Katja Petrowskaja : Vielleicht Esther

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Es gibt Bücher, denen man mit einer Kurzbesprechung nicht zu nahe treten, aus denen man vorlesen, aber nichts zerreden möchte. Wer jedoch würde diese hehre Absicht bemerken? Wer würde registrieren, dass es unter der Lawine zu oft besprochener Bücher zarte Einschlüsse gibt, denen man anerkennend schweigend einen Dienst erweisen wollte? Katja Petrowskajas Roman ist ein solches Buch. Es ist eine Annäherung an ihre jüdische Herkunft und die Geschichte ihrer Familie. Es ist die ebenso exemplarische wie einzigartige Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden und ihrer Diaspora. Einer Geschichte, die sich ihrerseits aus hunderten und abertausenden von Partikeln weiterer Geschichten zusammensetzt, aus Listen, Erinnerungsfetzen, aus Erzählungen, Telefonaten, E-Mails, Archiven und Verschwiegenheiten. Zweihundert Jahre lang, über sieben Generationen hinweg brachte ihre Familie taubstummen Kindern das Sprechen bei. Sie gründeten Schulen und Waisenhäuser und lebten mit diesen Kindern unter einem Dach. Die Geschichte ihrer Recherche beginnt in Berlin, ihren Wohnort, und endet in Kiew. Es ist eine Reise mise en scène, kreuz und quer, vor und zurück zu den Orten der Vernichtung, von Auschwitz nach Krakau, Warschau, über Kiew, ihrem Geburtsort und nach Mauthausen. Die Familie ist viel größer als man denkt. Es ist eine Reise in den Konjunktiv, was wäre gewesen wenn, in die aleatorischen und verhängnisvollen Zufälle der Geschichte. Ihr Großonkel Judas Stern erschießt in Moskau 1932 mehr oder weniger aus Zufall den deutschen Botschafter Fritz von Twardowski und wird vor seiner Hinrichtung in einem der berüchtigten Schauprozesse vorgeführt. „Es war Zufall. Ich wollte auf irgendeinen Botschafter schießen, und ich wohnte in der Nähe.“, heißt es in den Protokollen. Später fragt Stern seine Ankläger: „Wann schicken Sie mich in die Welt der unorganisierten Materie?“

Und was wäre, wenn ihre stark gehbehinderte Urgroßmutter Esther nicht dem Aufruf der deutschen Besatzung „An Alle und Saemtliche Juden“ Folge geleistet hätte, was, wenn sie sich nicht von der Wohnung auf die Straße geschleppt, und was, wenn sie sich mit ihrem Anliegen statt an deutsche Offiziere an eine ukrainische Patrouille gewendet hätte: „Cherr Offizehr (…) überzeugt davon, sie spreche Deutsch, zeyn Zi so fayn, sagen Sie mir, was zoll ick denn machen? Ikh hob di plakatn gezen mit instruktzies far yidn, aber ich kann nicht so gut laufen, ikh kann nyscht loyfn azoy schnel. Sie wurde auf der Stelle erschossen, mit nachlässiger Routine, ohne dass das Gespräch unterbrochen wurde, ohne sich ganz umzudrehen, ganz nebenbei.“

Auf dieser Reise klingen die Namen und Worte anders, manchmal zynisch, wie etwa der Führer im Museum oder der Hinweis, dass man für eine Führung bezahlen müsse. Während sich ihr Bruder dem orthodoxen Judentum zuwendet und Hebräisch lernt, stürzt sich Katja Petrowskaja ins Deutsche: „Als wäre es die kleinste Münze, zahlte ich in dieser spät erworbenen Sprache meine Vergangenheit zurück (…) Ich begab mich ins Deutsche, als würde der Kampf gegen die Stummheit weitergehen, denn Deutsch, nemeckij, ist im Russischen die Sprache der Stummen.“ Das Deutsche ist ihre Wünschelrute auf der Suche nach den Ihrigen. Es gehört mit zu den großartigsten Leistungen dieser Autorin, dass sie mit dieser Sprache nie ganz eins wird, dass sie sich ihr fremdes Ohr auf das Deutsche als „Gabe und Gift“ bewahrt. Vielleicht lässt sich das Unbegreifliche nur aufspüren, aus dem Schutthaufen von Mahnmalen und petrifiziertem Gedenken Geschichte freilegen und verlebendigen, wenn man unnachgiebig wie Katja Petrowskaja auf das eigene Fremde hört. Vielleicht.

 

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther. Suhrkamp, Berlin 2014. 285 Seiten, 19,99 €.