Michail Ryklin : Buch über Anna

Was wissen wir wirklich über die Menschen, die uns nahestehen und die wir lieben? Der russische Philosoph Michail Ryklin (dessen BuchMit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der gelenkten Demokratie an dieser Stelle ebenfalls sehr empfohlen sei) stellt sich und uns diese Frage in seinem Buch über Anna. Seine Frau, die Lyrikern Anna Altschuk, verlässt am Karfreitag 2008 die gemeinsame Berliner Wohnung und kehrt nicht zurück. Drei Wochen später wird sie tot aus der Spree geborgen.

Selbstmord? Oder doch ein heimtückischer Mord durch den russischen Geheimdienst oder durch orthodoxe Fanatiker, von denen sie vor ihrer Umsiedlung nach Berlin in Moskau heftig angefeindet wurde wegen ihrer Teilnahme an der Ausstellung „Achtung, Religion!“ 2003 im Moskauer Sacharow-Zentrum – eine Ausstellung die kritisch die Rolle der russisch-orthodoxen Kirche im „System Putin“ beleuchtete. Michail Ryklin rekonstruiert anhand der umfangreichen Tagbuchaufzeichnungen und Traumprotokolle seiner Frau die Traumatisierung und die seelischen Verwüstungen, die der auf die Ausstellung folgende Gerichtsprozess und die damit einhergehenden Anfeindungen bei seiner Frau auslösten. Er muss erfahren, dass der Umzug nach Berlin für Anna keine Befreiung war vom Druck der repressiven russischen Verhältnisse, die kritischen Künstlern oder Intellektuellen zunehmend die Luft zum Atmen nahm bis hin zur Gefahr an Leib und Leben; dass dieser Umzug vielmehr den Verlust ihrer Heimat und Sprache bedeutete, auf die sie als Lyrikerin so sehr angewiesen war. Michail Ryklin ist gezwungen sich einzugestehen, wie sehr er die kleinen Zeichen und versteckten Hinweise unterschätzte (oder ignorierte), die in der Rückschau darauf hindeuten, dass der Freitod für seine Frau Anna immer mehr zu einer Möglichkeit der Befreiung aus einem Zustand schuldbesetzter Ausweglosigkeit zu werden schien. Der Hinterbliebene erbt gewissermaßen diese Schuld in Form von Fragen, für die es keine gültigen Antworten geben wird. Michail Ryklin geht davon aus, dass seine Frau Anna diesen „Ausweg“ bewusst wählte als es für sie keinen anderen mehr zu geben schien. Das Buch ist damit zugleich Zeugnis davon, dass auch im 21. Jahrhundert es bei uns in Europa wieder (oder immer noch) Künstler und Intellektuelle (und nicht nur solche) gibt, die Verfolgung erfahren und sich gezwungen sehen, ins Exil zu gehen. Dass dieser Weg für diejenigen, die ihn gehen, mit unaussprechlichen Verlusten verbunden ist, die ihnen buchstäblich den Boden unter den Füßen entziehen. Das Buch über Anna macht uns deshalb auch noch besorgter, was den deutlichen Drift zum Rechtspopulismus und zur „gelenkten Demokratie“ anbelangt, der sich in Europa auch außerhalb Russlands unverkennbar vollzieht. Es zeigt, was all denen droht, die nicht willens sind oder die nicht über ein solch robustes Herz verfügen, sich dergestalt zu arrangieren oder „lenken“ zu lassen.

Michail Ryklin: Über Anna Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Suhrkamp Verlag, 2014; 334 S., 24,95 €