Aktuelle Rezensionen

<< >>

Karl Ove Knausgård : Im Herbst

Ich will dir die Welt zeigen, wie sie ist und wie sie uns umgibt, die ganze Zeit. Nur indem ich das tue, kann ich selbst sie sehen. Was macht das Leben lebenswert?

Lesarten zieht ein paar Häuser weiter

Unsere neue Anschrift lautet: Körtingstr. 5 D-30161 Hannover

Kader Abdolah : Die Krähe

Und dann passiert Folgendes: Die Königin fährt vor. Sie trägt einen auffälligen Hut. Mit einem Strauß bunter Tulpen nähert sie sich meinem Haus. Ich stehe mit meiner Frau und Tochter vor der Tür und neige den Kopf zum Gruß. Ihre Majestät drückt mir den Blumenstrauß in die Hand und sagt: „Ich habe Ihr Buch gelesen.“

Irit Amiel : Gezeichnete – Geschichten vom Überleben

»Und sie lauschen dem Sprachgewirr, aber Jiddisch spricht hier keiner mehr. Und im schimmernden Abenddunst ziehen sich die Gefährten meiner Kindheit zurück, entschwinden …«

Grace Paley : Am selben Tag, später

Zweiundzwanzig Amerikaner reisten durch China. Ich war einer von ihnen. Wir machten viele Fotos. Wir hatten gelernt, wie man hallo sagt, auf Wiedersehen, dürfte ich ein Foto von Ihnen machen? Häufig wollten die Leute nicht fotografiert werden.Tja, warum ist das bloß so? Wir machen Bilder von ihnen, damit wir uns an die Chinesen besser erinnern, um unseren Freunden nach dem Abendessen von ihnen zu erzählen und später mal in Kirchen und Schulen Diavorträge halten zu können. In Wahrheit aber machen wir es, weil wir die Politik nicht aus dem Kopf kriegen, wenn nicht sogar, weil wir davon vollkommen beherrscht werden.

Andrzej Stasiuk : Kurzes Buch über das Sterben

„Unsere Zivilisation ist seltsam. Sie rettet, bewahrt, verlängert uns das Leben. Und zugleich macht sie uns dem Tod gegenüber hilflos.“ Vier Geschichten über das Sterben: Der Tod der Großmutter bedeutet, dass auch die Welt der Geister, an die sie glaubte, jene „lebendige, übernatürliche Wirklichkeit“, für immer verschwinden wird. Augustyn, der Schriftsteller erleidet einen Schlaganfall und verliert sein Gedächtnis. Alles, was ihn mit seinen Freunden noch verbindet, sind „Bruchstücke“, „vage Spuren der Vergangenheit“, die für die eigene Identität bürgen. Unberührt davon ist seine mit einem „diabolischen Grinsen“ einhergehende Weigerung, sich angesichts des Todes mit der Kirche auszusöhnen. » Weiterlesen

Benoîte Peeters : Jacques Derrida. Eine Biographie

Wie eine Biographie über einen Philosophen bewerkstelligen, der das Eingeschriebene im Korpus des Denkenden, das Setzende und Verletzende der Schrift, die Bedingungen und Aporien der Lesbarkeit in allen Variationen dekliniert hat? Eine Biographie über Derrida á la Derrida? Schon wären Genre und Sujet, ja das gesamte Vorhaben in Frage gestellt. Nein – frei vom epigonalen Gestus der Dekonstruktion und ohne Anspruch auf Vollständigkeit hat Benoîte Peeters den klassischen, linearen Weg gewählt und sich in dreijähriger Arbeit unter gigantischem Rechercheaufwand dem Ethos der Genauigkeit verschrieben. Dafür hat er die über 80 veröffentlichten Werke Derridas einer Neulektüre unterzogen. Er hat das umfangreiche Archiv der Universität in Irvine » Weiterlesen

