Henry James : Washington Square

Washington Square in der vorliegenden Neuübersetzung von Bettina Blumenberg erzählt die Geschichte einer Verfehlung. Der mittellose Bonvivant Morris Townsend erobert das Herz der schüchternen Arzttochter Catherine und schielt auf ihr Vermögen, nachdem er das seinige in Europa verjubelt hat. Ihrem Vater, Dr. Austin Sloper, der vorgibt, seine einzige Tochter vor der größten Enttäuschung bewahren zu wollen, ist jedes Mittel recht, diese Ehe zu verhindern. Er entführt sie auf eine fast einjährige Kulturreise durch Europa, die auf keinen, am allerwenigsten bei Catherine Eindruck hinterlässt, und droht mit Enterbung und Liebesentzug. Seine unterbeschäftigte narzisstische Schwester Mrs. Penniman schließlich stürzt sich auf die Rolle der Mittlerin und versaubeutelt alles noch mehr. Henry James‘ viktorianisches Liebesdrama wäre beinah trivial, schaltete er nicht immer wieder einen wie aus dem Nichts auftauchenden Ich-Erzähler dazwischen, der Kette und Schuss, der nahezu unmerklich das gesamte geometrische Textgewebe des Romans auftrennt. In ihrem beachtenswerten Nachwort weist Bettina Blumenberg darauf hin, wie das Rechteck (= Square) die Topologie des Romans und die Konstellation der Figuren aufreißt. Immer sind es die sorgfältig auserkorenen, halb privaten, halb öffentlichen Räume, die, obwohl sie eine Begegnung ermöglichen sollen, jedes Gespräch vereiteln.
Der Mitgiftjäger wendet sich vorläufig ab und Catherine entsagt der Liebe. Feiner wurde Ironie als poetische Reflexion kaum je gesponnen, wenn der Erzähler das Verhältnis des Schreibens zu seinem Gegenstand andeutet und in diesem allerletzten Satz die aufgenommenen Fäden ineinanderlaufen lässt: „Unterdessen hatte Catherine im Salon ihre Handarbeit wieder aufgenommen und sich damit niedergelassen – gewissermaßen fürs Leben.“ Ein Meisterwerk.

Henry James: Washington Square. Aus dem Englischen und mit Nachwort von Bettina Blumenberg
geb., 288 Seiten, 24,95 EUR.