Aktuelle Rezensionen

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Lesarten zieht ein paar Häuser weiter

umzug

Unsere neue Anschrift lautet: Körtingstr. 5 D-30161 Hannover

Kader Abdolah : Die Krähe

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Und dann passiert Folgendes: Die Königin fährt vor. Sie trägt einen auffälligen Hut. Mit einem Strauß bunter Tulpen nähert sie sich meinem Haus. Ich stehe mit meiner Frau und Tochter vor der Tür und neige den Kopf zum Gruß. Ihre Majestät drückt mir den Blumenstrauß in die Hand und sagt: „Ich habe Ihr Buch gelesen.“

Irit Amiel : Gezeichnete – Geschichten vom Überleben

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»Und sie lauschen dem Sprachgewirr, aber Jiddisch spricht hier keiner mehr. Und im schimmernden Abenddunst ziehen sich die Gefährten meiner Kindheit zurück, entschwinden …«

Grace Paley : Am selben Tag, später

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Zweiundzwanzig Amerikaner reisten durch China. Ich war einer von ihnen. Wir machten viele Fotos. Wir hatten gelernt, wie man hallo sagt, auf Wiedersehen, dürfte ich ein Foto von Ihnen machen? Häufig wollten die Leute nicht fotografiert werden.Tja, warum ist das bloß so? Wir machen Bilder von ihnen, damit wir uns an die Chinesen besser erinnern, um unseren Freunden nach dem Abendessen von ihnen zu erzählen und später mal in Kirchen und Schulen Diavorträge halten zu können. In Wahrheit aber machen wir es, weil wir die Politik nicht aus dem Kopf kriegen, wenn nicht sogar, weil wir davon vollkommen beherrscht werden.

Peter Bichsel : Über das Wetter reden

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„Sprache braucht man zum Sprechen. Er braucht sein Italienisch zum Sprechen und ich mein Deutsch – wir verstehen die Sprache des Anderen nicht, aber wir reden miteinander, wir verstehen uns. Wir können über das Wetter reden, darüber daß es heiß ist, in allen Sprachen dieser Welt, wir könnten dabei mit dem Handrücken über die nasse Stirn fahren und jeder in seiner Sprache reden. ‚Es gibt nur eine Sprache’ hat der große jüdische Philosoph Franz Rosenzweig gesagt. Ja, nur eine Sprache, die Sprache der Menschen.“

Rafael Chirbes : Am Ufer

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Kann man über „die Finanzkrise“ schreiben? So, dass daraus Literatur entsteht und nicht eine in literarisch notdürftig veranschaulichte Dokumentation oder Reportage? Ohne dass der Text an der Komplexität und Trivialität der den Globus umspannenden Kapitalströme zerschellt? Ohne nur die Sinndefizite erfolgreicher Spekulanten zu entlarven oder die Hohlheit ihrer austauschbaren Lebensentwürfe zu desavouieren? Ohne Investmentbanker sich aus dem 27. Stock ihres Büroturms stürzen zu lassen oder eine Vorstandssitzung auf die Bühne eines notdürftig restaurierten Dokumentartheaters zu bringen? Darf Literatur, die notwendig auf Sprache und deren eigenes Bewegungsgesetz verwiesen ist, sich noch zuständig fühlen für das, was in Echtzeit in den Glasfaserkabeln transagiert wird? » Weiterlesen

Navid Kermani : Große Liebe

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Alle Vorwände gelten der Liebe, behauptet ein persisches Sprichwort. Navid Kermani, der sich rückblickend an seine erste große Liebe und an den Fünfzehnjährigen erinnert, der er war, liefert den schönsten aller Vorwände für die Erzählung seiner Geschichte: dass die erste große, und niemals größere Liebe in dem Wunsch gegründet sei, sich loszuwerden und nicht ich zu sein. Erst später, wenn man sich gefunden zu haben glaubt, wenn Ichsucht an die Stelle von Ichverlust getreten ist, mögen einem die Tagebücher des Pubertierenden von einst womöglich banal erscheinen, treiben einem das großspurige Pathos, die Tollheiten Schamesröte ins Gesicht. » Weiterlesen

