M. Agejew : Roman mit Kokain

Wir befinden uns an der Schwelle zum ersten Weltkrieg im vorbolschewistischen Moskau. Es ist Winter. Wadim Maslennikow schämt sich seiner niederen Herkunft, hasst und verachtet seine Mutter, knöpft ihr die letzten Rubel ab, um auf nächtlichen Droschkenfahrten arme Mädchen zu verführen und mit Geschlechtskrankheiten zu infizieren. Er gehört zur Troika einer Gymnasialklasse, deren Machtkampf um das interne Ansehen sich an jedem äußeren Ereignis zwar entzündet, doch die historischen Umwälzungen außen vor lässt. Der Stellungskrieg zwischen den Schülern erscheint in den Introspektionen des Ich-Erzählers weittragender als der zwischen Russland und Deutschland. Der mittellose, schwermütige, zuweilen überspannte Schwärmer, der in einem Augenblick die ganze Welt umarmen will, um sich im nächsten voller Abscheu von ihr abzuwenden, hat Nietzsches Genealogie der Moral inhaliert: „Besonders merkwürdig (…) war, dass weder Skrupellosigkeit noch Grausamkeit in irgendeiner Weise in Widerspruch standen zu meinem schwärmerischen Drang, die ganze Welt da draußen zu umarmen und zu lieben, ganz so, also ob die vielen gutherzigen Gefühle, die so ungewöhnlich für mich waren, es mir zugleich leichter machten, eine Grausamkeit an den Tag zu legen, die ich (ohne diese gutherzigen Gefühle) bei mir nicht für möglich gehalten hatte.“ Als Student beginnt er eine verzehrende Liebesaffäre mit der verheirateten Sonja Minze. Maslennikow meint zu wissen, dass der von Liebe schweigen soll, den sie ins Herz getroffen hat. Als Sonja durchschaut, dass ihr Verführer nur begehren kann, was er nicht liebt, legt sie ihm ein vernichtendes Dossier als Abschiedbrief vor. Im Kokain schließlich findet der Verlassene seine treuste Geliebte (Roman bedeutet im Russischen auch Affäre oder Liebsschaft), sinniert über die Dialektik von Menschlichkeit und Bestialität, schaukelt zwischen Glücksextasen, Depressionen und hellem Wahn und stirbt, von Dämonen der eigenen Geschichte umzingelt, die er nicht mehr abschütteln kann, an einer Überdosis.
Von Seite zu Seite finden sich in diesen Konfessionen des skrupellosen Gymnasiasten, Studenten und Kokainisten hinreißende Passagen und Sprachbilder wie diese:
„Ich trat abends ans Fenster…und schaute, den Kopf in den Nacken gelegt, so lange in den dicht fallenden Schnee, bis ich wie in einem Lift nach oben zu fahren schien, den unbeweglichen Schneeseilen entgegen.“
Doch warum kommt einem diese warme, in ihrem Delirium alldurchschauende wie schneefunkelnde Stimme bekannt vor? Das Rätsel um den Autor – wie man dem Nachwort von Karl Markus-Gauß entnehmen kann – ist selbst ein Roman: Hinter dem Pseudonym Agejew vermutete man lange Zeit Nabokov. Inzwischen gilt als gesichert, dass es sich bei dem Verfasser um den russischen Juden Mark Levi handelt, der viele Jahre als Freigänger eines Irrenhauses in Istanbul lebte, bevor er als Mitarbeiter des Verlages Hachette und für den russischen Geheimdienst tätig wurde und schließlich an der Universität Eriwan als Deutschlehrer arbeitete. Der Roman erschien erstmals 1936 und geriet dann, wie so viele Exilromane der russischen Bohème, in Vergessenheit, bis in den siebziger Jahren eine russische Französin ein zerfleddertes Exemplar bei einem Bouquinsten an der Seine aufstöbert und ins Französische übersetzt. Nun ist es der jahrelangen Akribie russischer Archivare und der wunderbaren Neuübersetzung aus dem Russischen von Valerie Engler und Norma Cassau zu verdanken, dass hier weltweit erstmals ein Schluss vorliegt, wie ihn Mark Levi laut eigenen Worten in „einer beispielosen Zerstreuung“ vergaß zu ergänzen: „Das war alles, was Wadim Maslennikow hinterließ, abgesehen von schäbiger Wäsche, zerrissener Kleidung und einem kleinen gelben Glasfläschchen, auf dessen Etikett stand:
1gr.
Cocain hydrochlor
E. Merek
Darmstadt.“

M. Agejew: „Roman mit Kokain.“ Aus dem Russischen übersetzt von Norma Cassau und Valerie Engler. Mit einem Nachwort von Karl-Markus Gauß. Manesse Verlag, Zürich 2012. 249 S., geb., 22,95 Euro.