Julian Barnes : Unbefugtes Betreten

Als Guiseppe Garibaldi 1839 an Bord seines Schiffes die brasilianische Hafenstadt Laguna ansteuert, erblickt der Freibeuter durch sein Teleskop eine junge Frau. Sofort befiehlt er seinen Leuten, ihn an Land zu bringen. Er sucht und findet das Haus, in dem Anita Riberas lebt. In seinen Aufzeichnungen schildert Garibaldi ihre erste Begegnung: „Wir betrachteten uns gegenseitig verzückt und schweigend wie zwei Menschen, die sich nicht zum ersten Male sehen, sondern einer in des andern Zügen eine Stütze für sein Gedächtnis suchen. Endlich begrüßte ich sie und sagte: ‚Du musst mein werden.‛“ Ist Liebe auf den ersten Blick eine literarische Verklärung oder das Echo eines verkümmerten Sinnesorgans? Wer oder was kann uns in dem Moment eine Hilfe sein, wenn sich der stürmische Widerhall erhebt? Auf was vertrauen wir: den erotischen Anblick weiblicher Füße in Wanderstiefeln, den ungewohnten Reiz eines fremden Akzents oder „die mangelnde Durchblutung von Fingerspitzen gefolgt von wütender Selbstkritik?“ Julian Barnes Erzählungen handeln von Paarbildungen: von Paaren, die sich zufällig begegnen, Paaren, die sich finden, verfehlen, trennen oder verloren haben. Mit schwindelerregender Sicherheit wechselt Barnes die Schauplätze, Textsorten und Jargons. Von zwang- und grauenhaften Barbecueabenden, auf denen Sex von sarkastischem Sextalk abgelöst wird, von Garibaldi zu Tischgesprächen über Spermaverkostung, hinüber ins prüde Wien zu Zeiten Maria Theresias, wo die durch Magnete und Hände ausgelösten Erregungszustände Skandalon sind.
Barnes Paare werfen Fragen auf: Ist die Beziehung, die sie eingehen, eine stillschweigende Übereinkunft zum Selbstbetrug? Was suchen wir im Anderen: Ergänzung, Übereinstimmung oder das (un-)vollkommene Andere?
Liebespaare sind – und das ist die sprachlich raffinierte Mesallience von Barnes Erzählungen – Freibeuter und Komplizen im Brachland des Anderen. Gutes Essen ist wichtig, guter Wein, Sphärenklänge, Kräuter, zuweilen pulsierender Schmerz, um die Sinne zu schärfen. Es gibt viel zu entdecken.
Julian Barnes: Unbefugtes Betreten, 304 Seiten, aus dem Englischen von Thomas Bodmer und Gertraude Krueger, Kiepenheuer & Witsch, Euro (D) 19,99 | sFr 27,50 | Euro (A) 20,60