Hermann Ungar : Die Klasse

Wir befinden uns in einer böhmischen Stadt der 20er Jahre. Lehrer Josef Blau fürchtet sich vor seiner Klasse, die er mit Zucht und militärischem Drill in Schach zu halten versucht. Es knistert. Der Umbruch aller Werte liegt in der Luft. Jede geringste Veränderung, ob ein Schulausflug oder die Schwangerschaft seiner Frau, alles Körperliche, Erotische ist eine Kriegserklärung. Für den beliebten Kollegen Leopold dagegen sind Frischluft und Ertüchtigung das Allheilmittel, verkörpert er das völkische mens sana in corpore sano. Getrieben von Wahnvorstellungen fühlt sich Blau von ihm und seiner Frau Selma betrogen, von Schülern bedroht und glaubt zuletzt den Suizid des Schülers Laub zu verschulden.
Den heutigen Leser würde die Dialektik von Lehrer-Schüler, Herr-Knecht, auch die holzschnittartig gezeichneten Figuren kaum sonderlich beeindrucken, wäre da nicht der finstere Modlizki, ein anarchistischer Prophet im Dienergewand und Blaus Jugendfreund. Er empört sich gegen die soziale Klassenordnung und schlägt sie mit ihren eigenen Waffen. Modlizki beharrt auf seiner Stelllung. Sein Verhältnis zum Herrn ist nicht privat. „Es würde sonst nicht entsprechen.“ Er zweifelt an den Kardinaltugenden des k.u.k. Gottesfurcht und bürgerliche Rechtschaffenheit erscheinen ihm als Herrenmoral. Aber – und darin unterscheidet sich Modlizki von den Kommunisten – es geht ihm nicht um die Besitzverhältnisse. Die Klassenunterschiede würden auch mit der Auflösung der Güter bestehen bleiben. Unheilvoll, fast prophetisch sieht Modlizki die neuen Massenbewegungen heraufziehen. Das Ressentiment gegen die symbolische Ordnung der Bildungsbürger schlägt um in blinden Kulturhass: „Wir hören keine Musik, nur Befehle. Es sind keine Feste. Es wird eine große Angst kommen, wenn ich richtig denke.“ „Es geht vielleicht um alles (…)!“ ergänzt Blau. Ungars wiederaufgelegter Roman bleibt mit seinem diskreten Ausgang ein facettenreicher Rubin in der Literatur des fin de siecle.
Hermann Ungar, Die Klasse, Manesse Bibliothek, 19,95 €