Patricio Pron: Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf

pron-der-geist-meiner-vaeter-steigt-im-regen-aufEin junger Mann kehrt 2008, nachdem er acht Jahre in Deutschland gelebt hat, in seine argentinische Heimat zurück, da sein Vater schwer erkrankt ist. Durch exzessiven Konsum von Drogen hat er fast vollständig sein Gedächtnis verloren. Während sein Vater im Krankenhaus um sein Leben kämpft, findet der Erzähler auf dessen Schreibtisch eine Aktenmappe, in der sein Vater Zeitungsartikel über den Tod eines gewissen Alberto José Burdisso gesammelt hat. Wer war dieser Burdisso? Und welche Verbindung besteht zum Vater des Erzählers? Der Sohn beginnt zu lesen und erfährt, dass der Vater in der Zeit der Militärdiktatur (1976 – 1983) Alicia Burdisso, die Schwester des Ermordeten, kannte, die im Juni 1977 verhaftet wurde und für immer verschwand – so wie 30.000 weitere politische Gegner oder bloß Verdächtige. Der Vater war es, der Alicia Burdisso für die Mitarbeit in jener peronistischen Organisation gewann, in der er eine leitende Rolle spielte; und der sich deshalb noch dreißig Jahre danach für ihr Verschwinden und ihren Tod verantwortlich fühlt. Der Erzähler erkennt: „Kinder sind die Detektive ihrer Eltern, die sie in die Welt entlassen, damit sie eines Tages zu ihnen zurückkehren und ihnen ihre Geschichte erzählen, die ihnen selbst erst so verständlich wird.“ Die Erinnerung an die eigene Kindheit unter dem Vorzeichen des Terrors der Militärdiktatur kehrt mit Wucht zurück. Er erfährt, dass es seinem Vater lieber gewesen wäre, nicht zu den wenigen Überlebenden zu gehören, „denn ein Überlebender ist der einsamste Mensch der Welt“. Dem Vater hätte es nichts ausgemacht zu sterben, „wenn im Gegenzug die Möglichkeit bestanden hätte, dass jemand sich an ihn erinnerte und später beschlossen hätte, seine Geschichte zu erzählen“. Darum auch musste der Vater die Erinnerung an Alicia Burdisso wach halten. Wir alle sind darauf angewiesen, dass jemand sich entschließt, unsere Geschichte zu erzählen, um uns vor dem absoluten Verschwinden zu bewahren. Der Erzähler nimmt diesen Auftrag an. Herausgekommen ist dieses Buch, das wir nicht nur denen ans Herz legen, die wissen wollen, wie die Generation der in den 70er Jahren in Argentinien Geborenen versucht, den Terror und die Angst, die ihre Kindheit und das Leben ihrer Eltern prägte, zu verstehen, sondern auch all jenen, die berührt sind von dem Wunsch, „es gebe eine Minute, die aus der Uhr entwischt, um niemals einzutreten, und zwar die Minute, in der jemand stirbt; keine Minute möchte dieser Moment sein, lieber flieht sie und lässt die Uhr mit den Zeigern fuchteln und dumm aussehen.“