David Vann : Dreck

Ein Buch wie ein Faustschlag ins Gesicht. Galen, 22 Jahre, lebt mit seiner Mutter auf einer Walnussplantage in Carmichael, einem Vorort von Sacramento, im Central Valley, Kalifornien, „einer langgestreckten, heißen Senke Stumpfsinn“. Galen möchte gerne aufs College. Angeblich ist dafür aber kein Geld vorhanden. Das Verhältnis zu seiner Mutter: verhängnisvoll-symbiotisch. „Sie hatte ihn zu einer Art Ehemann gemacht, ihren eigenen Sohn. Sie hatte ihre Mutter, ihre Schwester und ihre Nichte rausgeworfen und diese Zweisamkeit geschaffen, und jeden Tag hatte er das Gefühl, es nicht einen einzigen weiteren Tag auszuhalten, und jeden Tag blieb er.“ » Weiterlesen

Kerstin Decker : Richard Wagner. Mit den Augen seiner Hunde betrachtet

Man muss kein Wagnerianer sein, nicht mal ein Hundenarr, um das Buch von Kerstin Decker auf Anhieb zu lieben. Sogar als Hundehasser wird man bei der Lektüre nachdenklich und erwägt, ob man sein Verhältnis zu den Vierbeinern – insbesondere zu Neufundländern – nicht von Grund auf überdenken sollte. Ohne seine Hunde, so erfahren wir, wäre aus Richard Wagner nicht der Jahrhundertkomponist geworden, der er war. Er hatte eine Neufundländerseele. Wie ein Rudel von Hundegeistern wechseln Robber, Peps, Fips und Pohl ihre Besitzer und folgen ihrem Meister von Riga, Paris, Dresden, Tribschen bis Bayreuth, auf Schritt und Tritt. Oder folgt Wagner ihnen? » Weiterlesen

Pierre Bost : Ein Sonntag auf dem Lande

Es gilt, ein literarisches Kleinod anzuzeigen. Dem Dörlemann Verlag sei gedankt, diesen 1945 erstmals erschienen Roman des heute weitgehend vergessenen französischen Autors Pierre Bost (1901-1975) dem deutschsprachigen Publikum wieder zugänglich gemacht zu haben. Wie der Titel des Romans es vermuten lässt, spielt der Roman an einem einzigen Tag. Wir begleiten Monsieur Ladmiral – ein 76-jähriger, ehemals erfolgreicher aber unbedeutender Maler, der sich aufs Land umweit von Paris zurückgezogen hat – auf seinem Weg zum Bahnhof, um seinen Sohn samt Familie abzuholen, die wie jeden Sonntag aus Paris zu Besuch kommt. Später an diesem Sonntag wird unangemeldet noch seine Tochter Irène in die kleine Gesellschaft platzen und alles gehörig durcheinanderwirbeln, bevor sie Hals über Kopf wieder verschwindet. » Weiterlesen

Henri Thomas: Der Meineid

Die Geschichte ist so: Der angehende Literaturwissenschaftler Stéphan Charlier leidet unter einem Übervater, der als angesehener Literaturprofessor nicht müde wird, seinem Sohn zu attestieren, er habe „seinen Weg noch nicht gefunden“. Hals über Kopf wandert dieser nach Amerika aus, um dort über Romantik und Hölderlin zu arbeiten. Er schlägt sich als Erntehelfer und mit Gelegenheitsjobs durch, heiratet eine Frau, wird Vater, bekommt einen befristeten Lehrauftrag an der Uni. Er stiehlt sich halberblindet in eine Augenklink, als aufliegt, dass er bereits verheiratet war und eine Frau mit zwei Kindern in Belgien sitzen gelassen hat. Ab hier übernimmt ein Ich-Erzähler das Ruder. Es ist ein Zimmerkollege Charliers an der Westford-Universität. » Weiterlesen

