Jonathan Franzen : Weiter weg

„Im Spätherbst des vergangenen Jahres war es mir ein ziemlich starkes Bedürfnis, weiter weg zu sein. Vier Monate lang war ich nonstop mit einem Roman auf Tour gewesen und willenlos meinem Terminkalender gefolgt, bis ich mich mehr und mehr wie die kleine Raute auf dem Ladebalken meines Mediaplayers fühlte.“ Also entschließt Jonathan Franzen sich, im wahrsten Sinne des Wortes abzuhauen: Nach Más Afuera („Weiter weg“) nämlich, eine von Menschen unbewohnte Vulkaninsel, achthundert Kilometer vor der Küste von Chile, dafür Heimat aber für Millionen von Seevögeln. Wir erfahren in dem Essay, der dem vorliegenden Band zugleich seinen Titel leiht, dass Franzen ein begeisterter Vogelbeobachter ist. Wir begleiten ihn auf das öde Eiland, das in den Sechziger Jahren nach Alexander Selkirk umbenannt wurde, jenem schottischen Seemann, der wahrscheinlich Daniel Defoe als Vorbild für seinen Roman Robinson Crusoe diente, den Franzen endlich noch einmal zu lesen sich vornimmt: Prototyp des modernen Romans und frühes Zeugnis eines radikalen Individualismus. Kurz vor seiner Abreise wird er von Karen, der Witwe seines Freundes David Foster Wallace, gefragt, ob er nicht etwas von Davids Asche mitnehmen und auf der Insel verstreuen wolle. Er ahnt, dass Karen ihm die Asche auch deswegen mitgegeben hat, damit er, Franzen, endlich die Flucht vor sich selbst beenden kann, die er zwei Jahre zuvor kurz nach dem Tod seines Freundes antrat, um sich nicht mit dem „fiesen Selbstmord von jemandem, den ich so sehr geliebt hatte“ auseinandersetzen zu müssen. Auf Más Afuera dann wird er Robinson Crusoe lesen, über die Entstehung des modernen Romans nachdenken, nach dem Más-Afuera-Schlüpfer (einem Vogel) suchen, die Asche seines Freundes verstreuen und von diesem sich befreien, der selbst „lebenslang gefangen (war) auf der Insel seiner selbst“. Was folgt ist nicht Geringeres als die zornige und zugleich kühl analysierende Abrechnung mit dem bewunderten und geliebten Freund (oder zumindest die konsequente Entsakralisierung des „Heiligen Dave“), dessen Selbstmord Franzen umbarmherzig (und mit vorsätzlicher Ungerechtigkeit) als „Karriereschritt“ von „bewunderungsheischender Berechnung“ analysiert; und zugleich endlich versteht, warum der Tod, zu dem sein Freund sich selber verurteilt hatte, in einer Weise vollstreckt werden musste, dass er andere tief verletzte: um nämlich diesen Tod tatsächlich auch zu verdienen. Wenn Literatur eine Lösung – die beste Lösung – für das Problem der existenziellen Einsamkeit darstellt, wie Wallace immer wieder behauptete, dann ist sie entweder selbst so etwas wie Selbstmord oder doch nur die zweitbeste Lösung. Befreiung also ist nicht das „Aussteigen“ oder gar die Flucht auf die Insel, vielmehr das Verlassen der Insel, das Franzen dann auch nach wenigen Tagen der Isolation mit großer Erleichterung erfüllt (nachdem er endlich auch den Más-Afuera-Schlüpfer gesichtet hat). Das Verlassen der Insel (auf das Robinson Crusoe – „das erste realistische Porträt eines radikal isolierten Individuums“ – immerhin 28 Jahre warten musste) schien seinem Freund David jedoch zu Lebzeiten nicht oder nur um den Preis des eigenen Lebens möglich. Franzen gelingt es in diesem Essay und in den anderen der hier versammelten Texte, zwar radikal in Zweifel ziehen, dass Freundschaft und Literatur dazu geeignet sind, einen Beitrag zu einem gelingenden Leben zu leisten, zugleich jedoch keinen Zweifel daran zu lassen, dass ein gelingendes Leben ohne Literatur und Freundschaft schlechterdings nicht vorstellbar ist.