Marcel Beyer: Putins Briefkasten

Marcel Beyer ist ein Bien. Er nähert sich seinen Gegenständen von den Randbezirken her. An der Grenze liegt das Benachbarte ebenso wie das Fremde. In der Fremde ist es mir unheimlich. Dort wird mir die eigene Sprache, ICH werde mir fremd. Von den Randzonen aus zeichnet und entfaltet Beyer die Topographie des Eigenen wie des Fremden, spürt die unsichtbaren etymologischen, literarischen Magnetfelder auf, verweilt, bestäubt das eine Wort mit dem andern und fliegt einer Drohne gleich weiter. Er begibt sich zur einstigen Dienstwohnung Putins, am Dresdner Stadtrand. Als aufgebrachte Demonstranten während der Wende 1989 das Haus stürmen wollen, stellt sich ihnen der KGB-Agent in den Weg und erklärt der aufgebrachten Menschenmenge in „gezähmtem Deutsch“, sie hätten sich in der Tür geirrt, dies sei kein deutsche, sondern eine sowietische Einrichtung. Darauf angesprochen, wer er sei, und warum er so gut deutsch spreche, antworte der KGB-Agent, er sei Übersetzer, einfach Übersetzer. Dieses zähmende Zauberwort ist der Auftakt. Wir landen beim Zoobesuch Dostojewskis, der dem Blick eines Löwen standhält und ihn damit zur Raserei treibt. Unversehens finden wir uns auf dem Kutschbock wieder, der Emma Bovary und ihren Liebhaber Leon befödert, über Kutscher geht es zu Chauffeuren, wir begleiten Proust, Jörg Haider, den Übersetzer Celan, Joseph Conrad, Rimbaud und Walter Benjamin auf ihren Randwegen. Inmitten dieser Kaskade von aufregenden Verweisketten und einem Exkurs über Imkersprache, fragt Beyer, „ob nicht die frühesten Manifestationen dessen, was wir heute Kunst nennen, allesamt Versuche waren, jene Tiere im Zaum zu halten, mit denen der Mensch Umgang hatte.“ Vergebliche, möchte man hinzufügen. Denn das berauschende Konvolut von Putins Briefkasten enthält die Ahnung, dass die Sprache ein unbeherrschbar, dass ICH ein stets Anderer geblieben ist.