Jonathan Franzen : Weiter weg

„Im Spätherbst des vergangenen Jahres war es mir ein ziemlich starkes Bedürfnis, weiter weg zu sein. Vier Monate lang war ich nonstop mit einem Roman auf Tour gewesen und willenlos meinem Terminkalender gefolgt, bis ich mich mehr und mehr wie die kleine Raute auf dem Ladebalken meines Mediaplayers fühlte.“ Also entschließt Jonathan Franzen sich, im wahrsten Sinne des Wortes abzuhauen: Nach Más Afuera („Weiter weg“) nämlich, eine von Menschen unbewohnte Vulkaninsel, achthundert Kilometer vor der Küste von Chile, dafür Heimat aber für Millionen von Seevögeln. Wir erfahren in dem Essay, der dem vorliegenden Band zugleich seinen Titel leiht, dass Franzen ein begeisterter Vogelbeobachter ist. » Weiterlesen

Szilárd Rubin: Die Wolfsgrube

Nach „Kurze Geschichte von der ewigen Liebe“ und „Eine beinahe alltägliche Geschichte“ liegt mit „Die Wolfsgrube“ – dem Rowohlt Berlin Verlag sei gedankt – nun ein weiterer Roman des erst kurz vor seinem Tod 2010 (wieder)entdeckten ungarischen Autors Szilárd Rubin vor. Vom Verlag als „Kriminalroman“ bezeichnet lässt sich der erstmals 1973 in Ungarn erschienene Roman vordergründig durchaus als solcher lesen. Sechs Freunde treffen sich nach 15 Jahren in der Nähe der südungarischen Stadt Pécs wieder. Ergänzt wird die Runde von zwei Ehefrauen, einer Balletttänzerin und der Sprechstundenhilfe des Gastgebers. » Weiterlesen

Wilhelm Genazino : Tarzan am Main

Man könnte den neuen Genazino auch als das Ich-Buch seiner Frankfurter Jahre bezeichnen. Mit gewohnt ironischem Blick lässt der Büchner-Preisträger Erinnerungen an seine Zeit in der Satirezeitschrift Pardon, das jahrelange Pendeln zwischen Freiburg und Frankfurt Revue passieren. Er skizziert bekannte und unbekannte Menschen, lässt Frankfurt und seine Randbezirke und immer wieder die kleinen Verschrobenheiten des Älterwerdens hindurch spazieren, die, einmal wahrgenommen, den Leser nicht mehr loslassen. Der Irrsinn der Stadtplaner korreliert mit den Lebensläufen derjenigen, die vom Weg abgekommen sind. Und doch gibt es einen neuerlichen, schärferen Ton: Randständige, Obdachlose, Alkoholiker und Radfahrer(!) kommen nicht mehr so gut weg. » Weiterlesen

Metin Eloğlu : Fast eine Geschichte

Zunächst sei diesem noch jungen Verlag gedankt, der einen, zumindest den meisten von uns deutschsprachigen Lesern, unbekannten literarischen Kosmos erschließt und zugänglich macht. Die Schauplätze der in diesem Band versammelten 19 meist kurzen Erzählungen, deren Mehrzahl aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts stammt: Strandcafés, Kaffeehäuser, Kneipen. Ihre männlichen Helden und Erzähler: Verlierer, Träumer, Trinker, Zerrissene, Verliebte, die uns von ihrem Scheitern, ihrem Elend, ihren Geldsorgen, ihrem Überdruss und ihrer Einsamkeit berichten, aber auch von ihren Träumen, Hoffnungen und Sehnsüchten, die sich nicht erfüllen werden. » Weiterlesen

Peter Handke – Siegfried Unseld : Der Briefwechsel

Es steht zu befürchten, dass verlagsgeschichtliche Editionen dieser Art, einmal den Gesetzen des Marktes unterworfen, bald der Vergangenheit angehören. Der Briefwechsel zwischen Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld und einem seiner nahestehendsten Autoren, Peter Handke, erscheint womöglich deshalb zur rechten Zeit. Am Leitfaden der in Duktus und Ton immer selbstbewusster und forscher auftretenden Handke-Briefe kann man die Geduld des Verlegers nur bewundern. So wie er die Frechheiten Thomas Bernhards oder Dauerausreden Wolfgang Koeppens wegsteckt, reagiert er klug und besonnen auf die Überempfindlichkeiten und Unterstellungen wie etwa „die Zeit der Lügen muss ein Ende haben“. » Weiterlesen