Wolfgang Herrndorf : Arbeit und Struktur

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Als Wolfgang Herrndorf Im März 2010 erfährt, dass ein bösartiger Tumor in seinem Kopf wächst und ihm noch fünf Lebensmonate bleiben, beginnt er einen Wettlauf gegen die Zeit. Er stürzt sich in Arbeit, schreibt „dreimal so schnell“ und täglich bis zu sechzehn Stunden. Es werden knapp drei Jahre, die er nachfolgend als die „besten seines Lebens“ bezeichnen wird. Während er unter Hochdruck den Roman Tschick fertigstellt und einen neuen Roman Sand in Angriff nimmt, stellen ihm seine Freunde – zunächst ein privates, später dann öffentlich zugängliches Tagebuch-Blog ins Netz, in dem Herrndorf minutiös Gliobastom-Recherchen, das Fortschreiten der Krankheit, seine Ängste, seine Phantasien, seine Rückschläge, seine Träume und Hoffnungen notiert. Er will „Herr im eigenen Haus“ bleiben und beschafft sich mit einem Revolver eine „Exitstratgie“. » Weiterlesen

John Cheever : Ach, dieses Paradies

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Unser Dank gilt zunächst dem Verlag, der uns in den letzten Jahren das erzählerische Werk John Cheevers in neuer Übersetzung wieder zugänglich gemacht hat. Der vorliegende Roman ist Cheevers letzter – 1982 im Jahr seines Todes erschienen – und zugleich sein merkwürdigster. Vordergründig geht es um den Kampf eines älteren Mannes aus New York – Lemuel Sears – für den Erhalt eines Teichs, des Beasley’s Pond in Janice, Upstate New York, auf dem er gerne Schlittschuh läuft. Diesen Teich (oder besser: diesen kleinen See) will eine mafiöse Allianz aus Lokalpolitik und anonym bleibenden Hintermännern zu einer Giftmülldeponie umfunktionieren. Sagenhaft, was Cheever auf den exakt 120 Seiten dieses Romans alles geschehen lässt: » Weiterlesen

Michael Maar: Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf

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Warum werden Tagebücher geschrieben? Warum lesen wir sie? Und warum sollte man auch noch ein Sekundärbuch über Tagebücher lesen? Nun, die Leser seien an dieser Stelle gleich dreifach gewarnt: Das Buch von Michael Maar liefert keine abschließenden Antworten, man kann es nicht mehr aus der Hand legen, und die Folgekosten sind unabsehbar. Denn mit jedem Kapitel wächst der Wunsch, sich alle zitierten Primärtexte von Woolf bis Hebbel, von Thomas Mann über Schnitzler zu Cheever schellstmöglich zu beschaffen. Mit stilistischer Eleganz und feiner Ironie blättert der Literaturwissenschaftler Michael Maar die abwechselnd groß und banal erscheinenden Einträge auf. Er zeigt, wie das Tagebuch der Neuzeit mit dem Wegfall der Beichte nicht nur als Kompensation der protestantischen Kultur, sondern auch als das Medium der Einsamkeit, als Zwiegespräch mit sich selbst als dem letzten möglichen Gesprächspartner gelesen werden kann. » Weiterlesen

Jorge Semprun : Überlebensübungen

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Der vorliegende Text ist Fragment geblieben. Jorge Semprun erinnert sich in ihm an seine Zeit in der Résistance bis zu seiner Verhaftung im September 1943. An die Befreiung aus dem Konzentrationslager Buchenwald. An die 10 Jahre (die er nicht ohne Stolz und Genugtuung als „eine Art Höchstleistung oder Rekord“ bezeichnet) in Madrid, die er unentdeckt im Untergrund überlebte. Er erinnert sich an die 20 Jahre seines Lebens, die im Rückblick als Überlebensübungen erscheinen. An die allgegenwärtige Gefahr, entdeckt und verhaftet zu werden, an den Triumph der Befreiung, und an die Folter, die die schwerste aller Überlebensübungen darstellte. » Weiterlesen

