György Konrád : Über Juden

„1944 war ich ein ungarischer Jude, seit 1945 bin ich ein jüdischer Ungar.“ Die in diesem Band versammelten Aufsätze des ungarischen Schriftstellers und Essayisten György Konrád aus den Jahren 1986 bis 2010 gehen der Frage nach, was es vor und nach 1945 bedeutet hat und bedeutet, ungarischer Jude oder jüdischer Ungar bzw. Europäer zu sein. In den meist kurzen Texten macht Konrád eindringlich deutlich, dass Jude sein im Europa unserer Tage zunächst und immer noch heißt: Bedroht zu sein. Denn: „Auschwitz war für das Judentum der größte Denkzettel‚ Gleich, was Du von Dir denkst, du bist und bleibst Jude’, sagte Auschwitz.“

Dem elfjährigen György Konrád gelingt im Oktober 1944 zusammen mit seiner Schwester und zwei Cousins aus seinem Heimatort, der Kleinstadt Berettyóújfalu, die Flucht nach Budapest, nachdem die Eltern schon deportiert waren und, was die Kinder zu diesem Zeitpunkt nicht wissen können, als einzige der deportierten Eltern durch Zufall der Ermordung in Auschwitz entgehen. Konrád hat in seinen beiden autobiografischen Romanen „Glück“ und „Sonnenfinsternis auf dem Berg“ die Geschichte seiner Kindheit und Jugend und die seiner weitverzweigten jüdisch-ungarischen Familie erzählt. In dem kurzen Text „Tante Zsófi und Onkel Gyula“ gedenkt er seiner Tante Zsófi, die ihn und seine Schwester in Budapest aufnahm und ihnen damit das Leben rettete. In diesem so lakonischen wie eindringlichem Porträt setzt er all jenen ein Denkmal, (auch den wenigen, die keine Juden waren) die, „angetrieben von einer rätselhaften Kraft“, geholfen haben: „Tante Zsófi war eine selbständige Person. Ihr Mann im jüdischen Arbeitslager, sie mit dem eigenen Sohn und zwei Neffen des Mannes in der Hälfte einer Dreizimmerwohnung mit Diele. Und was geschieht dann? Sie bekommt zwei weitere Kinder aus Berettyóújfalu. Gebeten hat sie nicht darum. (…) Sie zögerte nicht, das zu tun, was ihr der eigene Geschmack diktierte; sie behandelte uns, meine Schwester und mich, als wären wir ihre eigenen Kinder; sie nahm zur Kenntnis, daß sie eine alleinstehende Mutter von fünf Kindern geworden war und es von nun an ihre Aufgabe sein würde, solange die Eltern, wer weiß woher, nicht zurückkehren würden, für ihr leibliches Wohl zu sorgen und so im allgemeinen ihr Leben zu retten.“ Onkel Gyula stirbt im Lager. Tante Zsófi findet seinen Leichnam. Acht Jahre später springt sie vom Balkon eben jener Wohnung in den Tod.

Wer diese Erfahrung gemacht hat, der weiß: „Sicherheit genießen die Juden nur in einer Gesellschaft, in der niemand deportiert oder ausgesiedelt werden kann, in der ein freier Bürger die Normalität ist. Wenn aber ein Leben als freier Bürger nicht möglich ist, sind die Juden besonders gefährdet.“ Konrád registriert mit besonderer Sensibilität, welchen Bedrohungen auch die vermeintlich gefestigten liberalen Demokratien im heutigen Europa ausgesetzt sind, weil jede Bedrohung dessen, was er mit dem Begriff „liberale Demokratie“ bezeichnet, für die in Europa lebenden Juden unweigerlich eine Bedrohung an Leib und Leben darstellen würde. Deshalb ist der Staat Israel für jeden Juden nicht nur gedanklicher Fluchtpunkt einer vielleicht irgendwann notwendig werdenden Rettung: „Sollte der Boden unter den Füßen brennen, kann Israel mit seinem Rückkehrgesetz ein Ort der Zuflucht werden. Die Existenz dieses Staates nimmt den Juden, die überall verstreut auf der Welt leben, wo sie mehr oder weniger in die nationalen Gesellschaften eingebunden sind, die größte Angst.“

Wer diese Bedrohung verstehen will – in einer Zeit, in der unter dem Eindruck von scheinbar auf Dauer gestellten Krisen auch die liberale Demokratie als Relikt aus alten und besseren Tagen erscheint, in der eitle Literaturnobelpreisträger mit in Verse gepressten Leitartikeln subtile linke und antiimperialistische Ressentiments gegen Israel bedienen und zugleich in Kauf nehmen, dass auch rechte Stammtische Zustimmung signalisieren; in einer Zeit, in der der Bürger zum Wutbürger mutiert und sich alle Welt empört (gegen die Macht der Banken, gegen das Finanzkapital, gegen die Macht Brüssels, gegen den Bau von Bahnhöfen), nur nicht dagegen, dass es in Europa (wieder? oder immer noch?) möglich ist, zwei Frauen, die von ihrem Recht auf Kritik an der Regierung Gebrauch gemacht haben, umstandslos ins Straflager zu schicken; wer verstehen will, dass das Recht auf Unversehrtheit an Leib und Leben alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist; wer bereit ist, sich auf dem Gedanken einzulassen, dass „die herrschenden Ideen des zwanzigsten Jahrhunderts (…) fast ausnahmslos mörderischer Art“ waren; und wer darum den herrschenden Ideen des noch jungen einundzwanzigsten misstraut – dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.