Kader Abdolah : Die Krähe

Wer diesen kleinen Roman aufschlägt, hält das fünfzehnte Buch eines exiliranischen Schriftstellers in der Hand, der erzählen lässt, wie es wäre, wenn seine Geschichte anders verlaufen wäre, wenn er keinen Erfolg als Autor gehabt hätte. Wem die Rückkehr in seine Heimat verwehrt ist, wer nur unter falschem Namen und in einer anderen Sprache als seiner Muttersprache überleben kann, findet in der Welt der Vorstellungen Zuflucht. Dieser Roman handelt vom Traum des Schreibens und von der Kraft der Imagination. Das Pseudonym erfindet Geschichten, die zu seiner eigenen Überraschung glaubwürdiger klingen als die Wahrheit. Dem Autor ist dieser Traum in Erfüllung gegangen. Er lebt seit 1989 im niederländischen Exil und publiziert unter dem Pseudonym Kader Abdolah. In seinem jüngsten Buch „Die Krähe“ lässt der Kaffeemakler Refiq Foad sein Leben und – wichtiger noch – seine Lebensträume Revue passieren. Bereits als Kind träumt er davon, Schriftsteller zu werden. Seine erste Erzählung schreibt er aus Liebeskummer und veröffentlicht sie (natürlich unter Pseudonym) in einer Teheraner Lokalzeitung. Eine späteres sozialpolitisches Manifest kann nur noch im Untergrund erscheinen. Inmitten der iranischen Revolutionswirren um die amerikanischen Botschaft, rettet ihm eine Frau das Leben. Sie heiraten und bekommen eine Tochter. Foad, der unbeirrt schreibt, aber unter der Zensur der Mullahs nichts veröffentlichen kann, flüchtet schließlich über Kurdistan in die Türkei. Als Mitglied der marxistisch-leninistischen IPFG besitzt er eine achtstellige Zahl, einen Geheimcode, der ihm die Türen zur russischen Botschaft in Istanbul öffnen soll. Doch 1988 bricht das sowjetische Imperium zusammen und keiner interessiert sich mehr für iranische Genossen. Schlepperbanden können einen für zehntausend Dollar nach New York bringen, für Berlin zahlt man siebentausend, wer nur zweitausend hat, muss sich mit den Niederlanden begnügen, einem winzigen Land, von dem alle abraten: „Tu das nicht, es ist schade um dein Geld. Die Sprache ist schwer zu lernen (…) es regnet jeden Tag, und es ist immer windig.“ Einige Flüchtlinge steigen in Amsterdam halbtot aus dem LKW und bekommen gesagt: „Da ist New York!“ Aus seiner Heimat und seiner Muttersprache hinausgeschleudert, erzählt Refiq, was es heißt, sich plötzlich als Asylant in einem niederländischen Kaff wiederzufinden. Er fühlt sich sicher, aber er existiert nicht. Er glaubt zu ersticken, weil ihn niemand versteht und er sich niemandem verständlich machen kann. Er sieht die niederländische Königin im Fernsehen und schreibt dreiundzwanzig Seiten in einer Sprache, die er für Niederländisch hält. Er liest Märchen, Gedichte, Romane, übersetzt, verschlingt alles, was ihm in die Hände kommt. Er begreift, dass ihn nur das rasche Erlernen dieser unmöglichen Sprache retten kann, damit er die Geschichte derjenigen erzählen kann, die ihr Haus und ihre Sprache verlassen und Zuflucht in der Fremde gefunden haben. Die Krähe ist vielleicht die glaubwürdigste, in jedem Fall die schönste autobiografische Fiktion des persisch-niederländischen Autors Kader Abdolah.   

Kader Abdolah: Die Krähe. Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby und Herbert Post. Arche Literatur Verlag, Zürich und Hamburg 2015, 127 Seiten, 12 EUR.