Navid Kermani : Große Liebe

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Alle Vorwände gelten der Liebe, behauptet ein persisches Sprichwort. Navid Kermani, der sich rückblickend an seine erste große Liebe und an den Fünfzehnjährigen erinnert, der er war, liefert den schönsten aller Vorwände für die Erzählung seiner Geschichte: dass die erste große, und niemals größere Liebe in dem Wunsch gegründet sei, sich loszuwerden und nicht ich zu sein. Erst später, wenn man sich gefunden zu haben glaubt, wenn Ichsucht an die Stelle von Ichverlust getreten ist, mögen einem die Tagebücher des Pubertierenden von einst womöglich banal erscheinen, treiben einem das großspurige Pathos, die Tollheiten Schamesröte ins Gesicht. Inklusive Annäherung, vollkommenes Glück und Trennung dauert diese Liebe genau genommen nur eine Woche. Doch am weisen Leitfaden persisch-arabischer Liebesmystik führt Kermani Nizamis Hohelied Leila und Madschnun mit der Liebestrunkenheit des Fünfzehnjährigen zusammen und beweist, dass eine Woche eine Ewigkeit sein kann. Er beschreibt die Ekstase, das Außer-sich-sein dieses Jungen. Die Ekstase besteht darin, „dass das Ich sein eigenes Wesen nicht mehr wahrnimmt, weil es zu tief in der Wahrnehmung des Gegenstandes seines Entzückens versunken ist.“ Dass der Autor, nunmehr selbst Vater eines fünfzehnjährigen Sohnes, die Abspaltung der Erzählgegenwart von seinem früheren Ich konsequent fortführt und vom Jungen in der dritten Person spricht, dass er die Bedingungen auslotet, unter denen heute noch eine Liebesgeschichte überhaupt erzählbar ist, markiert mit einer Prise Wehmut und zarter Selbstironie auch den Abstand von einer Zeit, in der Weltanschauungen auf Sitzblockaden, auf Friedensdemos mit Birkenstocksandalen leichter zu haben waren. Kermanis hinreißender Roman ist nebenbei auch eine Liebeserklärung an eine Zeit, in der nicht alles „nur cool und ironisch“ war. Als der Junge sich verlassen sieht, stürmt er durch die Schule, reißt auf der Suche nach seiner Leila alle Klassenzimmertüren auf. Er findet sie, erklimmt das Lehrerpult und schreit lauthals: „Jutta, ich liebe Dich.“
Vielleicht waren wir dort, wo wir uns endgültig der Lächerlichkeit preisgaben, näher an der Wirklichkeit. Und vielleicht waren wir ein bisschen mehr das, was man heutzutage auch nicht mehr ohne rot zu werden von sich gibt: „authentisch“.

Navid Kermani: Große Liebe, Hanser Verlag, 224 Seiten, 18,90 Euro