John Cheever : Ach, dieses Paradies

Unser Dank gilt zunächst dem Verlag, der uns in den letzten Jahren das erzählerische Werk John Cheevers in neuer Übersetzung wieder zugänglich gemacht hat. Der vorliegende Roman ist Cheevers letzter – 1982 im Jahr seines Todes erschienen – und zugleich sein merkwürdigster. Vordergründig geht es um den Kampf eines älteren Mannes aus New York – Lemuel Sears – für den Erhalt eines Teichs, des Beasley’s Pond in Janice, Upstate New York, auf dem er gerne Schlittschuh läuft. Diesen Teich (oder besser: diesen kleinen See) will eine mafiöse Allianz aus Lokalpolitik und anonym bleibenden Hintermännern zu einer Giftmülldeponie umfunktionieren. Sagenhaft, was Cheever auf den exakt 120 Seiten dieses Romans alles geschehen lässt: Wir erfahren von der leidenschaftlichen Affäre eben jenes Lemuel Sears mit Renée, einer wohl deutlich jüngeren Frau in New York, von der wir nicht mehr erfahren, als dass sie eine gewisse erotische Freizügigkeit mit der Vorliebe für den Besuch engagierter abendlicher Veranstaltungen in diversen kirchlichen Gemeindehäusern kombiniert. Als Renée sich von ihm trennt, stolpert Lemuel Sears in eine ebenso kurze wie heftige Affäre mit dem Portier von Renées Apartmenthaus, was ihn dazu veranlasst, sich in die Hände eines fragwürdigen Therapeuten in der Upper Eastside zu begeben. Wir begegnen Sammy Salazzo, der in Janice erfolglos einen Friseursalon betreibt, deshalb vor den Augen seiner Nachbarin Betsy seinen Hund erschießt, um das Geld für das Hundefutter zu sparen und auf diese Weise kurzzeitig zum Gebühreneintreiber der Müllmafia avanciert. Wir begleiten Betsy und ihren Mann Henry, die ihren Säugling auf dem Seitenstreifen eines Highways vergessen, welcher glücklicherweise von Horace Chisholm, einem von Lemuel Sears engagierten Umweltexperten, gefunden und ihnen wohlbehalten zurückgegeben wird. Wir erleben, wie eben jener Horace Chisholm ermordet wird und Betsy daraufhin mittels vergifteter Teriyaki-Soßen eine Supermarktkette erpresst, womit es ihr gelingt, weltweites Aufsehen zu erregen und das Abladen von Müll am Beasley’s Pond schließlich zu beenden. Cheever schafft es (wir wissen offen gestanden nicht wie), eine Fülle solcher plastischer Episoden, Szenen und Skizzen in diesem Roman unterzubringen, die für sich jeweils in nuce einen ganzen Roman ergeben und sich gleichwohl zu einem ebenso konkreten wie rätselhaften Ganzen fügen, voller Ironie und spöttischer Doppelbödigkeit, voller Andeutungen und Aussparungen, mit Leichtigkeit und Gewicht: Erhellend, höchst unterhaltsam, komisch und in seinen Nachwirkungen im besten Sinne verstörend.

John Cheever: Ach, dieses Paradies. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel. Mit einem Nachwort von Peter Handke. DuMont, Köln 2013, 128 Seiten, 17,99 Euro