Julian Barnes : Lebensstufen

Entwarnung: Es geht nicht um rückblickende Altersweisheit à la Hesse, um nachträgliche Sinnstiftung oder Appretur eines geglückten Lebens. Das Buch von Julian Barnes mit dem unglücklichen, wahrscheinlich jedoch unausweichlichen Titel „Lebensstufen“ (im Original „Levels of Life“) handelt von Luft und Liebe. Von der Höhenluft, die die Liebe beansprucht. Wir lesen von den ersten Aeronauten, den Ballonfahrern, ihren Abenteuern und Visionen. Wir lesen von der Wahrheit und Magie der ersten Photographien. Was es bedeutete, sich den Auf- und Abtrieben der Winde auszuliefern und den theologischen Luftraum zu erobern. Ballonfahren stand für Freiheit. Wer mit dem Ballon aufstieg, wusste nicht, wohin es ihn trägt. Wer den Himmel eroberte, legte sich mit keinem geringeren als Gott an. In dieser Höhenluft, in dieser libertären Atmosphäre begegnen sich die exzentrische Schauspielerin Sarah Bernardt und der Ballonautiker Frederick Burnaby. Barnes erzählt von ihrer Liäson und woran sie am Ende zerbricht. Madame Sarah lehnt den stürmischen Heiratsantrag des Colonels mit den Worten ab: „Ich bin für die Bewegung des Gemüts geschaffen, für das Vergnügen, für den Moment. Ich bin fortwährend auf der Suche nach neuen Gemütsbewegungen, neuen Gefühlen (…) Mein Herz begehrt mehr Aufregung, als ein Mensch – jeder einzelne Mensch – geben kann.“ Burnaby leidet verschwiegen. Er lindert seinen Liebesschmerz mit Reisen und Scharmützeln. In der Schlacht bei Khartun wird er hinterrücks von einem Speer getötet. Im dritten und abschließenden Kapitel „Verlust der Tiefe“ wird die Erzähldimension erweitert: Julian Barnes erzählt vom Tod seiner Frau: „Man bringt zwei Menschen zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden; und manchmal hat die Welt sich verändert, manchmal auch nicht.“ Er erzählt von ihrem stürmischen Aufschwung und wie sie zusammen größer waren als zwei einzelne Menschen. „Dann wird irgendwann, früher oder später, aus dem einen oder anderen Grund, einer von beiden weggenommen. Und was weggenommen wurde, ist größer als die Summe dessen, was vorher da gewesen war.“ Wer die Flügel weit ausbreitet und sich aufschwingt, kann verbrennen und abstürzen. Wer dieses federleichte, ätherische und unfassbar schöne Buch aufschlägt, wird zum Luftschifffahrer des Geistes. Den Fährnissen, dem Höhenflug der Liebe ebenso wie dem vertikalen Schmerz ist hier eine neue Sprache gegeben. Es ist nicht vermessen zu sagen: Der Blick auf die Welt hat sich mit diesem Buch verändert.

Julian Barnes: Lebensstufen. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger, Kiepenheuer & Witsch, 144 Seiten, geb. 16,99 EUR