Louis Begley : Erinnerungen an eine Ehe

Wir befinden uns in New York im Jahr 2003. George W. Bush hat gerade verkündet, dass die Mission im Irak erfüllt sei. Eine Vermeintlichkeit, der im neuen Roman von Louis Begley noch viele folgen werden. Der Ich-Erzähler Philip – ein siebzigjähriger Schriftsteller, seit kurzem wieder in New York – geht ins New York State Theater, um sich eine Aufführung der New York City Ballet Compagnie anzusehen. Philip lebt allein, seine Tochter Agnes und seine Frau Bella sind tot. Von sich sagt (oder schreibt) er: „Und ich habe meine Erinnerungen. Dantes Vergil hat sich geirrt, als er ihm erklärte, kein Schmerz sei größer, als im Unglück an vergangene glückliche Zeiten zu denken. Die Erinnerung ist ein Trost. Vielleicht der einzige. Sie ist der beste Begleiter.“ Dass Erinnerung gleichwohl die größte Qual sein kann, zumal wenn sie im Unglück sich auf vergangene unglückliche Zeiten richtet, erfährt er von Lucy De Bourgh Snow, ebenfalls in den Siebzigern, einer alten Freundin aus Pariser und New Yorker Zeiten, die er lange nicht mehr gesehen hat und der er an jenem Abend im Theater wiederbegegnet. Beide sind Angehörige der amerikanischen Upper Class aus New York, Connecticut und Rhode Island, deren Angehörige sich aus keinem anderen Grund treffen als ein paar Drinks zu nehmen und über diejenigen zu sprechen, die gerade nicht zugegen sind. (Es gibt – so müssen wir zugeben – schlechtere Gründe, sich zu treffen). Man könnte dies mit einigem guten Willen eine Milieustudie der amerikanischen Upper Class nennen, wenn diese denn dazu taugte zum literarischen Stoff umgeschmolzen zu werden. Und wenn es dem Autor tatsächlich darum ginge. Gleichwohl: Die beiden – Philip und Lucy – verabreden sich. Lucy macht denn auch keine großen Umstände und kommt sofort mit gleichsam unbarmherziger Offenherzigkeit auf das scheinbar einzige und alles bestimmende Thema ihres Lebens zu sprechen: Ihrer unglücklichen Ehe mit dem vermeintlichen „Monster“ Thomas Snow, der es – aus bescheidenen Verhältnissen stammend – zum erfolgreichen Investmentbanker und Experten zur Abwendung von Staatsbankrotts und Lösung globaler Finanzkrisen gebracht hat. Thomas ist zwar längst tot. Lucys Bericht aus ihrer vermeintlichen Ehehölle desto lebendiger. Ihre Erzählungen entwickeln denn auch einen unwiderstehlichen Sog, der für Philip zu einer wahren Obsession wird. Philip hakt nach, weitere Treffen folgen. Er beschließt seine Recherchen auszudehnen, trifft und befragt alte Freunde, die ihrerseits Thomas kannten, trifft Thomas’ zweite Frau, kontaktiert dessen Sohn und verstrickt sich im Zuge seiner Recherche immer tiefer in ein Geflecht von Geschichten über Thomas, die sich denn auch als nichts anderes erweisen als Erzählungen eines Lebens, das zu einem solchen sich nur vermittels solcher fügt – oder eben nicht fügt. Der Schriftsteller wird zum Sammler von Versionen, die ihrerseits sich auf Geschichten beziehen, um diese – je nach Perspektive – zu destruieren und zu rekonstruieren. Das hört sich einigermaßen unspektakulär an. Dennoch sind auch wir diesem Sog erlegen; wissend, dass es zuletzt darum geht, die geeignete Version des eigenen Lebens zu finden und sich und anderen zu erzählen, mit der es sich leben und sich erinnern lässt.

Louis Begley: Erinnerungen an eine Ehe. Aus dem Englischen von Christa Krüger. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, geb, 222 S., 19,95 EUR.