Josef Winkler : Mutter und der Bleistift

Winkler_Mutter und BleistiftDer Erzähler im indischen Ellora. Ein Wort fliegt auf wie ein aufgescheuchtes Wild. Ein Wort von Ilse Aichinger, von den näher kommenden Spiegeln im Alter, „bis wir uns ganz nahe sind. Der nächste Schritt heißt dann: den Spiegel mit der Faust zertrümmern, bluten, sich zerschneiden.“ Ein Wort, das den Autor zurückwirft auf den Ort seiner Kindheit und Jugend auf einem Bauernhof in Kärnten. Im Spiegel des elterlichen Schlafzimmers die Madonna sulla seggiola von Raffael, holzgerahmte Harmonie. Die Mutter mit Jesuskind auf dem Schoß, daneben ein betender Engel, „der mit seinem besorgten, traurigen Blick schon das Einschlagen der Kreuzigungsnägel hört.“
Josef Winklers neues Buch ist ein Requiem auf seine verstorbene Mutter. Es ist die Erinnerung an die wenigen Worte der Mutter, des Vaters und eigentlich aller. Eine Hommage an ein Schreibutensil, das in seiner Zartheit, Präzision, sich hinausschreibt aus der Sprachlosigkeit und Gewalttätigkeit des Dorfes. Die Zartheit des Bleistifts, seine Schraffur, das Zerbrechliche will nicht recht zusammengehen mit der schroffen Erzähllandschaft, dem Schmerz einer splitternden Weidenrute. Der Erzähler scheint diesem Albtraum erst aus der Disparatheit der Motive Mutter – Bleistift, Kärnten – Indien und den Gedanken von Ilse Aichinger und Peter Handke eine Sprache geben zu können.
Das Rauhbeinige, sich in katholische Litaneien Flüchtenende, das Töten wie das den Tod Beweinende ist in den holzschnittartigen Sprachbildern manchmal übergroß, so, als gäbe es den Autor nicht, sondern nur die fließende Wiederholung von Redensarten und Bildern in Großaufnahme. Ein Erinnerungsschürfen, das unversehens eine Verbindung zwischen dem sprichwörtlichen „Abkratzen“ (im Sinne von Sterben) und dem Abkratzen einer Hakenkreuzfahne aus einem Foto freilegt und nicht mehr aus dem Kopf geht. Man wird den Leichengeruch nicht mehr los, das Weihwasser, die Kruzifixe, die Beichten, den gehärteten Rotz und Dreck. Und doch schimmert aus dem Geschichtsknäuel fortwährender Verletzungen und Züchtigungen, gegen den sich der Bleistift zur Wehr setzt, eine Liebe des Sohnes. Von der Mutter hineingetrieben in die rechte „schöne“ Hand, hebt Winklers Bleistift das Schwergewichtige, brüllt die Verzweiflung laut aufs Papier. Leise gesteht er, zwischen den Scherben, dass sich dieses Schreiben auch der Mutter verdankt. Aus sicherem Abstand unbedingt zu lesen.

Josef Winkler : Mutter und der Bleistift. Suhrkamp, 90 Seiten, 14,95 €