Karen Köhler : Wir haben Raketen geangelt

Diese Erzählungen sind atemberaubend und im wahrsten Sinne herausragend. Wir versichern: So etwas haben Sie noch nicht gelesen. Wovon die Erzählungen handeln? Von den Krisen und Katastrophen, die das Leben für uns bereithält. Von Fluchten, Wendepunkten, Verlust und Tod. Und davon, dass es wider Erwarten jederzeit doch möglich ist, gerettet zu werden. In der Titelerzählung spricht eine weibliche Stimme zu ihrem Geliebten, von dem wir erst nach und nach erfahren, dass er tot ist. Kurze, blitzlichtartige Fragmente des gemeinsamen Lebens tauchen auf. Auf wenigen Seiten alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe – hochverdichtet in einer Sprache, die schnoddriger, zärtlicher, lakonischer und präziser nicht sein könnte. Die Stimme erzählt ihrem toten Geliebten von seiner eigenen Bestattung: „Die Seebestattung war fürn Po. Gemeinsam hätten wir uns schief gelacht über Deine kotzende Mutter und den leiernden Pastor an Bord. Aber ich stand alleine da und dachte, wie banal alles ist. Mir war elend, weil ich meinte, irgendetwas Feierliches müsste geschehen. Plumps machte die Urne und mein Mund wurde schief.“ Zwei Absätze weiter teilt die Stimme ihrem toten Geliebten mit, dass sie nach Flensburg ziehen wird: „Sie heißt Simone Michalski. Es war nicht einfach, das rauszufinden. Meine Wohnung ist im selben Viertel. Sie geht regelmäßig in einem Bioladen einkaufen. Schnall Dich an: Ab nächsten Ersten fang ich da an, als Verkäuferin. Halbtags.“ Warum Flensburg? Und wer um Himmels Willen ist Simone Michalski? Erst der vorletzte Satz der Erzählung gibt uns Aufschluss: Simone Michalski ist die Empfängerin eines Spenderherzens. Auch eine Möglichkeit, dem toten Geliebten nahe zu sein. Karen Köhlers Erzählungen sind Zuspitzungen, die kenntlich machen, wie dünn das Eis sein kann, auf dem wir so selbstverständlich herumspazieren.

Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt. Erzählungen, 240 S., Hanser Verlag, 19,90 EUR.