Paul Nizon : Die Belagerung der Welt

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Paul Nizons Tagebücher – in der vorliegende Ausgabe von Martin Simon aus fünf bereits publizierten Journalen ausgewählt und zusammengestellt – sind alles andere als Nebenprodukte eines Schriftstelleralltags. Es geht um den Funken, der das Funkeln erzeugt. Die losen Aufzeichnungen, Selbstreflexionen, Schriftstellerportraits, Reiseskizzen, Traumwelten, erotischen Streifzüge und Großstadtszenen, können, wie sein Hauptverleger und Förderer Siegfried Unseld vortrefflich formulierte, als Archetypen eines Literaturbesessenen gelesen werden, der die unabdingbare Selbstsucht seiner poetischen Existenz belagert, protokolliert; der Momente aufspürt, Gespräche wiedergibt und nach und nach seine Figuren und Stoffe in Stellung – und damit zur Welt bringt. » Weiterlesen

Louis Begley : Erinnerungen an eine Ehe

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Wir befinden uns in New York im Jahr 2003. George W. Bush hat gerade verkündet, dass die Mission im Irak erfüllt sei. Eine Vermeintlichkeit, der im neuen Roman von Louis Begley noch viele folgen werden. Der Ich-Erzähler Philip – ein siebzigjähriger Schriftsteller, seit kurzem wieder in New York – geht ins New York State Theater, um sich eine Aufführung der New York City Ballet Compagnie anzusehen. Philip lebt allein, seine Tochter Agnes und seine Frau Bella sind tot. Von sich sagt (oder schreibt) er: „Und ich habe meine Erinnerungen. Dantes Vergil hat sich geirrt, als er ihm erklärte, kein Schmerz sei größer, als im Unglück an vergangene glückliche Zeiten zu denken. » Weiterlesen

Amos Oz / Fania Oz-Salzberger: Juden und Worte

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Der Schriftsteller Amos Oz und seine Tochter, die Historikern Fania Oz-Salzberger (deren auch im Jüdischen Verlag erschienenes Buch Israelis in Berlin an dieser Stelle ebenfalls sehr empfohlen sei) stellen die Frage nach dem, was jüdische Identität und Kontinuität über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg ausmacht. Sie tun dies ausdrücklich als „nicht-religiöse Juden“, deren jüdische Identität sich nicht aus dem Glauben speist. Sie tun dies als „Atheisten der Bibel“ – in dem Bewusstsein, dass „wir Juden (…) dafür bekannt (sind), daß wir unmöglich etwas zustimmen können, was mit ‚wir Juden’ anfängt“. Der Titel dieses Buches ist also schon die Antwort. » Weiterlesen

Bogumil Balkansky : Auf Neuseeland sind die Briten die Tschuschen

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Ein Glücksfall: Man öffnet den Umschlag, runzelt über Autorname und Titel die Stirn und legt es erstmal auf den Schuhschrank. Von dort aus wandert das Buch über verschiedene Vordringlichkeitsstapel auf den Schuldturm noch ungelesener, in Folie eingeschweißter Bücher. Nur durch den Umstand, dass an einem der folgenden Tage gerade nichts anderes greifbar und obenauf liegt, blättert man in den ersten Seiten, und – es haut einen um. Zum Teufel: Wer steckt hinter dem Pseudonym Balkansky? Und warum kenne ich diesen Autor nicht? Hier sind neben einem Kaleidoskop artistischer Bruchlandungen hinreißende Migrantenpossen und -Glossen versammelt, » Weiterlesen

Barbara Wiedemann : „Ein Faible für Tübingen“. Paul Celan in Württemberg. Deutschland und Paul Celan.

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Weit gefehlt, wer hinter diesem Buchtitel einen gemütlich-literarischen Spaziergang durch die schwäbische Provinz vermutet. Was die Literaturwissenschaftlerin und Celan-Forscherin Barbara Wiedemann aufschlägt, ist ein ebenso wichtiges wie beschämendes Kapitel der sogenannten literarischen und akademischen Öffentlichkeit im Umgang mit dem Lyriker Paul Celan. Celan, dessen gesamte Familie von den Nazis ermordet wurde, flüchtete 1948 nach Paris und unternahm zwischen den Jahren 1952 und 1970 viele Reisen vor allem in den Südwesten Deutschlands. Hier traf er sich mit Bekannten und Freunden wie Hermann und Hanna Lenz, mit Verlegern und Buchhändlern und Kritikern. » Weiterlesen