Ursula Krechel : Landgericht

Was mit einem formalen Zweizeiler beginnt, die Zwangsversetzung des jüdischen Rechtsassessors Kornitzer in den Vorruhestand, ist Auftakt einer Zerstörung, die zeigt, wie ein deutscher Jude systematisch am Wiederaufbau seiner eigenen Geschichte und Existenz gehindert wird. Das Leben der Familie Kornitzer wird von Nationalsozialisten und den Nürnberger Rassegesetzen auseinander gesprengt. Die Eheleute Richard und Claire bangen um die Sicherheit ihrer kleinen Kinder Selma und George und schicken sie nach England. » Weiterlesen

Gaito Gasdanow : Das Phantom des Alexander Wolf

Wenn Kafka zufolge ein Buch die Axt für das gefrorene Meer in uns zu sein hat, dann schlägt einem Gasdanows Romananfang mit voller Wucht zwischen die Augen:
„Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe.“ Der namenlose Ich-Erzähler hat in den Wirren des russischen Bürgerkrieges als 16-jähriger in Notwehr einen Reiter erschossen. Diese Tat – mitnichten ein Mord – verfolgt den Erzähler und holt ihn immer wieder ein. Sie wird zur Grundierung seiner zivilen Existenz als freier exilierter Journalist in Paris. Was er nicht weiß: Der Reiter hat überlebt. » Weiterlesen

Janet Frame : Ein Engel an meiner Tafel

Zunächst sei dem Verlag gedankt, dem das Verdienst gebührt, mit der Neuauflage von Ein Engel an meiner Tafel den zweiten Band der dreiteiligen Autobiografie der großartigen neuseeländischen Autorin Janet Frame (1924 – 2004) wieder zugänglich gemacht zu haben. Kann man ein solches Leben erfinden? Diese Frage kann sich nur derjenige stellen, der nicht weiß, dass es sich hier um einen autobiografischen Text handelt und wir von dem Glücksfall sprechen dürfen, in dem Literatur an das Leben heranzureichen vermag, das sich nicht einordnen lässt in die Kategorien des „Normalen“ oder „Anomalen“. Wo verläuft die Grenze zwischen beiden? Janet Frame hat auf schmerzhafte Weise erfahren müssen, dass die Bestimmung der Grenze ihr selbst über lange Jahre unverfügbar blieb und pure Willkür ist. » Weiterlesen

M. Agejew : Roman mit Kokain

Wir befinden uns an der Schwelle zum ersten Weltkrieg im vorbolschewistischen Moskau. Es ist Winter. Wadim Maslennikow schämt sich seiner niederen Herkunft, hasst und verachtet seine Mutter, knöpft ihr die letzten Rubel ab, um auf nächtlichen Droschkenfahrten arme Mädchen zu verführen und mit Geschlechtskrankheiten zu infizieren. Er gehört zur Troika einer Gymnasialklasse, deren Machtkampf um das interne Ansehen sich an jedem äußeren Ereignis zwar entzündet, doch die historischen Umwälzungen außen vor lässt. Der Stellungskrieg zwischen den Schülern erscheint in den Introspektionen des Ich-Erzählers weittragender als der zwischen Russland und Deutschland. » Weiterlesen

Tomás Gonzáles : Das spröde Licht

Die Geschichte einer Nacht.
Die beiden Brüder Jacobo und Pablo sind auf dem Weg von New York nach Portland. Sie wollen dort einen Arzt treffen, der bereit ist, Jacobo Sterbehilfe zu leisten. Jacobo ist nach einem Unfall vom Hals abwärts gelähmt und leidet seitdem unter unerträglichen neuropathischen Schmerzen, für die es keine Aussicht auf Linderung gibt.

