Josef Winkler: Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär…

oder Die Wutausbrüche der Engel. Josef Winklers Bücher erzählen von Wunden und Wundern. Das Biografische ist Fiktion, die Wiederholung eine Erfindung, die Genealogie der Wunde Winklers poetologisches Programm. In seiner Büchner-Preisrede 2008 gibt Josef Winkler Auskunft darüber wie dieses Buch entstand. Josef Winkler, wer ist das? Wo kommt er her? Was hat ihn geprägt? Wie ist er zum Schreiben gekommen? Warum schämt er sich nicht mehr, wenn er nicht jeden Tag an Selbstmord denkt? Josef Winkler wächst in einem katholischen Kärntner Dorf auf einem Bauernhof auf. Außer Gebetbüchern, auf denen reliefartig ein goldenes, sich tief in die Kinderseele eingravierendes Kreuz fühlbar ist, gibt es keine Bücher, nicht einmal eine Bibel. Bücher sind in dieser Umgebung genauso suspekt wie Schreiberlinge. Winkler erzählt von seiner frühen Sehnsucht nach Sprache und Bildern, von Verletzungen und Demütigungen. Er stiehlt dem Vater Geld und kauft sich Hunderte von Büchern, von Hemingway, Camus, Sartre und Jean Genet. Er liest diese Bücher als hätte er sie selbst geschrieben, und sagt sich: „Eines Tages werde ich ein Buch schreiben“. Sein erstes Buch heißt Menschenkind und ist Auftakt seiner Kärntner Triologie, in der der Autor sein Werden immer wieder wieder neu erfindet. Virtuos verwebt Winkler biografische Züge des seelenverandten Jean Genet und Chaim Soutine mit seiner eigenen Biografie. Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär, ist ein ein fortwährendes Anschreiben gegen die Verhältnisse, unter denen man eigentlich zugrunde gehen müsste wie die beiden Dorfjungen, die sich an einem Kälberstrick erhängen. Ein Schrei, ein Wunder, das zeigt, wie erregend Bücher sein können, die das Schreiben erzählen.