Peter Handke : Versuch über den Pilznarren

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Nach vier ebenso disparaten wie geglückten Versuchen, die uns Peter Handke in den letzten Jahren geschenkt hat, mag dieser jüngste, fünfte Versuch über den Pilznarren auch bei den waldkundigsten Leser streckenweise die Frage aufwerfen: Worauf will er eigentlich hinaus? Wird dieser Versuch misslingen? Handke erzählt von sich und von einem aus den Augen verlorenen Jugendfreund, der, einst die Kärntner Wälder durchstreifend, sein Taschengeld mit Pilzesammeln aufbesserte, um sich davon Bücher zu kaufen. Er heiratet und macht als Jurist für Völkerrecht am internationalen Gerichtshof Karriere. Erst im Alter von 50 Jahren stößt der inzwischen verheiratete und werdende Vater durch Zufall auf einen Prachtexemplar von Steinpilz, » Weiterlesen

Andreas Maier: Die Straße

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Wir gestehen, dass wir voller Ungeduld auf den dritten Teil der insgesamt auf sieben (andere Quellen melden die Zahl 11, was uns nur recht sein soll) Bände ausgelegten Maierschen Suche nach der verlorenen Zeit gewartet haben. Nach „Das Zimmer“ und „Das Haus“ nun also „Die Straße“. Maier arbeitet sich von innen nach außen vor, was die Vermutung erlaubt, dass der vierte Band den Titel „Die Stadt“ trägt. Womit wir in Friedberg, inmitten der Wetterau sind, die Andreas Maier längst zu seinem literarischen Kosmos erhoben hat. Wir begleiten den jungen Andreas durch die späten Siebziger und frühen Achtziger Jahre und lassen uns berichten von Vätern, die nicht anders können als die Freundinnen ihrer Töchter auf den Schoß zu nehmen » Weiterlesen

Amity Gaige : Schroders Schweigen

Amity_Gaige_Schroders_SchweigenDer erfahrene Leser glaubt, ihn könne nichts mehr erschüttern. Er wiegt sich im Glauben, alles sei schon einmal irgendwann, irgendwo durch irgendwen erzählt worden, alle menschlichen Irrtümer, Lügen und Tragödien, jedes Scheitern, jedes Versagen und jeder Schmerz seien schon zur Genüge beschrieben worden. Dass dem nicht so ist, beweist dieser Roman, der – wenn man nicht aufpasst – einem das Herz brechen kann. Schroder, der Erzähler, richtet aus dem Gefängnis das Wort an seine Frau Laura, die sich von ihm getrennt und mit der er eine kleine Tochter, Meadow, hat. Er erzählt, wie er als Kind mit seinem Vater die DDR verließ und in die USA gelangte. Wie er sich einen neuen Namen (ausgerechnet Kennedy), eine neue Vergangenheit und Biografie andichtete und zum konsequenten Lügner und Hochstapler wurde. » Weiterlesen

Alexander Kluge / Gerhard Richter: Nachricht von ruhigen Momenten

kluge_richter_nachricht von ruhigenMomentenWenn der unermüdliche Geschichtenfinder und -erzähler Alexander Kluge und der Maler (und – wie wir spätestens seit 2010 wissen – auch Fotograf) Gerhard Richter sich in Sils Maria treffen, um gemeinsam Silvester zu feiern, dann ließe sich – liefe dieses Bild nicht Gefahr jene Unschärfe vermissen zu lassen, um die nicht zuletzt es in diesem Buch geht – nicht ganz zu Unrecht von einem Gipfeltreffen sprechen. Nach Dezember (2010) liegt nun in einem wie immer äußerst sorgsam gestalteten Band der Bibliothek Suhrkamp eine zweite gemeinsame Arbeit der Beiden vor. » Weiterlesen

Jochen Schmidt : Schneckenmühle

Jochen Schmidt_SchneckenmühleIm Herz der Finsternis, an der schwach beleuchteten Strecke zwischen Pirna und Liebstadt, mitten im Wald und unweit der tschechischen Grenze gibt es einen Ort, an dem die Zeit noch stiller steht: die Schneckenmühle. Fraglich, ob es hier je eine Mühle gegeben hat. Irgendwo vielleicht ein träges, morsches Wasserrad, das im Bachlauf dümpelt? Schnecken zuhauf. Das gleichnamige Hüttenlager der ehemaligen DDR ist alljährliches Ferienziel von Großstadtjugendlichen, die Morgenappell und ideologischen Regelklimbim in Kauf nehmend deswegen gerne wiederkommen, weil es hier etwas lockerer zugeht und sie (noch) ungestört im Dunkeln tappen. » Weiterlesen

