Mercè Rodoreda : Der Garten über dem Meer

Wir befinden uns in den zwanziger Jahren, in einem Garten an der katalanischen Küste in der Nähe von Barcelona, nur wenige Jahre bevor das Franco-Regime wüten wird. Sechs Kapitel, sechs Sommer lang lässt die katalanische Autorin Mercè Rodoreda das bunte, gesellige Décadence-Treiben in der Villa über dem Meer, das Kommen und Gehen seiner wohlhabenden Bewohner, dem frisch verheirateten Ehepaar Francesc und Rosamaria aus Sicht eines alten angestellten Gärtners erzählen. Sie bewirten ihre Bohemienfreunde aus Barcelona, fahren Wasserski, feiern rauschende Feste und zertrampeln die Beete.

„Gut schreiben kostet Mühe. Unter gut schreiben verstehe ich, die wesentlichen Dinge so einfach wie möglich zu sagen“, sagt Mercè Rodoreda. Sie wählt einen einfachen Gärtner. Der Ich-Erzähler, ein Liebhaber und Kenner der Blumen, ein alter Mann, der die Menschen mag, der gerne beobachtet, koloriert ihre Liebeshändel und die soziale Verwerfungen, entwirft mit Löwen und einem Schachfiguren stehlenden Affen ein metaphysisches Bühnenbild, das von di Chirico sein könnte. Wer hier nur den diskreten Charme der Bourgeoisie oder Kritik an gesellschaftlichen Aufstiegsträumen und sozialem Ehrgeiz vermutet, wird enttäuscht sein. Das besondere, einmalig betörende Raffinement dieses Romans ist der Erzählperspektive des Gärtners geschuldet. Das Wachstum, die Rivalität der Pflanzen, ihre Blüte, das Werden und Vergehen brechen im Prisma seiner Erinnerungen. In diesem Prisma können die Leidenschaften der Menschen nur als zyklischer Kreislauf, die Avancen einer brasilianischen Schönheit wie exotisches Saatgut gelesen werden. Ein diffuser Horizont, ein ungestümes Meer, das man nicht malen kann, ein Gefecht zwischen Schwertlilien und Gladiolen, ein Roman wie ein wundersamer Garten, der Geschichten und Verschwiegenheiten birgt. Wenn Sie mit diesem Buch nachts unter den Bäumen spazieren gehen, werden Sie belohnt und erfahren, was Ihnen dieser Garten alles zu erzählen hat.

Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer. Roman. Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt. Hrsg. u. mit einem Nachwort von Roger Willemsen. Mare Verlag, Hamburg 2014, 239 Seiten, 26 EUR.