Michel Houellebecq : Unterwerfung

Wir haben lange gezögert uns mit den – zweifellos sehr bescheidenen – uns zur Verfügung stehenden Mitteln an der Debatte über den neuen Roman Michel Houellebecqs zu beteiligen. Wir tun dies nun dennoch, da wir glauben, dass der bisherige Verlauf der Debatte den vorliegenden Text konsequent verfehlt. Es handelt sich weder um einen islamkritischen Text (hierzu hat sich auch der Autor hinreichend und sichtlich genervt geäußert) noch um eine Satire. Vielmehr um den paradoxen Versuch ein Vakuum oder Nichts sichtbar zu machen, ohne es konsequenterweise als solches zu benennen (und damit seinen Nicht-Gehalt notwendigerweise zu verfehlen), in das der neue islamische Präsident Frankreichs mit seiner Partei stößt. Dieses Vakuum oder Nichts ist das, was – in vielleicht überholten Kategorien gesprochen – einmal die französische Gesellschaft oder Kultur gewesen sein mochte. Ihr Umbau vollzieht sich im Roman auf gespenstische Weise vollkommen mühelos, nahezu geräuschlos (sieht man von ein paar Scharmützeln ab) erstaunlich unaufgeregt, auf gespenstische Weise pragmatisch und konsequent. Wenn man aus diesem Roman überhaupt Kritik herauslesen möchte, dann an den französischen Eliten, die keine sind und die diesem Prozess nichts, aber auch gar nichts entgegenzusetzen haben. Müdigkeit, Erschlaffung, Dekadenz? Wahrscheinlich schon. Wenn eine Frage aus diesem Text abzuleiten ist – und dem Text ist zu Gute zu halten, dass er diese Frage selber nicht stellt – dann die, was das soziale Band darstellt, sofern dieses nicht die Religion sein soll. Aber warum soll es nicht auch die Religion sein, wenn sich alles zum Besten wendet? Wenn die Arbeitslosigkeit sinkt, da die Frauen vom Arbeitsmarkt verschwinden, wenn Bildung und Ausbildung als überschätzt gelten dürfen und der sich bedroht fühlende Mittelstand endlich seiner Abstiegsängste enthoben ist, wenn die Krise der französischen Industrie überwunden ist, da diese umstandslos durch das Handwerk ersetzt werden kann und wenn ehemalige Geheimdienstler in wohldotierte und bequeme Ruhestände entlassen werden. Alles fügt sich. Und um welche Religion es sich handelt, ist letztlich doch gar nicht entscheidend. Der Autor klagt auch nicht an, sondern erzählt unprätentiös mit geradezu unverschämter Schlichtheit (weswegen auch die Frage nach den literarischen Mitteln oder gar dem literarischen Wert dieses Romans völlig ins Leere stößt), so dass wir uns fast schon Mühe geben müssen, den Spiegel zu erkennen, in den wir da blicken. Darin liegt die verborgene Größe dieses Textes. Und zuletzt macht dieser Roman gnadenlos sichtbar, dass wir eben nicht Charlie sind. Dass wir eben nicht denselben Mut hätten und eben nicht dieselben Risiken eingegangen wären. Dass wir wahrscheinlich eher Angsthasen sind, die sich um den Euro sorgen machen, um die Griechen, die private Altersvorsorge: Probleme, die im Roman gar keine Rolle mehr spielen und unter der neuen Regierung als obsolet oder gelöst gelten dürfen. Und dass wir uns eben keine oder zu wenig Sorgen darum machen, dass – jüngsten Umfragen zufolge – Marine Le Pen, wäre morgen Präsidentschaftswahl, über 30% der Stimmen im ersten Wahlgang gewinnen würde. Nein, wir sind nicht Charlie. Eher sind wir François. Der eigenen Leere überdrüssig und dankbar, wenn uns die Mühe abgenommen wird, diese mit Sinn zu füllen. Man muss stark sein, um diesen Roman zu lesen.

 

Michel Houellebecq: Unterwerfung.Roman, Dumont, 272 Seiten, geb. 22,99 EUR.