Peter Stamm : Nacht ist der Tag

Stamm_Nacht_ist_der_TagDie Leser seien gewarnt: Hier kommt der mit Abstand kälteste, beunruhigenste und schwärzeste Roman der Saison. Peter Stamm erzählt die Geschichte von Gillian und Hubert. Von Astrid, Rolf und Matthias. Bereits die Namen geben Anlass zur Sorge. Der Roman beginnt mitten drin: Gillian, eine erfolgreiche Kulturfernsehredakteurin, erwacht nach einem schweren Autounfall im Krankenhaus, auf der Station für plastische Chirurgie. Ihr Gesicht ist zerstört. Ihr Mann, der am Steuer saß, tot. Allmählich kehren ihre Erinnerungen zurück. Mit der Rekonstruktion ihres Gesichts beginnt die Rekonstruktion der Geschichte. » Weiterlesen

Patrick Modiano : Der Horizont

Modiano_23951_MR.inddUnsere Vergangenheit ist dunkle Materie. Der unsichtbare Teil unseres Lebens ist ungleich größer als der sichtbare. Das nicht Gelebte ist unendlich: „kurze Begegnungen, verpasste Rendezvous, verlorene Briefe, Vornamen und Telefonnummern, die in einem alten Taschenkalender stehen und die man vergessen hat, und all die Frauen und Männer, deren Wege man gekreuzt hat, ohne es überhaupt zu wissen.“ Schwindel erfasst denjenigen, der seine Gedanken auf das richtet, „was hätte sein können und nicht gewesen war“. Patrick Modianos Roman erzählt von Jean Bosmans, der den Versuch unternimmt, Licht in die dunkle Materie seiner Vergangenheit zu bringen, um festzustellen, dass es kein Ganzes gibt, „nur Splitter, Sternenstaub“. » Weiterlesen

Eugen Ruge : Cabo de Gata

Eugen Ruge Cabo de Gata„Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war.“ Deshalb ist es auch unerheblich, wer da spricht, ob der Autor oder sein Erzähler. Jedenfalls: Der Ich-Erzähler erinnert sich. Wie er sich eines Morgens eingestehen musste, dass er den Versuch, einen Roman zu schreiben, als gescheitert betrachten muss. Wie er sich unvermittelt entschließt, alles hinter sich zu lassen, seine Wohnung am Prenzlauer Berg aufzulösen, seine Möbel zu veräußern, sich von den wenigen Menschen, die ihm nahestehen zu verabschieden, von der Tochter seiner ehemaligen Geliebten, die glaubt, er sei ihr Vater (traurigster Moment in diesem Buch), von seinem Vater, der ihn jedoch nicht zum Essen dabehalten kann, da die Scheiben Brot peinlich genau abgezählt sind. » Weiterlesen

Hans Stilett : Eulenrod

Stilet_EulenrodFürwahr – es gibt einen kleinen, leuchtenden Stern zu entdecken: „Im grünen Dunkel der Wälder ein heller Fleck, mit Straßen, mit Häusern, mit Stuben und mit Bodenkammern, und in einer träumend ich.“ Der Stern heißt Eulenrod und sein träumendes Ich, der Schriftsteller und Montaigne-Übersetzer, trägt den Namen Hans Stilett. Es sind die Erinnerungen an seine Kindheit im thüringischen Zeulenroda. Der Junge ist vaterlos. Mit seiner Mutter wächst er in ärmlichen, engen Verhältnissen der Weimarer Jahre bei seinen Großeltern auf. Schemenhaft und bedrohlich tauchen die sozialen Verwerfungen, Inflation, Streik, skandierende Rotfrontkämpfer und marschierende Braunhemden in der Wahrnehmungswelt des Jungen auf. » Weiterlesen

