brauchte, das heißt, einen Hauch der weiten Männerwelt oder zumindest einen gescheiten Gefährten, der meine freundliche Sprache in sein Idiom unsterblicher fleischlicher Liebe übersetzen konnte, war ich gezwungen, umgeben von Kindern, hier im Park in unserer Nachbarschaft herumzuhängen.“ Das Leben ist eben nur das, was es ist. Und manchmal bietet es eben beides auch nicht: Weder tiefgründige Gespräche noch ein Idiom unsterblicher fleischlicher Liebe. In der Erzählung Gespräch mit meinem Vater gibt uns die Autorin mithin einen Hinweis, worin das Grundprinzip ihres Schreibens bestehen könnte. Der sechsundachtzigjährige Vater der Erzählerin (die als alter ego der Autorin gelten darf) ist bettlägerig und bittet diese noch ein einziges Mal eine „einfache Geschichte“ zu schreiben: mit Menschen, die man wiedererkenne und einer linearen Handlung, in der ein Ereignis auf das nächste folgt. Die Erzählerin versucht ihm (freilich halbherzig nur) diesen Wunsch zu erfüllen, auch wenn sie sich nicht daran erinnern kann, „jemals so geschrieben zu haben“. Sie verachtet Erzählungen, die eine Handlung als „gerade Linie zwischen zwei Punkten“ präsentieren: „Nicht aus literarischen Gründen, sondern weil es einem alle Hoffnung nimmt. Jeder, ob real oder erfunden, verdient doch ein offenes Schicksal.“ Die Erzählerin legt es geradezu darauf an, dass dieser Versuch scheitert, was ihr Vater ihr am Ende der Erzählung auch vorwerfen wird. Diese Weigerung, „einfache“ Geschichten zu erzählen, macht den unwiderstehlichen Reiz dieser Erzählungen aus, die uns irritieren, denen wir manchmal nur schwer folgen können, die uns im besten Sinne des Wortes aus der Bahn werfen. Denn als Leser geht es uns ein wenig so wie der Heldin aus jener Erzählung, die dem Band den Titel gibt; die „in dem Moment“, als sie ihrer neuen Männerbekanntschaft zuhört, „aus dem schnellen Straßenkreuzer der Liebe weit voraus auf ein einsames Alter und einsames Sterben blicken (kann)“. Wenn in diesen Erzählungen ungeheuerlichen Veränderungen stattfinden, dann meist nicht mit einer Wendung zum Guten.

Grace Paley: Ungeheure Veränderungen in letzter Minute. Storys.
Aus dem Englischen neu übersetzt von Sigrid Ruschmeier, Schöffling & Co. Verlag, 256 S. geb., 19,95 EUR.