Jorge Semprun : Überlebensübungen

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Der vorliegende Text ist Fragment geblieben. Jorge Semprun erinnert sich in ihm an seine Zeit in der Résistance bis zu seiner Verhaftung im September 1943. An die Befreiung aus dem Konzentrationslager Buchenwald. An die 10 Jahre (die er nicht ohne Stolz und Genugtuung als „eine Art Höchstleistung oder Rekord“ bezeichnet) in Madrid, die er unentdeckt im Untergrund überlebte. Er erinnert sich an die 20 Jahre seines Lebens, die im Rückblick als Überlebensübungen erscheinen. An die allgegenwärtige Gefahr, entdeckt und verhaftet zu werden, an den Triumph der Befreiung, und an die Folter, die die schwerste aller Überlebensübungen darstellte. Semprun berichtet davon, dass er wusste, er würde gefoltert, sollte er der Gestapo in die Hände fallen; davon, wie er sich in Gesprächen mit seinen Freunden und Kameraden versuchte auf die Folter und die üblichen Methoden der Gestapo („Schlagstockeinsatz, Aufhängen an einem an den Handschellen befestigten Seil, Schlafentzug, Badewanne, Ausreißen der Fingernägel, Stromschläge, in crescendo“) vorzubereiten – und eben von der völligen Unmöglichkeit sich darauf vorzubereiten: „Es ist zweifellos besser zu wissen, sich keine Illusionen zu machen. Aber es löst nicht das Wesentliche, denn der Körper weiß es nicht. Der Körper kann nicht die antizipierte, die a priori-Erfahrung der Folter haben. (…) die Folter ist unvorhersehbar, unvorhersagbar in ihren Auswirkungen, ihren Verheerungen, ihren Folgen für die körperliche Identität. Niemand kann die mögliche Revolte seines Körpers gegen die Folter voraussehen noch sich gehen sie wappnen, die scheinheilig – bestialisch – von deiner Seite, deinem Willen, deinem Ich-Ideal die bedingungslose Kapitulation verlangt“. Semprun berichtet auch davon, dass er sein Überleben während der 10 Jahre in Madrid nicht zuletzt all jenen verdankt, die unter der Folter geschwiegen haben. Die Erfahrung der Folter erweist sich sowohl als Erfahrung der tiefsten, geradezu egoistischen und narzisstischen Einsamkeit als auch als Erfahrung äußerste „Solidarität“ und „Brüderlichkeit“, als ein „Sein-zum-Tode“, das dem Anderen zugewandt ist. Semprun bestätigt zwar Jean Amérys Aussage, dass unter der Folter der Körper sich offenbart, um diesem zugleich entschieden zu widersprechen. Vielleicht ist es erlaubt, dies als die Schlüsselstelle nicht nur dieses Buches, sondern auch des gesamten Werkes Sempruns zu verstehen, als die Grunderfahrung, die ihn so deutlich von so vielen anderen Überlebenden der Folter und der Konzentrationslager unterschied. Semprun schreibt nicht ohne eine gewisse Härte:

„Ein anderer Satz von Améry dagegen scheint mit völlig ungerechtfertigt, sogar unverständlich zu sein: Im selben Essay (gemeint ist Jean Amérys Text Die Tortur) behauptet er nämlich: Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Die Schmach der Vernichtung lässt sich nicht austilgen. Das zum Teil schon mit dem ersten Schlag, in vollem Umfang aber schließlich in der Tortur eingestürzte Weltvertrauen wird nicht wiedergewonnen …“ Und Semprun fügt an: „Ich verstehe nicht, was er meint! (…) Meine persönliche Erfahrung sagt mir nämlich das genaue Gegenteil. Meine persönliche Erfahrung lehrt mich, dass nicht das Opfer, sondern der Henker – falls dieser davonkommt, wenn er in einem späteren, sogar anonymen und scheinbar friedlichen Dasein überlebt – in der Welt nie mehr heimisch werden wird (…). Das Opfer dagegen, und nicht nur, wenn es die Folter überlebt, sogar während dieser, sieht, auf sein Schweigen gestützt, in allen Zwischenräumen mit den willkommenen Atempausen, wie seine Bindungen zur Welt sich vermehren, sieht, wie die Gründe seines Heimischseins in der Welt Wurzeln schlagen, sich verzweigen, wuchern. In Auxerre, in der Villa, deren Garten die Herbstrosen mit Duft erfüllten, hat mich jede Stunde Schweigen, die ich den Schergen von Dr. Haas, dem lokalen Chef der Gestapo, abtrotzte, in der Gewissheit bestärkt, gerade heimisch zu sein in der Welt.“ Diese äußerste, im doppelten Sinne unvorstellbare Erfahrung ist vielleicht der Grund für Sempruns Gefühl, durch die Folter weniger (oder nicht nur) gezeichnet, sondern vielmehr (oder zugleich) ausgezeichnet zu sein, für den Stolz und den Triumph des Überlebenden, der dadurch andere Überlebende so sehr zu irritieren vermochte.

Jorge Semprun: Überlebensübungen. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 112 S., geb., 15, € .