Karl Ove Knausgård : Im Herbst

Pünktlich zur Jahreszeit fallen uns Karl Ove Knausgårds goldene Herbstblätter in die Hand. Im Herbst heißt der erste von vier Jahreszeitenbänden, der nach seinem sechsbändigen autobiographischen Romanprojekt in der deutschen Übersetzung von Paul Berf nun vorliegt. Jeder Monat hebt mit einem Brief an seine ungeborene Tochter an und umfasst je zwanzig Prosastücke. Es sind Fritz-Kochersche Aufsätze über ebenso alltägliche wie disparate Gegenstände: Über Äpfel, Plastiktüten, Benzin geht es weiter zu Pisse, Kaugummis und Blut. Sie handeln von Schamlippen, Van Gogh, von Einsamkeit und Erde oder von Konservendosen, von Schmerz und von der Stille.

Ist es eigentlich Koketterie, wenn ein erfolgreicher Autor, der zu fast allem etwas zu sagen weiß, der über zwölf Romane veröffentlicht hat und dessen Schreib- und Erzählfluss ungebrochen scheint, seiner werdenden Tochter schreibt, ihm fehlten die Worte, um die magische Anziehungskraft für etwas auszudrücken, für die Farben Rot und Grün, und für etwas, von dem er nicht wisse, was es sei? Er habe es versucht und habe kapituliert. Die Kapitulation seien die Bücher, die er veröffentlicht hat. Kapitulation, möchte man einwerfen, sieht anders aus. Aber Format und Adressat dieser Aufsätze sind sein poetisches Kalkül. Knausgård ist ein Meister darin, das abendländische Rüstzeug über Bord zu werfen und die Waffen zu strecken.

„All das Fantastische, dem du bald begegnen, das du bald sehen darfst, verliert man so leicht aus den Augen, und es gibt fast so viele Arten, dies zu tun, wie es Menschen gibt.“ Er möchte seinen Lesern die Welt zeigen, wie sie jetzt ist. Nichts ist hier selbstverständlich. Knausgård verweilt bei dem Auf- und Zuschwingen der Türen, wie sie auf den Scharnieren wie Flügel schlagen und dass schon darum das Leben lebenswert sei.

„Die Welt spricht für sich selbst, aber wir hören nicht zu, und da wir uns nicht mehr in ihrer Tiefe aufhalten und sie als Teil unserer selbst erleben, ist es, als würde sie für uns verschwinden. Wir öffnen die Tür, aber es hat keine Bedeutung, es ist nichts, nur etwas, was wir tun, um von einem Zimmer in ein anderes zu gelangen.“

Aus dieser Unbefangenheit, diesem So-tun-als-ob wächst ein einzigartiges Textgewebe heran. Wer sich wie Knausgård den unverstellten, staunenden kindlich-naiven Blick für die Welt bewahrt hat, wer die allerersten Fragen stellt, als habe sie kein anderer je gestellt, als habe es vor ihm nie eine Sprachreflexion, nie eine Flaubert-Rezeption und auch kein An- und Abwesenheitsmotiv des Nichts gegeben, als habe er zum allerersten Mal ein Telefon, ein Auto oder Knöpfe vor Augen, der weiß, dass im Ich nichts an sich ist. Dem gleichen Kaugummireste auf Plätzen tatsächlich einem Sternenhimmel, dem wird sogar eine Toilettenschüssel zum Schwan der Badezimmer. Der hört die Stille und kann die Stille hörbar machen.

Das macht die Welt lebenswert, das macht das Herbstbuch von Knausgård so unbedingt lesenswert. Wir hoffen, dass der Winter bald kommt.

Karl Ove Knausgård: Im Herbst. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand Verlag, München 2017, 285 Seiten geb., 22 EUR.