Hanna Lemke : Geschwisterkinder

Milla und Ritschie sind Geschwister. Sie leben in Berlin, Ritschie hat einen subalternen Job im hauptstädtischen Medienbetrieb, Milla arbeitet aushilfsweise in einem Laden, der mit Kinderklamotten und Spielzeug mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Milla schläft ab und zu mit ihrem Mitbewohner, Ritschie geht eine Affäre mit Franziska ein, die er nicht liebt. Beide warten auf ein Glück, von dem sie nicht mehr hoffen, dass es einmal eintreten könnte. Sie sehen sich gelegentlich und merken, dass sie die einstige geschwisterliche Vertrautheit und Nähe zu verlieren und sich fremd zu werden drohen. Eine Einladung zur Hochzeit eines nur flüchtig bekannten Paares führt dazu, dass beide sich ihrer Fremdheit im eigenen Leben und ihrer Sprachlosigkeit bewusst werden. Die kleinen Rituale und Betäubungen des Alltags werden fraglich, die Hilfskonstruktionen des eigenen Funktionierens tragen nicht mehr. Hanna Lemke erklärt nichts, stellt nur dar. Keine Psychologie, keine Gesellschaftsanalyse oder gar -kritik, keine Generation-Irgendwas. Kein Berlin-Roman, zum Glück. Vielmehr eine unaufdringliche-eindringliche Erzählung von wenigen Tagen aus dem Leben zweier Geschwister, die keine Sprache für das haben, was ihnen fehlt. Am Ende wird Milla für ein paar Tage bei Ritschie einziehen. Miteinander zu sprechen scheint wieder möglich. Was die Geschwister sich zu sagen oder auch nicht zu sagen haben, spart die Erzählung aus. Immerhin: Veränderung scheint möglich. Als Leser möchte man ausrufen: „Ich wünsche Euch Glück!“
Hanna Lemke, Geschwisterkinder, Kunstmann Verlag, 14,95 €