In der New Yorker Wohnung der Familie warten die Eltern David und Sara mit dem dritten Sohn Arturo. Freunde der Familie und Freundinnen der Söhne kommen und gehen. Telefonate werden geführt. Jacobo und Pablo erstatten regelmäßig Bericht über den Fortschritt ihrer Reise und das Warten auf den Arzt. » Weiterlesen

Cees Nooteboom : Briefe an Poseidon

Briefe an den Meeresgott? Woher? Cees Nooteboom sitzt bei einem Glas Champagner in einem Fischrestaurant auf dem Viktualienmarkt, liest in den Tagebüchern von Sándor Márai und entdeckt auf einer blauen Serviette den Namen des Lokals: „Poseidon“. Ein grimmiger Gott mit Dreizack in der Badewanne. Der Spezialist für Meeresfische und Meeresfrüchte. Was für eine Idee. Was für eine berechtigte, in ihrer Schlichtheit bestechende Frage an einen Gott: „Was denkt ihr eigentlich über uns?“ Früher verkleideten sie sich noch als Menschen und wandelten umher. Eine Begegnung mit ihnen war nicht so unwahrscheinlich wie heute. Das Göttliche waltet nicht mehr an jeder Straßenecke. » Weiterlesen

Emmanuel Bove : Begegnung und andere Erzählungen

Unwiderstehlich galant und unwiderstehlich traurig. Das ist Emmanuel Bove. Seine Erzählungen, Novellen und Märchen arrangieren kunstvoll das Begegnen, Begehren und Verfehlen von Mann und Frau wie das von Text und Lesererwartung. In dieser Trias bewegen sich die (Erzähl-)Figuren wie Katz und Maus umeinander. Bereits die Titel kündigen an, worum es in Boves Erzählungen geht: um Kränkungen, verletzten Stolz, um Zurückweisungen, Hoffnungen und Illusionen, die sich wie seidige Stricke um den Heldenkragen legen. In fein ziselierten Psychogrammen zeichnet und koloriert Bove den monströsen Deutungswahn, die Illusionen und fragilen Möglichkeitsräume, in die sich seine männlichen Flanneure wie Artisten verklettern; wie ihnen eine Angebetete im Vorbeigehen zunächst vage Hoffnungen auf ein Abenteuer macht, um sich anschließend mit einem Achselzucken abzuwenden. » Weiterlesen

Andrzej Stasiuk : Tagebuch danach geschrieben.

„Der Sinn würde sich am Ende offenbaren, weil ein Sinn existiert. Deshalb ging ich jedesmal auf Reisen, immer weiter und weiter. Bis ans Ende des Kontinents, damit mir nichts anderes übrigbleibt, als umzukehren.“
Andrzej Stasiuk ist ein Herumtreiber, ein transsilvanischer Vagabund, ein beutegieriger Nomade in Absurdistan. Wo andere lieber nicht hinreisen, weil es zu gefährlich oder zu demprimierend ist, findet Stasiuk literarische Beute. Der Balkan ist sein Revier. Sein Vaterland ist Polen, wo der Kommunismus grau war. „Denn das Land war grau, denn die Gesichter waren grau, denn das Leben war grau und einen Scheiß wert, weil es keine zwanzig Sorten Chips und keinen erschwinglichen Tunesien-Urlaub gab.“ » Weiterlesen

Orhan Pamuk : Die Unschuld der Dinge

Geschichten sind der Stoff, aus dem Geschichte gemacht wird. Orhan Pamuk erzählt die Geschichte zu seinem im April 2012 eröffneten Museum, das seine eigene Geschichte erzählt, die wiederum aus einer unabschließbaren Verweiskette von Geschichten besteht. Die wunderbare Idee zu einem Roman, den man betreten kann, und einem Museum, das man kapitelweise lesen und in dem man sich verlieren kann, entsteht anlässlich eines Familientreffens, bei dem Pamuk Ali Vâsib Efendi kennenlernt. » Weiterlesen

