Hans Stilett : Eulenrod

Stilet_EulenrodFürwahr – es gibt einen kleinen, leuchtenden Stern zu entdecken: „Im grünen Dunkel der Wälder ein heller Fleck, mit Straßen, mit Häusern, mit Stuben und mit Bodenkammern, und in einer träumend ich.“ Der Stern heißt Eulenrod und sein träumendes Ich, der Schriftsteller und Montaigne-Übersetzer, trägt den Namen Hans Stilett. Es sind die Erinnerungen an seine Kindheit im thüringischen Zeulenroda. Der Junge ist vaterlos. Mit seiner Mutter wächst er in ärmlichen, engen Verhältnissen der Weimarer Jahre bei seinen Großeltern auf. Schemenhaft und bedrohlich tauchen die sozialen Verwerfungen, Inflation, Streik, skandierende Rotfrontkämpfer und marschierende Braunhemden in der Wahrnehmungswelt des Jungen auf. Die Großmutter verkörpert das Notwendige, die Mutter schreibt Gedichte und liebt die Natur über alles. Im diesem Spannungsfeld zwischen dem Praktischen und dem Schönen wächst der Junge heran, schnappt Blütensätze auf, Redensarten, entdeckt Blumen und Nachbarstöchter und erfindet seine Welt. Nicht das Kind erinnert sich. Erst weit später, wenn der Abschied naht, können die Scherben der Erinnerung ausgegraben und gesiebt werden. Erst weit später, in der Dämmerung des Lebensabend kann er die Frage stellen: „Woher komme ich“ und „Was bleibt?“. Erst weit später kann der, dem die Sprache gegeben ist, zu dem Kind werden, das die Bruchstücke zu einem biographischen Mosaik zusammenfügend erzählt und eine Welt wieder holt. Das Mosaik ist im Präsens, umrahmt von der vollendeten Zukunft des Gewesenseins. Aus der Gegenwärtigung des nahenden Todes wie des Geschriebenen folgert Stilett, “dass ich, da gewesen, sein werde.“ Sprunghaft, wechselnd, mit den Augen und Ohren eines wachträumenden Jungen schreibend, naiv und gleichzeitig blitzgescheit. Geht das? Normalerweise nicht. Hans Stilett, indem er jede Sinnhaftigkeit stiftende Firnis, jede Bewertung und Altersweisheit weglässt und erzählt, was und wie es einem Kind in den Sinn kommt, ist dieses Meisterwerk gelungen.

 

Hans Stilett : Eulenrod. Biographisches Mosaik. Antje Kunstmann Verlag. 110 Seiten, 14,95 €