Walter Kappacher : Die Amseln von Parsch

kappacher_die_amseln_von_parschMit der vorliegenden Sammlung von Fragmenten und verstreuten Prosaarbeiten hat uns der müry salzmann Verlag ein funkelndes Kleinod des österreichichen Autors geschenkt. Keine Statements, keine folgerichtigen Einsichten oder Schon-immer-Gewusstheiten. Nein. Kappacher bleibt ein stiller, wunderbarer Außenseiter, ein Dichter auf Abwegen und Traumpfaden, der sich von der Summe des bereits Geschriebenen nicht abschrecken lässt. „Das Gehen“, erfahren wir in der Titelgeschichte, war ihm – neben dem Lesen und Schreiben – das Wichtigste im Leben. Was ihm vom Weg abbringt, vom Schreiben abhält, wird unweigerlich zum Gegenstand des Erzählens. Ein Papagei aus der Nachbarschaft stört ihn mit seinem Gekrächze. » Weiterlesen

Josef Winkler : Mutter und der Bleistift

Winkler_Mutter und BleistiftDer Erzähler im indischen Ellora. Ein Wort fliegt auf wie ein aufgescheuchtes Wild. Ein Wort von Ilse Aichinger, von den näher kommenden Spiegeln im Alter, „bis wir uns ganz nahe sind. Der nächste Schritt heißt dann: den Spiegel mit der Faust zertrümmern, bluten, sich zerschneiden.“ Ein Wort, das den Autor zurückwirft auf den Ort seiner Kindheit und Jugend auf einem Bauernhof in Kärnten. Im Spiegel des elterlichen Schlafzimmers die Madonna sulla seggiola von Raffael, holzgerahmte Harmonie. Die Mutter mit Jesuskind auf dem Schoß, daneben ein betender Engel, „der mit seinem besorgten, traurigen Blick schon das Einschlagen der Kreuzigungsnägel hört.“ » Weiterlesen

Patricio Pron: Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf

pron-der-geist-meiner-vaeter-steigt-im-regen-aufEin junger Mann kehrt 2008, nachdem er acht Jahre in Deutschland gelebt hat, in seine argentinische Heimat zurück, da sein Vater schwer erkrankt ist. Durch exzessiven Konsum von Drogen hat er fast vollständig sein Gedächtnis verloren. Während sein Vater im Krankenhaus um sein Leben kämpft, findet der Erzähler auf dessen Schreibtisch eine Aktenmappe, in der sein Vater Zeitungsartikel über den Tod eines gewissen Alberto José Burdisso gesammelt hat. Wer war dieser Burdisso? Und welche Verbindung besteht zum Vater des Erzählers? Der Sohn beginnt zu lesen und erfährt, dass der Vater in der Zeit der Militärdiktatur (1976 – 1983) Alicia Burdisso, » Weiterlesen

Aris Fioretos : Die halbe Sonne. Ein Buch über einen Vater

Dieses „Buch über einen Vater“ – so der Untertitel – beginnt mit dem Tod des Vaters und endet mit seiner Geburt. Weil der Sohn nicht weiß, wie er trauern und Abschied nehmen soll, fasst er den Entschluss, den Vater, der in seinen letzten Lebensjahren durch Parkinson und Demenz immer mehr dem Verfall preisgegeben war, wieder zusammenzusetzen und – dessen Leben rückwärts erzählend – einen „Paparat“ zu bauen. „Träume und Übertreibungen gehören dazu“. Er weiß, „dass deshalb sowohl Fakten als auch Phantasie erforderlich sein werden, um den Vater noch einmal zu machen.“ Dieser Vater muss als junger Mann aus politischen Gründen Hals über Kopf die griechische Heimat verlassen, » Weiterlesen

Andrzej Stasiuk : Kurzes Buch über das Sterben

„Unsere Zivilisation ist seltsam. Sie rettet, bewahrt, verlängert uns das Leben. Und zugleich macht sie uns dem Tod gegenüber hilflos.“ Vier Geschichten über das Sterben: Der Tod der Großmutter bedeutet, dass auch die Welt der Geister, an die sie glaubte, jene „lebendige, übernatürliche Wirklichkeit“, für immer verschwinden wird. Augustyn, der Schriftsteller erleidet einen Schlaganfall und verliert sein Gedächtnis. Alles, was ihn mit seinen Freunden noch verbindet, sind „Bruchstücke“, „vage Spuren der Vergangenheit“, die für die eigene Identität bürgen. Unberührt davon ist seine mit einem „diabolischen Grinsen“ einhergehende Weigerung, sich angesichts des Todes mit der Kirche auszusöhnen. » Weiterlesen