György Konrád : Über Juden

„1944 war ich ein ungarischer Jude, seit 1945 bin ich ein jüdischer Ungar.“ Die in diesem Band versammelten Aufsätze des ungarischen Schriftstellers und Essayisten György Konrád aus den Jahren 1986 bis 2010 gehen der Frage nach, was es vor und nach 1945 bedeutet hat und bedeutet, ungarischer Jude oder jüdischer Ungar bzw. Europäer zu sein. In den meist kurzen Texten macht Konrád eindringlich deutlich, dass Jude sein im Europa unserer Tage zunächst und immer noch heißt: Bedroht zu sein. Denn: „Auschwitz war für das Judentum der größte Denkzettel‚ Gleich, was Du von Dir denkst, du bist und bleibst Jude’, sagte Auschwitz.“ » Weiterlesen

Henry James : Wie alles kam

Anfangs duften Henry James Geschichten nach Replik einer alten Welt. Nach englischem Teegebäck, serviert auf fein gewirkten Damastdecken mit gravierten Silberbestecken in Spiegelsalons jener fernen auf Zerstreuung bedachten angloamerikanischen Upperclass, deren Sorgen sich in der Wahl des nächsten europäischen Reiseziels oder des standesgemäßen Schwiegersohns zu erschöpfen scheinen. Auf den Folgeseiten jedoch reißen menschliche Abgründe auf, die jeden konventionellen Boulevardskandal hinwegfegen. Georgina Gressie, trotziges Früchtchen der New Yorker Society hält den naiven Marineoffizier Benyon auf Abstand und lässt nichts aus, um die Existenz eines gemeinsamen Sohns zu vertuschen. » Weiterlesen

Édouard Levé : Selbstmord

Die Tat selbst erscheint unbegreiflich und banal. Einer kehrt auf dem Weg zum Tennisspiel noch einmal ins Haus zurück, um seinen Tennisschläger zu holen. Er steigt in den Keller und erschießt sich. Draußen wartet die Frau. Ein Comicband liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. „In ihrer Erschütterung stützt sich deine Frau auf den Tisch, das Buch fällt herunter und klappt zu, bevor sie begreifen kann, dass sich darin deine letzte Mitteilung befand.“
Die Nachricht, dass sich der Autor und Fotograf Édouard Levé nur wenige Tage vor der Veröffentlichung seines Romans 2007 in seiner Pariser Wohnung erhängt hat, mag verlegerisch nachhaltig sein. Literarisch brisant und beunruhigend ist dieser Text aus einem anderen Grund: » Weiterlesen

Peter Handke : Versuch über den stillen Ort

Ja. Mit dem „Stillen Ort“ ist tatsächlich jenes sprichwörtlich „stille Örtchen“ gemeint, das uns nicht nur erlaubt, unsere Notdurft zu verrichten, sondern das uns darüber hinaus auch in anderer Not Zuflucht und Asyl bietet, wenn die Zumutungen dessen, was wir Welt, Gesellschaft oder das Soziale nennen, überhand nehmen und wir einen Ort im Abseits benötigen, um (manchmal im eigentlichen Sinne des Wortes) hinauszutreten und wieder oder allererst zu uns selbst zu kommen. Auf dem Klosett des geistlichen Internats macht der junge Peter Handke die Erfahrung, dass es an diesem Ort erstmals um ihn (und niemand anderen) geht. » Weiterlesen

Alex Capus : Skidoo

Bodie, die Goldgräber-Geisterstadt im Nordosten Kaliforniens hinter den verschneiten Bergspitzen der Sierra Nevada war einst Schauplatz prunkvoller Beerdigungen dort lebender Chinesen, Betreiber in Zeiten des Goldrauschs unverzichtbarer Dienstleistungsangebote wie Wäschereien, Restaurants und Opiumhöhlen, die ihren Verstorbenen allerlei Speisen ins Grab legten: Frühlingsrollen, Kanton-Reis und süßsaure Entenbrust. Was wiederum die Paiute-Indianer dazu motivierte, sich rasch profunde ethnographische Kenntnisse der chinesischen Bestattungsrituale anzueignen, um an diese Köstlichkeiten zu gelangen. » Weiterlesen