Lukas Meschik : LUZIDIN oder Die Stille

Seite 230: „Das Universum ist groß. Womit der Erzählrahmen abgesteckt wäre.“ Absätze wie dieser mögen den Lektor beim Blättern im Manuskript bewogen haben, den jungen Autor zurück zu holen. An Unbescheidenheit mangelt es diesem freilich nicht. Allein die Widmung „Den ungelebten Leben“ ist eine hübsche Frechheit. Sogar der Verlag jungundjung wird als adäquater Publikationsort vorweggenommen. Meschiks Debüt ist eine Achterbahnfahrt phantastischer Erzählmöglichkeiten: Von der Ausdehnung des Universums bis zum Tabakladen um die Ecke, über die Entstehungsgeschichte des Planeten Erde, der Genealogie des Homo sapiens bis zu Gott sind es nur wenige Seiten. „Die Frage lautet also, wenn es einen Gott gibt, den Schöpfer und Lenker, wer sorgt dann dafür, dass er jeden Tag seine kleinen bunten Pillen bekommt?“ Im Zentrum – wie sollte es anders sein – steht Wien und die Gruppe der sieben Gefahren, eine Loge von Schreibwütigen, die sich zur Aufgabe gemacht hat, die Gefahren hoch- und alles Wichtige festzuhalten, damit es als aufsteigende Schreibsäule den zweiten Bezirk mit den anderen Planten verbindet. Wien geht in einem Boxkampf mit Berlin als Sieger hervor und sein nächster Gegner heißt Gott. Das Geld sucht einen Biographen und findet ihn im Humoristen M, der, vom Auftraggeber kompromittiert, das Projekt ins Anekdotische versickern lässt. Luzidin heißt die neue Wunderdroge, mit der man Träume steuern kann. Chapeau! Sowas muss man erstmal bringen. Laut und konsequent gelingt dem Roman gegen sein Textversprechen anzuschreien, einer zu sein. Von Katastrophentickern über Zukunftsvisionen zu interpunktionsfreien Traumprotokollen, auktoriale Einmischungen, von ulkigen Textsortenreflexionen („Assoziat“) zurück zu den Figuren der sieben Gefahren, legt Meschik ein berauschendes Kaleidoskop von Möglichkeitsräumen vor. Er lässt eine Schreibsäule des im Dröhnen niedergehenden homo communicans aufsteigen, die nach Stille ruft. Das letzte Erlöserwort.
Lukas Meschik, Luzidin oder Die Stille, Jung und Jung 2012, 25,00 €