Michael Maar: Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf

Warum werden Tagebücher geschrieben? Warum lesen wir sie? Und warum sollte man auch noch ein Sekundärbuch über Tagebücher lesen? Nun, die Leser seien an dieser Stelle gleich dreifach gewarnt: Das Buch von Michael Maar liefert keine abschließenden Antworten, man kann es nicht mehr aus der Hand legen, und die Folgekosten sind unabsehbar. Denn mit jedem Kapitel wächst der Wunsch, sich alle zitierten Primärtexte von Woolf bis Hebbel, von Thomas Mann über Schnitzler zu Cheever schellstmöglich zu beschaffen. Mit stilistischer Eleganz und feiner Ironie blättert der Literaturwissenschaftler Michael Maar die abwechselnd groß und banal erscheinenden Einträge auf. Er zeigt, wie das Tagebuch der Neuzeit mit dem Wegfall der Beichte nicht nur als Kompensation der protestantischen Kultur, sondern auch als das Medium der Einsamkeit, als Zwiegespräch mit sich selbst als dem letzten möglichen Gesprächspartner gelesen werden kann.
Mit seinen zum Teil köstlich banalen Tagebucheinträgen – „Heute kühl und belegt.“ oder „Am Nachmittag Pralinen gegessen.“ – liefert Thomas Mann die Steilvorlage auf die Frage nach dem Warum: Jedes Tagebuch errichtet einen „Damm gegen die stetig verrinnende Zeit.“ Das Tagebuch, insbesondere unter Literaten, spielt mit den gattungsspezifischen Erwartungen dieser intimen Textsorte: der Blick durchs Schlüsselloch oder in die wahre Seele des Autors. Kein geringerer als Vladimir Nabokov hat mit seiner Autobiographie „Erinnerung – sprich“ diese Maskerade auf die Spitze getrieben. Auch dem weit verbreiteten Topos der letzten Verfügung „Verbrennt alles!“, so Maar, gilt es entschieden zu misstrauen. Die meisten Tagebuchverfasser wollen gelesen werden, das Autodafé ist nur ein weiteres Augenzwinkern. Tagebücher dienen als permanente Korrektur der Selbstbetrachtung, sie fälschen und radieren im Leben herum. Darin liegt ihr Sinn. Man kann sie eitel oder unaufrichtig finden, doch in dieser Lesart stehen die Fiktionen, wie Max Frisch betont, gleichrangig neben der vermeintlich ehrlichen Innenschau. Für uns eines der aufregendsten Bücher der Saison!

Michael Maar: Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf, C.H. Beck Verlag, 2013., 259 S. geb. 19,95 EUR