Herbert Molderings : Die nackte Wahrheit. Zum Spätwerk von Marcel Duchamp

Kann man Fachliteratur von Prosa jederzeit sauber trennen? Herbert Molderings aktuelle Veröffentlichung erschwert die Antwort: Es handelt sich natürlich um Fachliteratur, in welcher der Autor auf wissenschaftliche Publikationen und Erkenntnisse ebenso rekurriert, wie er seine eigene wissenschaftliche Beschäftigung mit Marcel Duchamp und dessen Werken anschaulich darlegt. Recherchiert man die Aktivitäten des Autors, vor allem in der Lehre, dann liegt die Vermutung nahe, dass wir hier die Ergebnisse seiner Vorlesungen und Seminare jüngeren Datums in kompakter Form erhalten. Um aber zur Eingangsfrage zurückzukehren: Es gelingt Molderings vortrefflich, die Fülle an Bezügen zwischen dem Künstler Duchamp und dessen Werk zur (westlichen) Kunst- und Geistesgeschichte der letzten 500 Jahre immer wieder neu herzustellen, und zwar so spannend, dass man das Buch in einem durchlesen möchte. In drei Aufsätzen, von denen sich zwei mit je einem Werk Duchamps befassen, bietet der Autor einen umfassenden Überblick über das Denken und Handeln des Künstlers, den er gleich auf der ersten Seite nicht nur »als Erfinder fast sämtlicher, die Malerei transzendierenden Innovationen in der Kunst des vergangenen Jahrhunderts« nennt, sondern gleich als »wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts« bezeichnet.
Die beiden Werke, um die es in den Haupttexten geht – »Gegeben sei: 1. der Wasserfall 2. das Leuchtgas« und der »Grüne Lichtstrahl« –, gehören zu den rätselhafteren Arbeiten des Künstlers (sofern man nach der Lektüre dieses Buches bzw. der Beschäftigung mit Duchamp generell hier überhaupt noch gewichten will). Der »Grüne Lichtstrahl«, Duchamps Beitrag zur Pariser Ausstellung »Le Surréalisme en 1947« des gleichen Jahres, gilt als verschollen, wird aber anhand von z. B. Fotografien fast schon detektivisch rekonstruiert. Wie bei »Gegeben sei: 1. der Wasserfall 2. das Leuchtgas«, seinem letzten großen Werk, an dem er zwei Jahrzehnte gearbeitet und das er qua Verfügung erst posthum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, hat Duchamp hier die unterschiedlichen Blickwinkel, die er in seinen früheren Arbeiten auf Glas explizit erst ermöglichte, eingeschränkt auf den »Blick durchs Schlüsselloch«. Molderings zeichnet diesen (Perspektiv-)Wandel nach, indem er von Dürers Darstellung der perspektivischen Zeichnung aus dem Jahr 1538 über den veränderten Blick durch den Photoapparat sowie Courbets »Ursprung der Welt« hin zu Duchamps Glasarbeiten führt, die das »vorne/hinten« der Leinwand auflösen und die Betrachter selbst zum Teil des Betrachteten werden lassen. Dass Duchamp sich in späten Jahren wieder deutlich von dieser Blickweise abgewendet hat hin zum singulären Erspähen des Kunstwerks durch Gucklöcher wie in einer Peepshow, mag der Aversion des Künstlers gegen Kunstbetrieb und Massenpublikum geschuldet sein – jene »Dummköpfe, die sich gegen die freien, erfindungsreichen Individuen verschwören und damit das verfestigen, was sie Realität nennen – die materielle Welt, so wie wir sie erdulden«.
Der Band ist ausgesucht gut illustriert, und dass die Anzahl der Fußnoten mehr als doppelt so hoch als die der Textseiten ist, fällt nicht weiter unangenehm auf. Büchern, die sich retrospektiv mit Themen und Personen der Vergangenheit auseinandersetzen, haftet zuweilen der Ruch an, das Spekulative und die Gefahr der Fehleinschätzung des aktuell Neuen zu vermeiden um den Preis der Wiederholung, der Zweit- und Dritterzählung von sattsam Bekanntem. Andererseits wird nach der Lektüre einmal mehr deutlich, wie sehr die Beschäftigung mit Duchamp doch lohnt – nicht zuletzt, weil sich der künstlerische Wert ausschließlich über die Beschäftigung mit Werk und Person definiert, und nicht über abstruse Millionenbeträge, die bei ebenso abstrusen Kunstauktionen hin- und hergeschoben werden.
240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Hanser Verlag 2012